Deutscher Gewerkschaftsbund

Du musst selbst aktiv werden

Cheyenne Todaro erzählt davon, wie man sich als Frau in einem Männerbetrieb behauptet und warum der Zusammenhalt von Auszubildenden unter steigendem Leistungsdruck leidet.

Cheyenne Todaro

© C.T.

Setzt sich durch: die ehemalige JAV-Vorsitzende und jetzige IG Metall-Betriebsrätin Cheyenne Todaro

Cheyenne, bis vor wenigen Wochen warst du Vorsitzende der JAV bei Mercedes-Benz in Mannheim. Deine Stellvertreterin Nesrin Dogan und du, ihr habt das Gremium in einem ziemlich männerdominierten Umfeld als weibliche Doppelspitze geleitet. Hast du das Gefühl, das war etwas Besonderes?
Die Berufe, die hier ausgebildet und beschäftigt werden, sind noch sehr stark von Männern dominiert. Daher ist es schon etwas Besonderes. Aber obwohl die Frauen in der Ausbildung absolut in der Minderheit sind, engagieren sie sich überdurchschnittlich und kandidieren häufig für Ämter. Von neun Auszubildendenvertretern in unserer JAV waren drei Frauen. Das ist schon eine sehr gute Quote. Und im Betriebsrat ist es genauso.

Wie erklärst du dir das?
Ich denke, das ist über die Jahre gewachsen. Der Jugendbereich war in den letzten Jahrzehnten männlich geprägt. Mit mir gab es nach sehr langer Zeit wieder eine weibliche Vorsitzende. Ich habe das jetzt sechs Jahre gemacht, dadurch ist das mittlerweile etabliert und akzeptiert.

Steht man als junge Frau, die mehrere hundert Auszubildende vertritt, trotzdem vor besonderen Herausforderungen?
Am Anfang war es mitunter schwierig, auch mit den Vorgesetzten, die alle Männer waren. Aber wir haben bewiesen, dass Frauen das mindestens genauso gut machen, in manchen Fragen vielleicht sogar ein kleines Stückchen besser. In der ersten Zeit und auch in der Berufsschule – da waren außer mir noch drei oder vier andere Frauen zwischen über 300 Männern – habe ich auch erlebt, dass man auf sein Aussehen und sein Geschlecht reduziert wurde. Es gibt da schon einen gewissen Alltagssexismus.

Auch das Alter war am Anfang Thema. Ich bin mit 19 Jahren Vorsitzende der JAV dieses großen Werks geworden. Kritische Stimmen sind dann aber schnell verstummt. Weil die Leute gesehen haben, dass ich meine Arbeit gut mache, zuverlässig und mit großer Leidenschaft.

Welche Themen und Probleme der Auszubildenden haben dich als JAV-Vorsitzende umgetrieben?
Das ist so breit, darüber könnte ich irgendwann Bücher schreiben. Die Menschen kommen mit allem zu dir: von der Trennung der Eltern über Schwangerschaft, Drogen, Beziehungsprobleme. Besonders aufgefallen ist mir in den letzten Jahren der gestiegene Leistungsdruck. Das klingt wie eine Floskel, aber es stimmt. Der Zusammenhalt und die Solidarität schwinden. Das ist eine Veränderung, die man auf dem gesamten Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft beobachten kann. Prekäre Beschäftigung ist mittlerweile kein Randphänomen mehr, auch hier am Standort haben wir fast dauerhaft Leiharbeitnehmer_innen.

Und der Ausbildungsmarkt hat sich genauso verändert: Auf der einen Seite müssen die Betriebe schauen, dass sie genug Bewerber_innen finden, auf der anderen Seite erwarten die Arbeitgeber, dass alle Auszubildenden die Besten sind und man sich möglichst wenig um sie kümmern muss. Den Azubis wird signalisiert: Wenn du dich nicht anstrengst, gibt es 30 Leute da draußen, die gerne deinen Platz hätten.

Was bedeutet das für die JAV-Arbeit?
Man muss die Leute einfach ermutigen. Sie sollen selbstbewusst sein. Sie sind keine Stifte und keine Aushilfen. Sie sind Auszubildende mit Pflichten natürlich, aber auch mit Rechten, die ihnen zustehen. Ich habe versucht zu vermitteln, dass sie zusammenhalten und sich nicht gegenseitig ausspielen lassen sollen. Denn am Ende sind wir alle abhängig Beschäftigte und wollen einfach gute Arbeit machen, einen sicheren Job und gutes Geld verdienen. Und ich habe immer wieder deutlich gemacht: Organisiert euch auch in der Gewerkschaft. Denn von nichts kommt nichts.

Die IG Metall versucht, Frauen und junge Menschen stärker zu fördern. Bekommst du davon etwas mit?
Ja, auf jeden Fall. Bis vor kurzem war ich eigentlich in jedem Jugendgremium, das es in der IG Metall gibt. Im ehrenamtlichen Bereich wird wirklich sehr darauf geachtet, dass die Geschlechter berücksichtigt werden, genauso wie verschiedene Altersstufen und Bildungshintergründe. Da leistet die IG Metall schon Pionierarbeit und steckt viele Ressourcen rein.

Du bist in der IG Metall aktiv, beim DGB, bei ver.di und nun im Betriebsrat. Welche Bedeutung hat die JAV-Arbeit dabei für dich?
Eine riesige. Das ist meine Sozialisation, meine Politisierung. Ich habe 2009 als 16-jähriges Mädchen meine Ausbildung angefangen und schnell begriffen: Wenn ich etwas verändern will, dann muss ich das selbst in die Hand nehmen. Die Angebote gab es ja und die gibt es auch jetzt. Ich bin in die Gewerkschaft eingetreten, habe angefangen, in Seminare zu gehen und mich dadurch politisiert. Heute engagiere ich mich über die IG Metall hinaus zum Beispiel bei ver.di. Ich demonstriere gegen G20 und gegen Naziaufmärsche. Dieses Bewusstsein ist über die Jahre gewachsen. Auch und vor allem durch die JAV-Arbeit.