Deutscher Gewerkschaftsbund

JAV verhindern? Das ist Union Busting in reinster Form

Der ver.di-Jugendsekretär Franz Hartmann erzählt, wie die Supermarktkette Netto die Mitbestimmung von Jugendlichen aushebelt und was dagegen hilft.

Franz Hartmann

ver.di Jugend-Sekretär Franz Hartmann © ver.di Jugend

Bei der Supermarktkette Netto wurde in Norddeutschland vor kurzem eine Jugend- und Auszubildenden-Vertretung (JAV) gewählt. Der Weg dahin war schwierig. Warum?
Netto hat mit verschiedensten Tricks versucht, die Wahl zu verhindern. Im Dezember 2017 wurde die JAV schließlich gewählt. Mit der Vorbereitung, also der Aufstellung eines Wahlvorstandes, haben wir fast ein Jahr vorher begonnen. Normalerweise dauert das einen Monat. Netto hat den Mitgliedern des Wahlvorstandes zunächst keine Schulungen genehmigt. Dann hat man die Wahlunterlagen mehr als zehnmal korrigieren lassen. Außerdem hat sich Netto geweigert, das Porto für die Versendung der Wahlunterlagen zu übernehmen, obwohl das Unternehmen dazu verpflichtet ist. Dadurch war unklar, ob wir den Wahltermin überhaupt halten können. Am Ende wurden die 1.200 Briefe einen Tag vor der Wahl verschickt. Das wirkt sich natürlich negativ auf die Partizipation aus.

Warum hat die Supermarktkette ein solches Problem mit der Mitbestimmung durch die Auszubildenden?
Der Discounter ist enorm gewerkschaftsfeindlich. Für die Sozialpartnerschaft ist der Handel ohnehin eine schwierige Branche und Netto ist dabei einer der aggressivsten Akteure. Um die Mitbestimmung auszuhebeln, gehen sie mit massivem psychologischen Druck und viel Kreativität vor. Das ist Union Busting in reinster Form.

Am Ende konnte die JAV dennoch gewählt werden. Wie wehrt man sich, wenn das Unternehmen derartigen Widerstand ausübt?
Durch Klagen. Vor dem Arbeitsgericht in Celle sind wir Dauerkunden. Um die JAV-Wahl durchzuführen, mussten wir mehrere Male juristisch gegen Netto vorgehen. Wir haben immer gewonnen. Netto verhält sich klar gesetzeswidrig. Aber sie spekulieren darauf, dass die Menschen es auf Dauer nicht durchhalten, ihr Recht immer wieder vor Gericht einzuklagen.

Was bedeutet eine solche Erfahrung für die Jugendlichen?
Das ist ein unglaublicher psychischer Druck. Als Azubi will man in erster Linie seine Ausbildung gut abschließen und sich nicht jeden Tag mit dem Chef anlegen. Nach der Wahl haben die Filialleiter ihren Auszubildenden verboten, zur konstituierenden Sitzung der JAV zu gehen.

Auch dagegen mussten wir klagen. Aber man kann sich vorstellen, wie schwer es für einen Azubi ist, sich dem Verbot des Chefs zu wiedersetzen. Da geht man ein großes persönliches Risiko ein. Kurz nach der Wahl sind drei Jugendliche aus der JAV zurückgetreten. Alle drei kamen aus dem gleichen Filialgebiet und haben ihren Rücktritt mit einem sehr ähnlichen Schreiben begründet. Wir sind uns ziemlich sicher, dass das nicht ihre Formulierungen waren, sondern vor Ort Druck ausgeübt wurde.

Was steht für die gewählten Jugendvertreter_innen nun auf der Agenda?
Zunächst geht es darum, die JAV zu etablieren und zu schulen. Die gewählten Mitglieder haben ein Recht auf Fortbildungen. So können sie lernen, welche Möglichkeiten sie haben, was sie dürfen und was nicht. Wir sind gerade dabei, diese Schulungen durchzusetzen. Die Mitglieder der JAV haben große Lust. Wir müssen aufpassen, dass sie vom Arbeitgeber nicht so stark unter Druck gesetzt werden, dass sie die Flinte ins Korn werfen.

Interview: Josephine Schulz