Deutscher Gewerkschaftsbund

Besser statt billiger

Was nützt wem? Duale Studiengänge gelten als Jobgaranten. Doch auch Unternehmen und Hochschulen haben Interesse am Ausbau des Erfolgsmodells. Von Felix Kartte

Die Wirtschaft

Das duale Studium gilt als Erfolgsmodell, denn es vermittelt jungen Leuten punktgenau die Fähigkeiten, die in Betrieben gefragt sind. Doch obwohl es die Jobchancen verbessert, lernen erst zwei Prozent aller Studierenden dual. Darum werben Unternehmen intensiv für das Studienkonzept. "Den Unternehmen gehen die Fachkräfte aus. Duale Studiengänge machen es möglich, Talente zu binden und frühzeitig auf anspruchsvolle Positionen vorzubereiten", sagt Henning Dettleff von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Das sei gerade für mittelständische Unternehmen interessant, weil es ihnen beträchtliche Personalkosten einspare.

Marianne Opitz von der O&F Bauunternehmung in Berlin kann das bestätigen. In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Wirtschaft und Recht bietet der mittelgroße Betrieb einen Bachelor in Ingenieurwesen an. "Der Student lernt frühzeitig Teamarbeit kennen und weiß von Anfang an, wie ein Bauwerk entsteht. Für uns hat das den Vorteil, dass der fertige Bachelor ohne lange Einarbeitungsphase als Bauingenieur eingesetzt werden kann."

Die dual Studierenden

Die frühe Praxiserfahrung spare auch den Studierenden Zeit. Opitz: "Schon während der Probephase kann man feststellen, ob dieser Beruf den eigenen Vorstellungen entspricht. "

Dabei sei ein duales Studium bei einem Mittelstandsunternehmen sinnvoller als etwa bei einem Großkonzern. "Hier geht man als Persönlichkeit auf jeden Fall nicht in der Masse unter. Wir versprechen eine solide Ausbildung und eine Übernahme in unser Team."

Wer sich von einem DAX-Riesen wie der Telekom ausbilden lässt, sollte dagegen nicht auf eine Übernahme wetten. "Als eines der größten Ausbildungsunternehmen Deutschlands bieten wir Ausbildung und Studium über Bedarf an", so ein Unternehmenssprecher.

Konkret heißt das: Nicht jeder kann nach seinem Abschluss im Unternehmen bleiben. Die tariflich festgelegte Übernahmequote liegt bei knapp 50 Prozent.

Das mindere die Jobchancen aber insgesamt nicht, sagt BDA-Experte Dettleff. "Unabhängig davon, ob sie übernommen werden, haben Absolventen dualer Studiengänge einen anerkannten Hochschulabschluss und gegebenenfalls einen beruflichen Ausbildungsabschluss. Das gibt ihnen eine hervorragende Startposition auf dem Arbeitsmarkt."

Allerdings sollte man sich vorher genau informieren. "Wer sich für ein duales Studium interessiert, sollte zuallererst prüfen, welches Studien- und Praxiskonzept ihn anspricht", empfiehlt Dettleff (siehe auch Kasten Seite 6). Dabei kommt der duale Weg nicht für jeden infrage: "Wer großen Wert auf wissenschaftliche Freiheit und Forschung legt, sich auch mal eine Vorlesung aus einem anderen Fach anhören möchte und sich zum Studienbeginn noch nicht auf einen bestimmten Arbeitgeber festlegen möchte, sollte sich eher für ein traditionelles Studium entscheiden", sagt Jochen Goeser vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB).

Außerdem findet man 95 Prozent der dualen Angebote in den Bereichen Wirtschaft und Technik. In den Geisteswissenschaften gibt es fast keine. Im Umkehrschluss heißt das: Dual studieren sollte vor allem, wer technisch interessiert ist, Spaß an der Praxis hat und ziemlich genau weiß, wohin er will.

Die Hochschulen

Entsprechend gibt es duale Studiengänge fast nur an Fachhochschulen und Berufsakademien, für Universitäten ist das Modell noch Neuland. Trotzdem ist der Präsident der deutschen Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, von ihm überzeugt: "Die finanzielle Unterstützung durch den Arbeitgeber erlaubt es den Studierenden, sich ganz auf ihr Studium zu konzentrieren. " Neben der Praxisnähe profitierten sie außerdem von den kleinen Lerngruppen: "Das schlägt sich in den geringen Abbruchquoten nieder."

Die Hochschulen haben aber auch ein deutliches Eigeninteresse am Ausbau dualer Studiengänge. Durch die Praxiserfahrung brächten die Studenten oft neue Impulse in die Lehrveranstaltungen, sagt Hippler. "Die Kooperation der Lehrenden mit der Wirtschaft bringt außerdem Anstöße für Forschung und Entwicklung. Durch die Verankerung der Hochschulen mit der regionalen Wirtschaft wird der Wissens- und Technologietransfer nachhaltig gefördert."

Deshalb wirkten die Partnerunternehmen meist schon an der Erstellung der Lehrpläne mit. Eine Kooperation komme allerdings nur zustande, wenn sich die Betriebe als zuverlässig erwiesen. Hippler: "Hochschulen und Studierende brauchen vernünftige Planungssicherheit. Daher dürfen die Partnerunternehmen ihre Anforderungen nicht zu eng oder ständig wechselnd definieren."

Dass die Qualität der wissenschaftlichen Ausbildung unter der Verzahnung leiden könnte, fürchtet der Wissenschaftler nicht: "Praxisorientierung ist nicht mit 'unakademisch' gleichzusetzen. Die Hochschulen tragen die Verantwortung für die Qualität ihrer Studienangebote. Die wird außerdem durch externe Gutachter überprüft."

Die Politik
Und auch die Politik setzt jetzt auf das duale Studium: Die Bundesregierung hat eine so genannte Qualifizierungsoffensive gestartet, die das Angebot der Hochschulen besser auf die Bedarfslage am Arbeitsmarkt abstimmen soll. "Dabei bilden duale Studiengänge einen innovativen Baustein", sagt BiBB-Fachmann Goeser. So habe das Institut unter anderem das Online-Portal "AusbildungsPlus" angelegt, das einen bundesweiten Überblick über alle dualen Studienangebote verschaffe.


Das BiBB-Online-Portal zum dualen Studium: www.ausbildungplus.de


(aus der Soli extra Duales Studium, August 2012, Autor: Felix Kartte)