Deutscher Gewerkschaftsbund

Gespür für Arbeitsprozesse: Die Aufgabe der dualen Ausbildung

Hans-Böckler-Studie: Die duale Ausbildung vermittelt berufliche und soziale Fähigkeiten, die sich anderweitig nur schwer erlernen lassen.

Ausbildung im Rückwärtsgang Statistik

© HBS

Nichts bereitet Menschen besser auf den Wandel der Arbeitswelt vor als die duale Ausbildung. Das ist das Fazit einer Untersuchung des Münchener Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Die Forscher_innen haben anhand von rund 150 Beschäftigtenbiografien herausgearbeitet, worin sich Arbeitnehmer_innen mit dualer Ausbildung von Studierten, Ungelernten oder Quereinsteiger_innen unterscheiden.

Das Ergebnis: Beschäftigte mit Ausbildung haben die Nase vorn, wenn es um das "organisationale Arbeitsvermögen" geht. Die eigene Tätigkeit im Gesamtzusammenhang richtig einzuordnen, Anforderungen und Probleme auf vor- oder nachgelagerten Produktionsstufen zu erkennen, Machtverhältnisse, Sachzwänge und die soziale Komponente richtig einzuschätzen, fällt demnach dual Ausgebildeten oft leichter.

Ein Beispiel ist der Umgang mit der Hierarchie: Während Hochschulabsolvent_innen eher mit ihren Chefs aneinandergeraten und diesen unliebsame Anweisungen persönlich übel nehmen, sind Beschäftigte mit Ausbildung besser in der Lage zu erkennen, welche Zwänge sich aus der Vorgesetztenrolle ergeben – und können damit nüchtern umgehen.

Woran liegt’s? Unter anderem daran, dass Azubis in der Ausbildung oft in unterschiedlichen Abteilungen des Unternehmens gearbeitet haben, was bei später eingestellten Spezialist_innen selten der Fall ist.

Häufig erwiesen sich die Kolleg_innen mit Berufsausbildung gerade wegen ihres Gespürs für Prozesse jenseits der Fachebene als die flexibleren Beschäftigten – eine "entscheidende Innovationsressource für die Unternehmen".

Der Lernort Betrieb ist also erstmal nicht so leicht ersetzbar: Maßnahmen, die betriebliche Wirklichkeit nur simulieren, blieben immer "defizitär für die Ausbildung organisationalen Arbeitsvermögens".

Dass es auf diese im Betrieb gelernten Fähigkeiten bald nicht mehr ankommt, glauben die Münchner Sozialforscher_innen nicht. Homeoffice und Crowdwork gut und schön: Auch der "Betrieb als physischer Ort" wird also nicht so schnell verschwinden.

Ein Perspektivwechsel stützt die Ergebnisse: Der Blick auf Länder ohne duales Ausbildungssystem zeige, dass diese Deutschland "um Jahrzehnte" hinterherhinken, "wenn es darum geht, technologisch anspruchsvollen Veränderungen mit entsprechenden Ausbildungsinhalten und -formen zu begegnen". Im dualen System entwickelten sich die Lerninhalte "hochdynamisch und bedarfsorientiert".


Hier gibt es die Studie "Betrieb lernen" zum Download: www.boeckler.de/pdf/p_study_hbs_366.pdf