Deutscher Gewerkschaftsbund

Die Ausbeutung stoppen: EGB-Jugend-Präsidentin Victória Nagy im Interview

Die ungarische Gewerkschafterin Victória Nagy ist die neue Präsidentin der Europäischen Gewerkschaftsjugend. Mit Soli aktuell sprach sie über die Schwerpunkte ihrer Arbeit.

Viktória Nagy

© Privat

Europa - Arbeitsfeld der Gewerkschaftsjugend: Viktória Nagy aus Ungarn

Als neue EGB-Jugend-Vorsitzende musst du die Interessen von 28 Ländern koordinieren. Wie gelingt dir das?
Ich habe das Glück, dass mein Team nach Ländern sehr ausgewogen besetzt ist. Wir haben in der Verwaltung der EGB-Jugend Vertreter_innen aller sieben Regionen und zusätzlich ist jemand von den europäischen Gewerkschaftsverbänden dabei. Unsere Strukturen sind somit recht durchsetzungsfähig.

Dein Vorgänger Tom Vrijens wollte in seiner zweijährigen Amtszeit alle Länder der EU besuchen (siehe Kasten). Hast du das auch vor?
Nein, aber ich werde versuchen, so viele von unseren jungen Kolleg_innen persönlich zu treffen, wie das in zwei Jahren möglich sein wird.

Was hast du dir sonst vorgenommen?
Ganz allgemein glaube ich, dass sich mehr junge Leute in der Gewerkschaftsbewegung engagieren könnten. Da müssen wir was leisten, damit sie das auch tun. Die EGB-Jugend kontrolliert auch die Umsetzung des EU-Jugendgarantieprogramms auf nationaler Ebene.

Wir versuchen, gute Praxisbeispiele zu sammeln, die Sozialpartner einzubeziehen. Wir kämpfen gegen untertarifliche Löhne, mit denen gerade junge Beschäftigte abgespeist werden. Da kannst du gleich in Deutschland anfangen: Dort gibt es zwar den Mindestlohn, aber Arbeitnehmer_innen unter 18 Jahren sind davon ausgeschlossen.

Wir versuchen, dem auf europäischer Ebene mit einer Beschwerde entgegenzusteuern, und hoffen, dass die Gewerkschaften mitziehen. Wir wollen die Initiativen des Qualitätsrahmens für Praktika und die Ausbildungsallianz forcieren – die hoffentlich dazu beitragen, dass junge Arbeitnehmer_innen beim Übergang von der Schule auf den Arbeitsmarkt nicht von den Arbeitgebern ausgebeutet werden.

Außerdem finde ich geschlechtsspezifische Fragen wichtig. Nicht nur, weil ich die erste Frau nach 27 Jahren in der EGB-Jugend-Präsidentschaft bin, sondern auch, weil es auf dem Arbeitsmarkt wie auch innerhalb der Gewerkschaftsbewegung immer noch Probleme gibt. Junge Frauen haben es schwer, in höhere oder "männliche" Positionen zu gelangen, Stichwort "gläserne Decke". Dagegen will ich ankämpfen.

Wie geht es weiter mit dem Thema Jugendarbeitslosigkeit?
Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation zeigen erneut, dass junge Beschäftigte am schnellsten in die Arbeitslosigkeit abrutschen. Die Jugendarbeitslosigkeit in Europa lag 2016 immer noch bei 18,7 Prozent, in Italien bei 37,8 Prozent, in Spanien bei 38,7 Prozent und in Griechenland bei sage und schreibe 47,4 Prozent – nach wie vor eine echte Krisensituation. Wir brauchen mehr Ressourcen, nur so kann da was verbessert werden.

Ein Mittel dazu könnte ein besser finanziertes Jugendgarantieprogramm sein, im Rahmen einer Lohnerhöhungskampagne, die der EGB bereits angekündigt hat.

Die Europäische Union steht vor vielen Problemen, etwa dem Brexit…
Der betrifft uns alle. Im EGB arbeiten wir daran, dass die Interessen der Arbeitnehmer_innen beim Ausstieg Großbritanniens aus der EU gewahrt bleiben.

Welches Verhältnis hat die Gewerkschaftsjugend in Ungarn zur Regierung Órban?
Die Gewerkschaften dort versuchen grundsätzlich, sich von der Politik abzugrenzen und neutral zu bleiben. Das ist historisch bedingt. Wir diskutieren und arbeiten zu beruflichen Themen im Interesse junger Arbeitnehmer_innen, wenn wir die Möglichkeit dazu haben. Die Regierung verweigert jedoch meist den sozialen Dialog.

Welche Erfahrungen bringst du aus Ungarn mit, die dir bei der Arbeit für die EGB-Jugend nützlich ist?
Ich arbeite seit zehn Jahren für den ungarischen Gewerkschaftsdachverband SZEF. Ich weiß, wie man die Gewerkschaftsjugend organisiert und verwaltet. Dazu waren nicht nur berufliche Kenntnisse, sondern auch Geduld, Kooperationsfähigkeit, Sinn für Diplomatie und eine entschiedene Haltung notwendig. Ich glaube, diese Eigenschaften kommen mir in meinem Amt zu Gute.

Ungarns Regierung liegt oft im Streit mit anderen EU-Ländern. Welche Auswirkungen hat das für deine Arbeit?
Als EGB-Jugend-Vorsitzende muss ich für alle Länder sprechen, für die Gesamtheit junger Menschen in der EU, und ihre Interessen vertreten. Da interessiert mich die Meinung der Regierung meines eigenen Landes nur am Rande. Auf der anderen Seite: Ich bin eine überzeugte Europäerin und zutiefst beunruhigt über das Verhalten der Regierung meines Landes, wenn es um soziale Rechte geht.

Was wird das wichtigste Projekt für die EGB-Jugend in der nächsten Zukunft?
Unsere Beteiligung am EGB-Kongress nächstes Jahr. Warum? Auf dem letzten Kongress erzielte die EGB-Jugend sehr gute Ergebnisse, wir konnten die EGB-Statuten ändern und mehr Entscheidungsbefugnisse für die Jugend festschreiben. Beim nächsten Treffen können wir beweisen, dass das Vertrauen in uns nicht unbegründet war. Wir müssen in den Kongressdebatten wie auch im laufenden Betrieb mit unseren Positionen sichtbar sein.

(aus der Soli aktuell 6/2018, Autorin: Soli aktuell)