Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausbildung 4.0? Gewerkschaft 4.0!

Die Digitalisierung erfasst nach und nach alle Berufe und Ausbildungswege. In der Soli aktuell sagen junge Gewerkschafter_innen, was dies für ihren Organisationsbereich bedeutet, was ihnen Sorgen und Hoffnung macht. Und worin sie die Aufgabe der Gewerkschaftsjugend sehen.

Ausbildung am Motor

© Colourbox

Auf die Zukunft einstellen, nicht hinterher hinken: die Rolle der Gewerkschaftsjugend im Prozess der Digitalisierung

Unsere digitale Zukunft

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Von- und miteinander lernen: Das ist die Agenda der Gewerkschaftsjugend, sagt Oskar Michel.

Ausbildung 4.0, Industrie 4.0, Arbeit 4.0: Längst übernehmen Systeme und Programme die Aufgaben von Menschen, die geglaubt haben, ihre Arbeit sei von der Digitalisierung nicht betroffen, weil eine Maschine nie einen Menschen ersetzen kann.

Aber viele von uns erledigen ihre Überweisungen nicht mehr am Bankschalter, sondern ganz bequem von zu Hause, online. Im Call- und Service-Center-Sektor wird immer mehr auf computerisierte Sprachberatung gesetzt. Selbstfahrender Nahverkehr und auch die Postzustellung via Drohne, selbst automatisierte Medikamentenabgaben sind ebenfalls keine Visionen der Zukunft mehr.

Dies sind nur wenige Beispiele aus dem Dienstleistungssektor, und natürlich ist davon auch massiv die Ausbildung betroffen. Viele Ausbildungsberufe sind nicht zukunftsorientiert: Wenn man nach den Ausbildungsordnungen geht, sind zwar Inhalte beschrieben, die eine zukunftsorientierte Ausbildung ermöglichen, in der Praxis wird jedoch für das Heute und nicht für das Morgen ausgebildet.

Dadurch besteht massiv die Gefahr, dass ein Auszubildender, der diesen Sommer seine Abschlussprüfung absolviert hat, bereits in zehn Jahren wenig bis gar keine Inhalte seiner Ausbildung mehr brauchen kann und sich neu orientieren muss. Wer da nicht den richtigen Riecher hat und flexibel ist, wird große Probleme bekommen.

Viele Betriebe sehen die Auszubildenden als günstige Arbeitskraft und interessieren sich nicht für deren Zukunft. Es gibt zwar in großen Betrieben Interessenvertretungen und Regelungen, die den Fokus auf Zukunftstrends richten, aber eigentlich müsste dies umfassender geschehen. Der Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt wird in den nächsten Jahren massiv wachsen, und die Jugend von heute wird am härtesten davon betroffen sein.

Aber: Lernen und Arbeiten in der digitalen Arbeitswelt bietet auch unglaubliche Möglichkeiten. Es ist einfacher als je zuvor, global vernetzt zu sein, miteinander zu arbeiten und zu kommunizieren. Auch bei der Qualifizierung und Weiterbildung eröffnen sich neue Möglichkeiten. Für eine Vorlesung muss man nicht am Veranstaltungsort sein; sogar Fragen können live via Stream gestellt bzw. beantwortet werden. Und dort, wo du früher kiloschwere Bücher geschleppt hast, reicht heute ein Notebook oder Tablet. Dokumente können direkt geteilt und von mehreren Personen zeitgleich bearbeitet werden.

Archivierung ist kein Thema mehr. Gut denkbar, dass es in den nächsten Jahren eine Vielzahl von neuen Ausbildungsberufen gibt, an die wir jetzt noch gar nicht denken. Ausbildung 4.0 heißt auch: Gewerkschaft 4.0. In einer digitalen Arbeits- und Ausbildungswelt wird uns vor allem die Einhaltung von Regelungen interessieren, die wir auf gesetzlicher, betrieblicher und tariflicher Ebene erstritten haben. Wie soll man den Jugendschutz überwachen, wenn die Menschen nicht mehr an einem Ort greifbar sind?

In einer Welt, in der viele von zu Hause arbeiten, müssen wir uns auch neue Strategien zur Mitgliederwerbung überlegen. Sowohl die Mitgliedansprache als auch Maßnahmen im Arbeitskampf müssen überdacht werden: Wie treten wir in Zukunft als Gewerkschaft auf und wie bleiben wir mit unseren Mitgliedern vernetzt?

Das werden vor allem die Themen der Gewerkschaftsjugenden werden. Solidarität ist gefragt und eine gute Vernetzung innerhalb des DGB. Voneinander und miteinander lernen und sich gemeinsam auf die Zukunft vorbereiten, lautet unsere Agenda.


ver.di-Mitglied Oskar Michel war lange JAV-Vorsitzender und ist jetzt Betriebsratsmitglied.

Die Azubi-Cloud

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Wir müssen Fragen stellen. Von Niklas Foerster

Das Thema Ausbildung 4.0 beschäftigt vor allem die Großindustrie in unserem Organisationsbereich, die großen Player, meistens mit eigenen Ausbildungsstätten oder Berufsschulen. Von Virtual-Reality-Abbildungen der Produktionsstätten bis zu Explosionszeichnungen von Pumpen, die dem Azubi per Augmented-Reality-Brille in der Lehrwerkstatt eingeblendet werden, ist im Moment alles denkbar.

Mein Arbeitgeber hat kürzlich begonnen, Tablets an die neuen Ausbildungsjahrgänge zu verteilen. Damit sollen die Auszubildenden von überall – egal ob zu Hause, in der Ausbildungswerkstatt, der Berufsschule oder im Betriebsumfeld – auf Lernmaterialien und Unterlagen zugreifen.

Es gilt, die Chance für eine qualitative Verbesserung der Ausbildung zu nutzen, um dem Arbeitgeber den Spielraum zu schaffen, die Digitalisierung in den Ausbildungsalltag zu integrieren. Andererseits ist zu gewährleisten, dass die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatzeit nicht verwischen und die Komponente "Mensch" nicht vernachlässigt wird.

Am Beispiel der Azubi-Cloud sieht man gut, was dies bedeuten kann. Denn durch die dezentralen Lernumgebungen besteht die Gefahr, dass die klassische, zentrale Ausbildungsstätte in den Hintergrund tritt. Betriebliche und nebenberufliche Ausbilder_innen müssen viel besser geschult werden.

Unsere Aufgabe als Gewerkschaftsjugend: die Digitalisierung als Chance zu begreifen und neue Möglichkeiten in der Berufsbildung zu nutzen; aber zu hinterfragen, welche Auswirkungen sie für unsere Kolleg_innen hat.


IG BCE-Mitglied Niklas Foerster ist nach sechs Jahren als Jugend- und Auszubildendenvertreter derzeit Betriebsrat.

Wir hinken hinterher

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Und das ist auch ein bisschen gut so. Von Christian Ehringfeld

Die Digitalisierung wird sich in den kommenden Jahren fundamental auf die Arbeitswelt auswirken – auch auf den Polizeiberuf. Neben zahlreichen Möglichkeiten, die Polizeiarbeit zukünftig zu erleichtern und effizienter zu gestalten, darf sich der digitale Wandel nicht nur einseitig auf die Optimierung polizeilicher Aufgabenerfüllung wie z. B. Prävention, Kriminalitätsbekämpfung und polizeiliche Zusammenarbeit konzentrieren.

Fest steht: Die Digitalisierung bei der deutschen Polizei steht noch am Anfang. Während in der Schweiz und den Niederlanden dienstliche Smartphones und spezielle Polizei-Apps bereits zur Standardausrüstung gehören, hinkt die deutsche Polizei dieser Entwicklung bisweilen hinterher. Auch innerhalb der Polizeiverwaltungen wird vieles noch manuell bzw. in Papierform erledigt, Auszubildende werden eher im Umgang mit schweren Aktenordnern geschult als mit modernen Techniken.

Durch die Digitalisierung werden sich Arbeitsprozesse und Arbeitsumgebungen verändern. Beispiel mobiles Arbeiten: Hier gilt es, der Entgrenzung von Arbeit als Gewerkschaftsjugend entgegenzutreten und die Arbeits- und Lebensbedingungen im Sinne guter und sicherer Arbeit maßgeblich mitzugestalten.

Viele Führungskräfte tun sich mit dieser Entwicklung schwer. Aber nicht nur für sie und die Beschäftigten wird der digitale Wandel mit vielen neuen Herausforderungen einhergehen, auch die Gewerkschaften müssen sich Chancen und Risiken der Digitalisierung weiter erschließen.

So hat das Hinterherhinken auch etwas Gutes und gibt uns als Gewerkschaftsjugend die Möglichkeit, uns auf die künftigen Entwicklungen noch besser vorzubereiten.

Christian Ehringfeld ist im Vorstand der JUNGEN GRUPPE in der GdP.

Einmischen, Mitbestimmen, Mitwirken

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Die Gewerkschaftsjugend geht mit. Von Tobias Wieber

Ausbildung 4.0 bedeutet: Fortschritt, Zukunft, Risiko. Doch wenn wir hier nicht die richtigen Schritte gehen, bleiben wir auf der Strecke. Daher gilt ganz klar: Mitgestalten und Mitmachen. Versuchen, den Fortschritt und die Digitalisierung bestmöglichst für unsere Kolleg_innen mitzugestalten.

Meine größten Sorgen: zum einen, dass durch die Veränderungen Arbeitsplätze wegfallen könnten und es zu Entlassungswellen kommt. Und zum anderen, dass der Faktor Mensch und die sozialen Komponenten ins Hintertreffen geraten.

Durch die Digitalisierung werden aber auch viele Abläufe aufgrund der Vernetzung vereinfacht und effizienter gestaltet. Dass die Facharbeiter_innen von Morgen dies bereits zu Beginn des Berufslebens lernen, ist ein wichtiger Punkt. Die Grundsteine in Sachen Zukunftsplanung und Fortschritt werden bereits in der Ausbildung gelegt.

Ich sehe die Hauptaufgabe der Gewerkschaftsjugend im Einmischen, Mitbestimmen, Mitwirken. Vor der Veränderung nicht die Augen zu verschließen, sondern mit der Entwicklung im Rahmen der Industrialisierung mitzugehen.


Tobias Wieber ist stellvertretender Betriebsratsvorsitzender und IG Metall-Jugendbildungsreferent.

Den Fortschritt beobachten

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Wir brauchen stetige Fortbildung, sagt Yvonne Artico

Bei uns im Betrieb gab es eine Umstellung von Ausbildungsordnern auf eine USB-Stick-Variante. Die Kammer erlaubt, die Berichtshefte auch digital zu erstellen, in unseren gewerblichen Ausbildungsberufen schreibt man aber weiter handschriftlich. Dann gibt es aber teilweise schon Berufsschulen, die mit Tablets arbeiten. Und die Urlaubsplanung findet nun digital über ein Betriebssystem statt, nicht mehr in Papierform.

Ich denke, in erster Linie sollte die Gewerkschaftsjugend darauf achten, selbst mit dem Trend zu gehen, um überhaupt mitreden zu können und bei möglichen Problemen auch rechtzeitig helfen zu können. Stetige Fortbildung ist das Schlagwort! Sich mit allem Neuen bekannt zu machen und mit Expertisen in Kontakt zu sein. Im eigenen Betrieb beobachten, wie sich der Fortschritt entwickelt.


Yvonne Artico ist im IG BAU-Bezirksvorstand Stuttgart aktiv.

Wir müssen Druck machen

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Jan Krüger über die Nahrungsmittelproduktion und die Hotel- und Gaststättenbranche.

Wir diskutieren einige Neuregelungen in den Ausbildungsrahmenplänen. Die Frage ist, welche Qualifikationen und Kompetenzen in den Berufen vermittelt werden müssen, damit eine gute Grundlage für das Erwerbsleben gelegt wird. Vor allem betrifft dies das Wissen um Prozesse und die so genannten Soft-Skills. Aber daneben dürfen wir nicht vergessen, dass die Ausbildungsbedingungen insgesamt verbessert werden müssen.

Das heißt: zeitgemäßer Einsatz von Lehr- und Lernmitteln und Entlastung der Auszubildenden bei Arbeitszeiten und Kosten etwa für den Weg zur Berufsschule. Neue Technik und neue Technologien bedeuten immer Chancen und Risiken. Wenn moderne Lehr- und Lernformen genutzt werden, darf das nicht dazu führen, dass Auszubildende alleingelassen werden. Wir brauchen auch weiterhin persönlichen Kontakt zu Ausbilder_innen, die erklären und fördern.

Mit einer modernen Ausbildung können wir jungen Menschen wieder die Vorzüge einer dualen Berufsausbildung aufzeigen. Vielleicht entscheiden sich so einige wieder für eine Ausbildung, die jetzt eher ein Studium anstreben. Außerdem lassen sich mit modernen Ausbildungsmethoden Menschen individuell fördern. Das kann denen helfen, die bis jetzt den Sprung ins duale System nicht schaffen.

Die Hauptaufgabe der Gewerkschaftsjugend: Druck machen! Die Politik und die Betriebe haben das Thema zu lange ignoriert. Wenn man den Fachkräftemangel ernsthaft bekämpfen will, muss Ausbildung wieder einen höheren Stellenwert genießen.


Jan Krüger ist NGG-Bundesjugendsekretär.

Wandel – nur mit uns

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Wollen Unternehmen im Zeitalter der Digitalisierung zukunftsfähig bleiben, müssen sie die Interessen und Erwartungen der jungen Beschäftigten ernstnehmen. Die Gewerkschaftsjugend gestaltet die Entwicklung der Arbeitswelt mit. Sie hat klare Vorstellungen von guter Arbeit und Ausbildung, die auch beim Thema Digitalisierung nicht aufhören.


Das Positionspapier der DGB-Jugend zur Digitalisierung: http://jugend.dgb.de/-/pvJ