Deutscher Gewerkschaftsbund

Das ist wirklich aktive Arbeit: Gabi Weber zu 50 Jahren Lehrlingsbewegung

50 Jahre Lehrlingsbewegung: Gabi Weber startete 1969 ins Berufsleben. Soli aktuell sprach mit ihr über ihren Weg von der Ausbildung zur DGB-Regionsvorsitzenden.

Gabi Weber

© Privat

"Erst mal machen!": die SPD-Bundestagsabgeordnete und ehemalige DGB-Regionsvorsitzende Gabi Weber

Dieses Jahr fragt die Soli aktuell, das Magazin der DGB-Jugend: "50 Jahre Lehrlingsbewegung – was bleibt?" Parallel zu den Studentinnen und Studenten begehrten in den 1960er und 70er Jahren die Auszubildenden auf. Du hast 1969 eine Ausbildung zur Keramikmalerin begonnen. Wie sah es in deinem Betrieb aus?
Lehrlinge haben gekehrt, sie haben Zuträgerarbeiten erledigt. Sie wurden ins kalte Wasser geschmissen. Uns hat selten mal jemand wirklich gezeigt, wie etwas geht. Und was in der Berufsschule unterrichtet wurde, hatte mit dem, was im Betrieb lief, nichts zu tun. Ausbildungsmittel – die haben wir alle schön selber bezahlt. Oder unsere Eltern. Fachbücher, bei mir als Keramikmalerin kamen teure Pinsel dazu, Farben, Plakatkartons. Auch alles, was wir in der Berufsschule brauchten, haben wir aus eigener Tasche bezahlt.

Wie kann das sein, dass ihr nichts gelernt habt?
Gelernt haben wir, uns hat nur niemand was gezeigt. Irgendwann sagte einer: Jetzt bist du dran. Es ist etwas völlig anderes, wenn jemand neben dir steht und sagt: Ich mache dir das jetzt einmal vor und dann hast du eine Stunde Zeit, das zu üben.

Du hast eine tragende Rolle in der Lehrlingsbewegung gespielt…
Das hatte mit unseren Ausbildungsbedingungen zu tun und wie das 1969 in Kraft getretene Berufsbildungsgesetz (BBiG) tatsächlich umgesetzt wurde. In unserem Betrieb hatten wir eine Jugendvertretung gewählt und uns gleich mit der Betriebsleitung angelegt. Wir forderten einen Ansprechpartner und wir wollten theoretischen Unterricht im Betrieb, wollten, dass die Rechte, die wir als Auszubildende hatten, anerkannt werden: Ihr bezahlt in Zukunft unsere Ausbildungsmittel! Ihr sorgt dafür, dass wir ordentlich angelernt werden! Wir haben uns lange gezankt. Aber das Ergebnis stimmte: Der leitende Ingenieur musste einmal in der Woche theoretischen Unterricht für uns im Betrieb anbieten.

Hattet ihr noch weitere Erfolge zu verzeichnen?
Die Firma hat tatsächlich die Finanzierung der Ausbildungsmittel übernommen. Fachbücher sind ja nun mal eine teure Angelegenheit, bis heute. Und wir konnten das nicht nur in unserem Betrieb durchsetzen. Ich wurde dann gleich Mitglied der Gewerkschaft und hab sofort Kontakt zur aktiven Jugend gehabt.

Und nicht nur unsere Berufsgruppe hatte Probleme. Bei den KFZ-Schlossern zum Beispiel war es absolut katastrophal: 60, 70 Prozent sind durch die Prüfung gefallen. Das waren alles Gesprächsthemen für Auszubildende, wenn sie sich in den Berufsschulen getroffen haben. Sie wollten sich das nicht mehr bieten lassen.

Damals gingen rund 70 Prozent in die berufliche Ausbildung. Die anderen haben dieses Wirtschaftswunder als Hilfsarbeiter bzw. als einfache Arbeiter und Angelernte erschaffen. Wir haben jedenfalls die Studenten gesehen und uns gesagt: Wir lassen uns nicht behandeln wie kleine, dumme Kinder.

Was hat euch besonders aufgeregt?
Zum Beispiel das mit den langen Haaren bei den jungen Männern. Da ging es heftigst um die Frage, ob die ein Haarnetz tragen müssen. Das empfanden viele Jugendliche als Gängelung. Es hieß: Alle Langhaarigen sind Gammler.

Gab es für die jungen Frauen ein vergleichbares Konfliktfeld?
Nicht direkt. Aber es gab durchaus verrückte Geschichten. Da wurde gefragt: Mit welchem Arbeitskittel bist du unterwegs?

Für mich kann ich sagen: Es gab nicht furchtbar viele Frauen, die zur Gewerkschaftsjugend gingen. Und meine Mutter war nicht ganz glücklich über mein Engagement. Das änderte sich mit meiner Tätigkeit beim DGB. Meine Eltern sind mit dieser Situation gewachsen. Letztendlich waren sie stolz darauf, dass eine ihrer drei Töchter einen solchen Weg eingeschlagen hat.

Du fängst eine Ausbildung an, kommst in Kontakt mit der Gewerkschaft und politisierst dich. Das war nicht typisch…
Bei mir zu Hause in Wirges gab es ein Gewerkschaftsjugendheim, wo sich seit rund zehn Jahren junge Gewerkschafter trafen. Die hatten uns Schüler der Hauptschule im Sommer 1968 eingeladen, mit ihnen über die Lage der Jugend zu diskutieren. Da war ich 13! Von uns sind letztendlich drei oder vier dort hängengeblieben. Wir haben dann das Lehrlings- und Jungarbeiterzentrum aufgebaut. Einmal die Woche gab es ein offenes Programm, wo sich regelmäßig 60 bis 70 junge Leute getroffen haben. Wir hatten ein eigenes Haus vom DGB! Wir mussten es nur noch bewirtschaften und sehen, dass wir es regelmäßig in Eigenregie öffnen.

War die Keramikmalerei ein typischer Frauenberuf – und deine erste Wahl?
Ja, aber es gab auch ein paar Männer. Wenn du in einer Region lebst, in der eine bestimmte Industrie schwerpunktmäßig ansässig ist, ist es ganz normal, sich im Umfeld dieser Branche umzusehen. Mein Traumberuf, Goldschmiedin, ging nicht, da haben meine Eltern gestreikt. Dafür hätte ich mit 14 Jahren in ein Internat gehen müssen. Keramikmalerin war der kreative Beruf, der übrigblieb.

Deine Eltern hatten ganz explizite Vorstellungen?
Meine Mutter hätte am liebsten gesehen, dass ich als Mädchen einen Beruf ergreife, in dem ich mir die Hände nicht schmutzig mache. Irgendwo in der Verwaltung oder im Verkauf.

Besen und Eimer

© DGB-jugend

Der Besen. Ein Stück deutsche Ausbildungsgeschichte. Ausbildung? Immer schon ein wenig ausbildungsfremd... (aus der "Solidarität", Magazin der DGB-Jugend, 1981)

Was war so schlimm an deinem Beruf?
Sie hatte selbst als junge Frau in einer Fabrik gearbeitet. Frauen in einer Fabrik, das bedeutete: Frauen sind bestimmten Tonlagen ausgesetzt, sexueller Anmache. Das wollte meine Mutter nicht haben, und das ist auch tatsächlich vorgekommen.

Inwiefern?
Ich bin morgens um sechs mit dem Bus zur Arbeit gefahren und abends mit dem Bus nach Hause. Ein Kollege bot an, mich mitzunehmen. Der wurde dann übergriffig. Auch heute passiert so etwas. Aber der Blick darauf hat sich geändert. Damals hieß es dann schnell: "Ach, naja, die trägt zu kurze Röcke."

Spielte das in der Lehrlingsbewegung eine Rolle?
Nein. Anfangs ja auch nicht in der Studentenbewegung. Dass wir den Arbeitsmarkt oder die Gesellschaft mit dem weiblichen Blick betrachtet haben, kam erst später.

Während dieser Zeit gab es Demonstrationen der Studierenden in den Großstädten. Habt ihr das mitbekommen?
Ja. Aber wir haben unsere eigenen Aktionen gemacht, die unsere schlechten Ausbildungsbedingungen betrafen. Wir haben alle Lehrlinge eingeladen, am Nachmittag in die Kreisstadt zu kommen. Jeder brachte einen Besen mit, dann fegten wir die Stadt, um klarzumachen – Stichwort ausbildungsfremde Tätigkeiten –, was eigentlich mit uns gemacht wird.

Wir haben regelmäßig die "Goldene Zitrone" an den grausamsten Ausbilder verliehen, der seine Lehrlinge auch geprügelt hat. Wir haben sein Benehmen öffentlich gemacht. Wir sind den entsprechenden Betrieben auch auf die Pelle gerückt, dahin gefahren. Wir haben Lehrlinge, denen so etwas passiert ist, mit ganz vielen Leuten in den Betrieb begleitet.

Bei Betrieben, wo es überlange Arbeitszeiten gab, haben wir uns angekettet. Betriebe, in denen die Durchfallerquoten sehr hoch waren, wurden symbolisch zu Grabe getragen. Wir haben auch mal die Industrie- und Handwerkskammer zugemauert. Dafür gab es sogar eine Anklage – und der DGB hat uns Rechtsschutz gegeben.

Wir mauern das Bundesbildungsministerium zu.
Wir mauern das Bundesbildungsministerium zu – super Idee! Ich glaube, Missstände muss man in augenfällige Handlungen übersetzen, die die Menschen begreifen. Und heute kannst du das mit Facebook und Instagram gut unter die Leute bringen. Ich habe in meinem Leben gelernt: erst mal machen. Dann wird sich zeigen, ob jemand klagt.

Hattet ihr Unterstützung von eurer Gewerkschaft?
Ja, sogar ganz massiv. Wir haben damals gelernt, wie man Flugblätter macht. Das war dann auch der Einstieg für mich. Erst Aktionen, dann im Leitungsteam des Zentrums. Wir sind in die normalen gewerkschaftlichen Institutionen eingestiegen. Mit knapp 17 Jahren wurde ich Tarifkommissionsmitglied. Wir waren dann wirklich mittendrin. Mit 17 oder 18 Jahren Delegierte auf dem Gewerkschaftstag! Das hat uns Schwung gegeben.

Was habt ihr gemacht, um junge Leute in die Gewerkschaft zu bekommen?
Wir haben Werbung an den Berufsschulen gemacht. Wir haben ihnen unsere Flugblätter in die Hand gedrückt und wir haben sie eingeladen, zu uns zu kommen. Unser Haus in Wirges war ein wichtiger Punkt. Wir waren auch zweimal in einer Jugendsendung, das hat in der Region dazu geführt, dass viele Leute auf uns aufmerksam geworden sind.

Was hat euch noch beeinflusst?
Wir hatten auch Kontakte zu Journalisten, die uns zeigten, wie man Zeitungsartikel schreibt. Es gab Theaterleute innerhalb der Kulturbewegung der Gewerkschaften – so hatten wir eigene Stücke und Lieder, die wir zum Beispiel zum internationalen Frauentag aufführen konnten, ganze Revuen. Gerade zu Zeiten der Friedensbewegung hat es enge Verbindungen in die Kultur gegeben, wo wir als Gewerkschaftsjugend gesagt haben: Das Wort allein reicht nicht. Wir müssen bildhaft rüberbringen, mit welchen Kriegen, mit welchen Bedrohungen wir es zu tun haben.

Welche zentrale Forderung hattet ihr?
Wer nicht ausbildet, muss zahlen – wir haben die Ausbildungsumlage gefordert.

Malst du noch ab und zu Keramik an?
Nein. Keine Zeit.
Fandest du den Beruf gut? Ja.

Trotz schlechter Ausbildung…
An der haben wir viel geändert. Ich hatte das große Glück, mit der Ausbildung in der Einführungsphase des BBiG anzufangen. Wir haben sozusagen die positiven Veränderungen geerntet. Das waren richtig wichtige Schritte: zu spüren, wie man mit anderen zusammen etwas erreichen kann.

Hattest du eine gute DGB-Jugend, später als Gewerkschaftssekretärin?
Immer wieder. Ich habe unglaublich verrückte Erfahrungen gemacht. Ich habe in Kassel Kontakt mit dem Künstler Joseph Beuys gekriegt. Auf dem Höhepunkt der Jugendarbeitslosigkeit hat er seine 7.000 Basaltsäulen auf den Friedrichplatz gekippt. Wir durften den Berg nutzen und haben dann eine Aktion gemacht: "7.000 arbeitslose Jugendliche".

Was ist von der Lehrlingsbewegung geblieben?
Insgesamt: dass wir aus der Bewegung heraus viele Leute in den Betrieben hatten, die wirklich aktive Arbeit geleistet haben. Die sich darum gekümmert haben, dass das BBiG auch nach 1972 nicht in Vergessenheit geraten ist. Dass wir die gewerkschaftliche Frauenarbeit vorangetrieben haben. Eine zeitweise sehr aktive Kulturarbeit in den Gewerkschaften. Und eine Menge selbstbewusster Leute in den Gewerkschaftsvorständen und als Hauptamtliche.


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Das ist unsere Zeitzeugin
Gabi Weber, 63, ist heute Bundestagsabgeordnete der SPD. Sie absolvierte von 1969 bis 1972 eine Ausbildung zur Keramikmalerin und war in diesem Beruf bis 1980 tätig. Seit 1969 gehörte sie der IG Chemie-Papier-Keramik an und engagierte sich für die Auszubildenden.

1980 bis 1982 ließ sie sich zur Gewerkschaftssekretärin ausbilden. Von 1980 bis 1991 war sie hauptamtlich beim DGB Kassel, 1991 bis 1993 beim DGB Rhein-Lahn. 1993 bis 1995 war sie Kreisvorsitzende des DGB Rhein-Lahn und von 2001 bis 2016 Vorsitzende der DGB-Region Koblenz.


(aus der Soli aktuell 8-9 2018, Autorin: Soli aktuell)