Deutscher Gewerkschaftsbund

Entscheidend ist das Klima - Antirassismus im Betrieb

Antirassismus im Betrieb: Rechte Vorurteile und Sprüche, die das soziale Miteinander stören und Kolleg_innen ausgrenzen, gibt es auch in Betrieben. Aber JAVen und Betriebsräte können dagegen vorgehen. Von Stefan Dietl

Gelbe Hand Gewinner 2018

© Gelbe Hand

Gegen Rassismus im Betrieb. Die Gewinner der "Gelben Hand"-Preise 2018

Die Mitbestimmung und ihre Gremien
Fremdenfeindlichkeit ist ein Problem, das die gesamte Gesellschaft betrifft. Kein Wunder, dass Ausgrenzung und Diskriminierung auch in der Arbeitswelt eine Rolle spielen. Dabei kann Rassismus im Betrieb viele Gesichter haben: Ausländische Kolleg_innen, die aufgrund ihrer Herkunft bei der Beförderung übergangen werden oder weniger Geld für die gleiche Arbeit bekommen, Mitarbeiter_innen, die rassistische Witze reißen oder rechte Parolen verbreiten.

Unabhängig davon, wie sich rassistische Vorurteile ausdrücken, sie grenzen aus und stören das soziale Miteinander: am Fließband, im Büro, im Aufenthaltsraum oder beim Essen in der Kantine.

Bei der Aufgabe, gegen Ausgrenzung und Rassismus vorzugehen, kommt betrieblichen Interessenvertretungen wie dem Betriebsrat oder der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) eine besondere Verantwortung zu. Sie sind der erste Ansprechpartner bei Diskriminierungsvorfällen – und das Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) gibt ihnen weitreichende Kompetenzen, Diskriminierungen zu verhindern, sie gegebenenfalls zu sanktionieren und das Zusammenleben im Betrieb zu fördern.

Diskriminierung? Nicht mit uns
Werden Mitarbeiter_innen beispielsweise diskriminiert und bei einer Beförderung nicht berücksichtigt, verlangt Paragraph 75 BetrVG, dass der Betriebsrat dagegen vorgeht. Denn er verpflichtet Arbeitgeber wie Betriebsrat, darüber zu wachen, dass jegliche Form der Benachteiligung aufgrund von ethnischer Herkunft, Religion, Behinderung, Alter, Geschlecht, sexueller Identität oder politischer Einstellung unterbleibt. Stört jemand durch rassistische oder fremdenfeindliche Handlungen wiederholt den Betriebsfrieden, kann der Betriebsrat sogar fordern, dass die Person entlassen wird.

Es geht jedoch nicht nur darum, gegen Ausgrenzung und Diskriminierung arbeitsrechtlich vorzugehen, mindestens genauso wichtig ist es, mit Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit Vorurteile abzubauen und zu überwinden und die Kolleg_innen so zu sensibilisieren. Gerade Betriebsräte und JAVen haben viele Möglichkeiten, im Betrieb ein Klima zu erzeugen, das Rassismus gar nicht erst möglich macht. Der Paragraf 80 BetrVG etwa gibt dem Betriebsrat nicht nur auf, die Integration und das Verständnis zwischen migrantischen und deutschen Kolleg_innen zu fördern, er ermöglicht es ihm auch, konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus zu beantragen.

Direkte Ansprache
Die Aktivitäten gegen rechte Hetze und rassistische Vorurteile können dann ganz unterschiedlich aussehen. In Hamburg zum Beispiel machte die JAV der Deutschen Post DHL den Umgang mit rechten Sprüchen im Betrieb und in sozialen Medien zum Thema ihrer Jugend- und Auszubildenden-Versammlung und lud Klaudia Tietze vom gewerkschaftlichen Verein "Mach’ meinen Kumpel nicht an!" e.V. ein. "Wir wurden von mehreren Azubis angesprochen, die im Betrieb Probleme mit Zustellern haben, die sich zum Beispiel über ihren Akzent lustig gemacht haben, und die nicht wussten, wie sie sich verhalten können", erklärte der JAV-Vorsitzende Emre Sari.

Mit dem Vortrag konnten Strategien aufgezeigt werden, wie man mit rechten Sprüchen umgehen kann: Es kommt vor allem darauf an, Gegenposition zu beziehen und nachzuhaken. Manchmal reicht es bereits, nachzufragen: "Wie kommst du auf sowas?" oder "Woher hast du deine Informationen?" Entscheidend ist, dass rechte Aussagen nicht isoliert und unwidersprochen im Raum stehenbleiben.

Konkrete Aktionen
Plakat-Aktionen mit Slogans gegen Rassismus können ebenso zur Aufklärung der Kolleg_innen im Betrieb beitragen wie interkulturelle Feste, Ausstellungen über die Situation von geflüchteten Menschen in Deutschland oder die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. So besuchten alle drei Ausbildungsjahrgänge des Kölner Instituts für Berufsbildung in diesem Jahr gemeinsam mit ihrer Ausbildungsleitung das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Im Anschluss folgte ein interaktiver Workshop mit den Mitarbeiter_innen der Info- und Beratungsstelle gegen rechts, bei dem sich die Teilnehmenden mit Vorurteilen, Stereotypen von Minderheiten und Ausgrenzungsmechanismen in der heutigen Zeit beschäftigten.

Die "Gelbe Hand" hilft
Unterstützung im Kampf gegen Vorurteile und Diskriminierung erhalten Jugendvertreter_innen dabei von den Gewerkschaften, die sich der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen aller Beschäftigten – unabhängig von Herkunft, Religion oder Hautfarbe – verschrieben haben. Zum Symbol des gewerkschaftlichen Kampfes gegen Rassismus ist die "Gelbe Hand" des 1986 gegründeten Vereins "Mach meinen Kumpel nicht an!" e.V. geworden. Dieser ist Ansprechpartner für betriebliche Interessenvertretungen und unterstützt mit Expertisen und Materialien Jugendvertretungen und Betriebsräte bei ihren Aktivitäten gegen rechts.

Für Giovanni Pollice, den Vorsitzenden des Kumpelvereins, ist der Kampf gegen jede Form der Ausgrenzung und Diskriminierung eine Kernaufgabe von Gewerkschaften und betrieblichen Interessenvertretungen: "Wir können über den Betriebsrat, über die Gewerkschaft in den Betrieb hineinwirken, quasi als Scharnierfunktion, um so im Betrieb für das Thema zu sensibilisieren und ein deutliches Zeichen gegen Rassismus zu setzen."


Stefan Dietl ist stellvertretender Vorsitzender des ver.di-Bezirks Oberpfalz und Mitglied im Landesvorstand der ver.di Bayern. Er ist Autor des Buches "Die AfD und die soziale Frage: Zwischen Marktradikalismus und ‘völkischem Antikapitalismus‘", Unrast Verlag, Münster 2017, 168 S., 14 Euro

 

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Bei Evonik isst man lecker bunt
Der Sonderpreis der DGB-Jugend Nordrhein-Westfalen beim bundesweiten Wettbewerb "Die Gelbe Hand" geht in diesem Jahr an die Jugend-und Auszubildendenvertretung Evonik AG in Marl.

Die jungen Beschäftigten beeindruckten die Jury mit ihren kreativen betrieblichen Aktionen im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus 2017. Unter dem Motto "Bunt isst lecker" ließen sie "M&M’s" mit den Länderumrissen der 59 Nationen bedrucken, die in der Belegschaft des Evonik-Standorts Marl vertreten sind. Die Schokolade verteilten sie in der Kantine.

Besondere Aufmerksamkeit erregten 59 bunte Riesenluftballons, die die JAV entlang der Zufahrtsstraße zum Chemiepark aufstellten, "Diversity hebt sich ab" lautete hier das Motto. Passend dazu waren vor dem Werkstor "Bäume der Vielfalt" mit Statements der Belegschaft aufgestellt. "Wir wollten der negativen Stimmung in der Gesellschaft etwas entgegensetzen und die positiven Aspekte der Vielfalt betonen", erklärten die JAV-Vorsitzenden Linda Wozniak und Sebastian Burdak ihre Motivation.

Höhepunkt der Aktivitäten war eine große Abschlussaktion, bei der alle Auszubildenden als Menschenbild in bunten Regencapes ein Herz und das Wort "WORLD" formten. Dabei ließen sie hunderte Luftballons aufsteigen.

Unterstützt wurde das Engagement der Jugend sowohl von Unternehmensseite als auch vom Gesamtbetriebsrat und der zuständigen Gewerkschaft IG BCE. "Alleine hätten wir das alles nicht stemmen können. Wir hatten stets die Unterstützung des Unternehmens. Und ein wichtiger Partner, um das umzusetzen, war die IG BCE", betonte Sebastian Burdak bei der Preisverleihung.
Stefan Dietl

 

Diskriminierungsfreie Kultur als Ziel
Alljährlich verleiht der Verein "Mach meinen Kumpel nicht an!" e.V. seinen Preis "Die Gelbe Hand" für die besten Aktionen im Kampf gegen Rassismus und extreme Rechte im Betrieb. Zu den Gewinnern des diesjährigen Wettbewerbs gehört die Gesamtjugend- und Auszubildendenvertretung des Nestlé-Konzerns Deutschland. Sie wurde für ihr Konzept gegen Diskriminierung und Ausgrenzung im Betrieb erstmals mit dem Sonderpreis "Idee" ausgezeichnet.

Bisher gab es an den Standorten von Nestlé Deutschland kaum Präventions- und Aufklärungsarbeit zu Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Das wollten die Jugendvertreter_innen ändern und haben ein Gesamtkonzept entwickelt, um das solidarische Miteinander im Betrieb zu fördern.

Neben Input von Expert_innen auf Betriebsversammlungen sieht das Konzept vor, die Kolleg_innen direkt vor Ort anzusprechen und Informationsmaterialien und Broschüren zu verteilen. Statements auf Plakaten und Flugblättern sollen die Belegschaft zum Thema Ausgrenzung und Diskriminierung sensibilisieren und aufklären. Unterstützung bei der konkreten Umsetzung ihres Konzepts erhalten die Auszubildenden vom Kumpelverein.


Die JAV in den Medien
"Wenn ein Vermittler zwischen zwei Parteien oder ein juristischer Beistand benötigt wird, ist die JAV, dieser 'Betriebsrat für Auszubildende', zur Stelle."
Mittelbayerische Zeitung, 20. Juni 2018

"Wir leben in Frieden, können unsere Meinung frei äußern und haben demokratische Strukturen selbst auf den unteren Ebenen."
Florence Berendt, Mitglied der JAV des Kreises Lippe, in Focus online, 18. April 2018

"Sich sozial zu engagieren und über den eigenen Tellerrand zu schauen – das waren wichtige Inhalte des Sozialprojekts, welches dieses Jahr von Auszubildenden der JUMO GmbH & Co. KG organisiert und durchgeführt wurde. Das Projekt stand unter dem Motto, die Verbindung von Menschen, Arbeit und Spaß zu stärken. Initiiert wurde das Sozialprojekt von der Jugend- und Auszubildendenvertretung."
Osthessen-News, 26. März 2018