Deutscher Gewerkschaftsbund

Die Zukunft der Ausbildung: Der Parlamentarische Abend der DGB-Jugend 2016

Wie Ausbildung künftig funktioniert, ist auch eine Frage, wie die Zukunft der jungen Generation und der gesamten Gesellschaft aussieht. Der Parlamentarische Abend der DGB-Jugend am 30. November 2016 in Berlin.

Parlamentarischer Abend

© Jürgen Kiontke

Parlamentarischer Abend in Berlin 2016: Die Jugend stellt Mindestanforderungen

Bootsbauer haben zurzeit ganz gute Ausbildungsmöglichkeiten in Süddeutschland. Es gibt viel zu tun. "Ein toller Beruf", sagt Bastian, der in Hamburg studiert und die Bootsbauer-Azubis noch aus seiner Zeit als Jugendvertreter kennt. "Bei der Geschichte gibt es nur ein Problem", sagt er. Denn die einzige Berufsschule für diese Azubis steht in Norddeutschland. Wenn die jungen Handwerker zum Blockunterricht fahren, werde es teuer und unbequem. Nicht nur, dass Fahrtkosten entstünden. Die Unterbringung sei auch nicht geregelt. "Die zelten dann neben der Schule", sagt Bastian.

Im Berufsbildungsgesetz (BBiG) seien dringend die entsprechenden Änderungen vorzunehmen, meint er, "damit es solchen Irrsinn nicht mehr gibt".

Marie-Therese ist im dualen Studium, Umwelttechnik im siebten Semester. Eine Ausbildung zur Mechatronikerin hat sie bereits abgeschlossen. "In meinem dualen Studium gab es keine Ausbildungs-, sondern eine Studienzusatzvergütung. Wenn ich schon einen Ausbildungsberuf mache, will ich auch einen Vertrag, der unters BBiG fällt. Sodass der Ausbildungsrahmenplan auch für mich gilt. Nachher fallen Ausbildungsinhalte einfach unter den Tisch", sagt sie.

Für die doppelte Auslastung gab es 800 Euro brutto. Eine Vergütung, die unter dem BAföG-Höchstsatz liegt. "Obwohl wir die Doppelbelastung von Ausbildung und Studium haben – und in der gleichen Zeit wie die reinen Azubis fertig werden sollen."

Parlamentarischer Abend

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"Das duale Studium gehört auf jeden Fall ins BBiG"

Nach zwei Jahren wurde die Vergütung angeglichen. "Mit einer Aktennotiz", sagt Marie-Therese, "nicht dass es etwa neue Verträge gab."

Unklar blieb auch anderes. Im Studium sollte sie ihre Schwerpunkte mit dem Ausbilder absprechen. "Eigentlich kann man die doch frei selbstbestimmen, oder? Sonst ist es doch kein Studium." Zusammengefasst gesagt: Für das duale Studium fehlen im BBiG bis heute sämtliche Regelungen. Die wären aber dringend nötig. Eine Sache, die mit einer abgeschlossenen Ausbildung endet, gehöre dort nun mal hinein.

Wie Bastian ist Marie-Therese heute, am 30. November, nach Berlin gekommen, um gemeinsam mit anderen jungen Gewerkschaftsmitgliedern am Parlamentarischen Abend der DGB-Jugend teilzunehmen. Angereist sind sie schon ganz früh: Mittags gab es eine Aktion vor dem Bundesbildungsministerium, auf dessen Chefin die Gewerkschaftsjugend nicht gut zu sprechen ist: Ministerin Johanna Wanka (CDU) hat eine Evaluation des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) in Auftrag gegeben, wie es der Koalitionsvertrag der Regierungsparteien CDU/CSU und SPD vorsah. Heraus kam, dass es keinen Änderungsbedarf an dem zuletzt 2005 überarbeiteten wichtigsten Gesetz zur beruflichen Bildung in Deutschland gibt. Seitdem schweigt Wanka.

Die Gewerkschaftsjugend hat entschieden: Wenn Johanna Wanka nicht zu uns kommt, kommen wir zu ihr. Die Forderungen ihrer Kampagne zu einer BBiG-Reform haben sie ihr ans Ministeriumsfenster geheftet.

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Die Gewerkschaftsjugend will:

  • eine Ausweitung des Geltungsbereichs: Trotz der besonderen Bedeutung des BBiG werden zahlreiche berufliche Ausbildungsgänge und vergleichbare neue Ausbildungsstrukturen nicht nach dem Gesetz geregelt. Das führt oftmals zu unklaren Rechtsverhältnissen oder schlechteren Ausbildungsbedingungen. Das BBiG soll daher zu einem einheitlichen Gesetz, das einen gleichen Qualitätsstandard für alle Ausbildungsberufe und betriebliche Phasen von Ausbildungen sicherstellt, ausgebaut werden: Alle Ausbildungsberufe, die bisher eigene Ausbildungsgesetze haben oder die nach Landesrecht geregelt sind, sollen in den Anwendungsbereich des BBiG aufgenommen werden. Das Gesetz soll auch für dual Studierende in ihren Praxisphasen in einem grundständigen Studium gelten, ebenso für jede Form von Praktika, die dazu dienen, Lernziele oder Abschlüsse im beruflichen Sinne zu erlangen.
  • eine Ausbildungsgarantie: Es muss für alle in Deutschland lebenden jungen Menschen einen rechtlich verbindlichen Anspruch auf eine qualitativ hochwertige Ausbildung geben. Die Beratung muss sich an den Bedürfnissen und der individuellen Lebenssituation der jungen Menschen orientieren. Ziel der Beratung ist es, alle interessierten jungen Menschen in eine betriebliche Ausbildung zu vermitteln.
  • die Lehr- und Lernmittelfreiheit: Es muss klar im BBiG verankert sein, dass die Berufsausbildung für die Auszubildenden und dual Studierenden – im Betrieb, in der Berufsschule, in der (Fach-)Hochschule und auch in außer- und überbetrieblichen Einrichtungen – kostenfrei stattfindet. Alle im Zusammenhang mit der Ausbildung entstehenden Kosten müssen vom Ausbildungsbetrieb bzw. vom Ausbildungsträger übernommen werden. Dazu gehören Ausbildungsmittel, Dienstkleidungsstücke, Schutzausrüstung, Fachliteratur, Unterkunftskosten beim Blockunterricht und eventuell anfallende Schulgelder ebenso wie die anfallenden Fahrtkosten für den Weg vom Wohnort zu den Ausbildungsstätten und der Berufsschule bzw. (Fach-)hochschule.
  • die Festschreibung der Eignung des Betriebs und der Ausbilder_innen: Dazu braucht es eine deutlichere Formulierung im BBiG, die die fachliche Ausstattung und Bereitstellung zeitgemäßer Ausbildungsmaterialien in der Ausbildungsstätte sicherstellt. Auch die Anforderungen an die Ausbilder_innen müssen der wichtigen Rolle, die sie einnehmen, entsprechend formuliert werden: Dazu gehört ihre Qualifizierung nach einem einheitlichen berufspädagogischen Standard und eine Aktualisierung und Modernisierung der Ausbildereignungsverordnung. Ebenfalls damit verbunden ist eine Weiterqualifizierungsverpflichtung. Auch muss eine ausreichende Anzahl von Ausbilder_innen für eine beschränkte Anzahl von Auszubildenden sichergestellt sein. Als sinnvollen Standard sieht die Gewerkschaftsjugend einen Betreuungsschlüssel von 1:8 an. Weitere wichtige Aspekte sind die Sicherung der Ausbildungsqualität, die Anrechnung von Berufsschulzeiten, die Lernortkooperation, die Weiterbeschäftigung nach der Ausbildung sowie das Thema Durchlässigkeit.

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Parlamentarischer Abend

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Berufsschule mit Zelten - "da gibt es Bedarf nach gesetzlichen Regelungen".

Seit einem Jahr sorgt die DGB-Jugend nun für Öffentlichkeit. "Wir haben unsere Forderungen zu unserer Bundestagsabgeordneten Marianne Schieder getragen", sagt Marie-Therese. Stabile politische Kontakte sind entstanden. Und sie ist inzwischen bei der IG Metall Koordinatorin für die BBiG-Kampagne und im Ortsjugendausschuss aktiv. Sie sagt: "Ich weiß nicht, ob Frau Wanka Kinder hat. Aber es kann ihr nicht egal sein, wenn die duale Ausbildung den Bach runtergeht."

Um nun in größerem Rahmen in Kontakt mit den Bundestagsabgeordneten zu treten, hat die DGB-Jugend eine sogenannte Fishbowl-Diskussion organisiert. Ein enger Kreis Stühle steht in der Mitte, dort wird diskutiert. Und außenrum sitzen die Zuhörer_innen. Wer mitreden will, setzt sich einfach auf einen freien Platz in der Mitte.

Zuvor gibt die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack einen kurzen Input. Die Abbruchquote in manchen Branchen sei sehr hoch, die Ausbildungsqualität leide seit geraumer Zeit. Das zeige auch der DGB-Ausbildungsreport 2016. Hannack: "Wir haben insgesamt Verbesserungsbedarf. Wir brauchen Rechtssicherheit im dualen Studium. Die Evaluation des Ministeriums blendet das aus."

Die Jugend sei mit ihrer Kampagne innerhalb der Gewerkschaften erfolgreich gewesen. "Keine Demo war ohne euren Slogan 'Ausbildung besser machen'."

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DGB-Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller setzt die Kritik fort: "Eine Ministerin, die nicht mit uns redet, gehört abgewählt." Der diesjährige Ausbildungsreport habe zu Tage gebracht: Jeder vierte Azubi könne sich nicht in der Freizeit entspannen. Bei frauendominierten Berufen seien die Verhältnisse besonders schlecht. Und insgesamt seien schon 40.000 Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben aufgrund von mangelnder Qualität. Haggenmiller: "Kein Wunder, dass alle über Fachkräftemangel reden." Zur Kampagne sagt er: "Wir haben gesehen, dass Politik von Menschen gemacht wird. Wir können aktiv Einfluss nehmen. Die Abgeordneten sollen die Erfahrungen aus den Betrieben mitnehmen. Es geht um die Zukunft der jungen Generation."

Die Fischglas-Debatte zeigt die Schwierigkeiten auf. Am meisten Interesse weckt das Thema duales Studium. Rainer Spiering von der SPD findet, dass das duale Studium in den Rechtskreis Universität gehört. Damit ist es Ländersache. "Ich habe keine rechtliche Handhabe." An den Zuständen lasse sich nichts ändern. Das BBiG sei nicht zuständig.

Sonja Staack von der GEW kontert: "Beim dualen Studium kann ich nur studieren, wenn ich einen Ausbildungsvertrag habe. Und dann ist das BBiG nicht der richtige Ort? Klärt das mal und macht was draus", rät sie den Politiker_innen.

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"Was ist mit den Frauen?" MdB Dorothee Schlegel (SPD)

Sara ist ein anderes Thema wichtig: Diskriminierung: "Mit 16 habe ich eine Ausbildung zur Mikrotechnologin begonnen. Nach einem halbem Jahr spricht der Ausbilder das erste Mal mit mir. Er hätte nicht gedacht, dass sie es soweit schaffe. Sara sagt: "Ich finde, solche Leute sollte man nicht auf Azubis loslassen.

Jutta Krellmann von der Linkspartei merkt an, dass man auch die Situation der Ausbilder_innen im Blick haben sollte. "Die bekommen ja nicht etwa zusätzlich Geld." Und seien selbst oft überlastet. "JAV und Betriebsräte müssen da gut kontrollieren."

Spiering berichtet aus seinen Erfahrungen von Besuchen in den Betrieben. Manche "haben 1200 Mitarbeiter und nur zehn Azubis. So geht das nicht." Umgekehrt gebe es wiederum Unternehmen mit einem Betreuungsschlüssel von 1:60.

Die Mindestanforderung der Gewerkschaftsjugend: Das BBIG muss novelliert werden!

Aber Probleme gibt es auch noch woanders: Ausbildung finde in Deutschland zumeist in Handwerksbetrieben statt. "Da sind dann drei Gesellen und ein Azubi." Und vielleicht gar kein Ausbilder. Das BBiG würde manchmal auch schlichtweg nicht eingehalten.

Am Rande wird über eine Mindestausbildungsvergütung diskutiert. Eine Grenze nach unten ziehen - diese Debatte gab es auch schon um den Mindestlohn, meint SPD-Abgeordnete Dorothee Schegel. Und der funktioniere schließlich auch. Und sie findet es insgesamt schlimm, dass es generell keine Fortschreibung des BBiG gibt, die den Bedürfnissen und dem sich verändernden Ausbildungsmarkt Rechnung trägt. "Wenn wir ein Land sein wollen, dass sich über Bildung definiert, muss ich an der Situation dranbleiben. Wir brauchen einen starken Auftrag aus den Gewerkschaften", sagt sie.

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Die Diskussion im Fishbowl: "Schlimm, dass es...

Die duale Ausbildung sei durchaus nach Profitinteressen ausgerichtet worden. "Bei der Wertschöpfung wollte man alles aus den Azubis rausholen. Lücken in der Gesetzgebung wurden nicht nur gesucht, sondern auch gefunden." So könne es nicht weitergehen. "Wenn ich den bestausgebildeten Nachwuchs haben will, muss ich mehr aufpassen", sagt Schlegel.

Und der Nachwuchs braucht gute Ausbildungsbedingungen. Die Mindestanforderung der Gewerkschaftsjugend dafür lautet: Das BBIG muss novelliert werden!

In Sachen BBiG heißt es: Wir bleiben dran. In weniger als einem Jahr ist Bundestagswahl - alle Parteien bereiten sich schon auf den Wahlkampf vor, sammeln die Themen für ihre Wahlprogramme und die Koalitionsverhandlungen ein. "Wir werden den Politiker_innen klarmachen, welche Erwartungen junge Gewerkschafter_innen vor und nach der Bundestagswahl an sie stellen", sagt DGB-Jugend-Referentin Anna Leona Gerhardt.

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...keine Fortschreibung des BBiG gibt, die den Bedürfnissen und dem sich verändernden Ausbildungsmarkt Rechnung trägt"

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