Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausgezeichnetes Gedenken: Ehrung für DGB-Jugend Bayern

Gedenkkultur: Die DGB-Jugend Bayern erhält den Karl-Buschmann-Preis für kritisches Engagement. "Wir müssen Kontinuität bewahren", sagt Carlo Kroiß.

Carlo Kroiß

© DGB-Jugend

Steht für Kontinuität: DGB-Bezirksjugendsekretär Carlo Kroiß

Carlo, die Veranstaltungen der DGB-Jugend Bayern zur "Reichspogromnacht" in Dachau und Flossenbürg gehörten zu den ersten, die die Aufarbeitung der Nazi-Zeit vorangetrieben haben. Ist es schwer, Menschen zum Gedenken zu motivieren?
Es ist relativ leicht, Menschen für konkrete Aufgaben zu gewinnen, eine Biografie zu recherchieren, zum Beispiel. Es freut uns auch sehr, dass da kein Mangel an engagierten Kolleg_innen herrscht. Was mit den Jahren schwerer fällt, ist, viele Menschen zu unserer Gedenkfeier am 9. November zu mobilisieren. Heute kommen so zwischen 200 bis 300 Leute. In den fünfziger und sechziger Jahren waren es 3.000! Es ist eine Herausforderung, die geeignete Anspracheform zu finden. Seit einigen Jahren versuchen wir intensiv, alle jungen Leute einzubinden. Wir wollen in Zukunft die Biografien der Opfer digital dokumentieren, so sind sie im Nachgang online verfügbar.

Gerechte Arbeitsverhältnisse und das Gedenken an den Holocaust – wie gehören sie zusammen?
Der Kampf um gerechte Arbeitsverhältnisse braucht freie Gewerkschaften. Die gibt es nur unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen – in demokratischen Systemen, die Grundrechte garantieren. Die historische Erfahrung der Gewerkschaftsbewegung ist, dass der Faschismus für die Arbeitnehmer_innen die schlimmste aller Formen von Herrschaft ist. Weil es keinerlei Organisationsfreiheit gibt; keine Möglichkeit, im Sinne der Arbeitnehmer_innen Einfluss zu nehmen. Wir machen also Gedenkarbeit, weil wir Demokratie und Mitbestimmung hochhalten; und auch, weil das die Geschäftsgrundlage ist, auf der wir als freie Gewerkschaften überhaupt agieren können.

Hat sich das öffentliche Echo zu eurer Gedenkarbeit in den Jahren verändert?
Sehr stark. Am Anfang, das wissen wir aus den Archiven, war sie ein Projekt einer Minderheit. Zu Beginn der Nachkriegszeit wurde das Kriegsende eher als Niederlage wahrgenommen. Die Arbeit in und mit Gedenkstätten wurde erst mit den Jahren sehr stark aufgewertet. Während früher eher ehrenamtliche Geschichtswerkstätten forschten, ist dies jetzt alles professionalisiert. Es gibt Unterstützung, hauptamtliche Stellen, es gibt viel staatliche Anerkennung. Andererseits hat das eine gewisse Einhegung zur Folge und wir müssen uns an Vorgaben der KZ-Gedenkstätte halten. Es darf dann zum Beispiel keine Musik auf dem Appellplatz geben.

Wie würdest du deine eigene Motivation beschreiben?
Als DGB-Bezirksjugendsekretär bin ich natürlich für die Veranstaltungen verantwortlich. Ich bin schon früher durch die Arbeit mit Zeitzeugen sehr geprägt worden. Der 8. Mai zum Beispiel war immer ein Tag der Befreiung, wo wir versucht haben, Demos kommunal zu organisieren. Und vor allem auch die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu hören. Gedenkarbeit ist Erinnerung, ist eine Möglichkeit, Antifaschismus heute zu gestalten.

Was wünscht du dir für die Zukunft?
Dass wir die Kontinuität bewahren. Seit 1952 diese Kundgebung zu machen, ist schon eine lange Zeit. Ich hoffe, dass wir diese Tradition nicht abreißen lassen. Ich wünsche mir, dass wir viele Partner an unserer Seite haben, um die Gedenkarbeit auch gegen Widerstände durchsetzen zu können. Wir befürchten sehr, dass uns eine AfD-Fraktion im Landtag, sollte es eine geben, sehr kritisch beäugen und auch die öffentliche Förderung, die wir erhalten, infrage stellen wird. Wir hoffen, dass wir Unterstützung von den Mitgliedsgewerkschaften und Jugendverbänden bekommen, um solchen Angriffen trotzen zu können.


Carlo Kroiß ist DGB-Bezirksjugendsekretär in Bayern.

***

DGB-Jugend Bayern: Gedenken in Dachau und Flossenbürg
Seit 1952, d.h. seit mehr als 65 Jahren, gedenkt die DGB-Jugend Bayern anlässlich der Reichspogromnacht der Opfer des Nationalsozialismus. Dieses "längste Gedenkprojekt einer Nichtverfolgtenorganisation in der Bundesrepublik" (die ehemalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Barbara Distel) will mit Veranstaltungen in den KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg die Erinnerung an die deutschen Verbrechen wach halten und gleichzeitig eine kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart anstoßen.

Eine erste Kundgebung in Dachau gab es gemeinsam mit den als "Displaced Persons" bezeichneten ehemaligen KZ-Insassen in München. Das Datum der "Reichspogromnacht", der 9. November, sollte darauf hinweisen, dass die Menschen nicht selbst an ihrem Status schuld waren, sondern dass es die deutsche Politik war, die sie entsprechend entrechtet hat. Mit dem Gedenken in Dachau und Flossenbürg sollte deutlich gemacht werden, dass es eine starke antifaschistische Jugend in Bayern gibt – "die nicht vergisst und den Finger weiter in die Wunde legt" (DGB-Bezirksjugendsekretär Carlo Kroiß).

Für ihr Engagement wurde die DGB-Jugend Bayern nun mit dem Karl-Buschmann-Preis (benannt nach dem früheren Vorsitzenden der Gewerkschaft Textil-Bekleidung) der Kritischen Akademie Inzell ausgezeichnet. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis prämiert die Idee, "dem globalisierten Rechtsradikalismus eine menschenfreundliche und solidarische Sichtweise entgegenzustellen", wie es in der Laudatio heißt. Der Bezirksleiter der IG Metall Bayern, Jürgen Wechsler, überreichte den Preis im Juni im Rahmen des "Camp de la revolución" der IG Metall Jugend Bayern.

In Dachau recherchieren und präsentieren junge Gewerkschafter_innen im Vorfeld der Gedenkveranstaltung Biografien von Opfern der Nazis. In Flossenbürg wird die Kundgebung durch Schulklassen und eine Delegation tschechischer Gewerkschaftsjugendlicher gestaltet. Die Beiträge reichen von vorgetragenen Gedichten über themenbezogene Ausstellungen bis hin zu Kunstwerken. Der Bezug zu gegenwärtigen Entwicklungen und insbesondere die Warnung vor Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus sind dabei fester Bestandteil.


(aus der Soli aktuell 7/2018, Autorin: Soli aktuell)