Deutscher Gewerkschaftsbund

ÖGB- und DGB-Jugend: Gemeinsam gedenken

Gedenkkultur: Wie jedes Jahr hat die österreichische Gewerkschaftsjugend auch im Mai 2018 ein Antifaschismus-Seminar in Linz veranstaltet. Zum ersten Mal war auch eine DGB-Jugend-Delegation dabei.

Die jungen Gewerkschafter_innen wollten wissen: Was bedeutet die Situation von Geflüchteten für junge Menschen aus Westeuropa, für gewerkschaftliche Positionen und Kampagnen? Am 6. Mai nahmen alle Seminarbesu­cher_in­nen an der Gedenkfeier und einem Jugendgedenkmarsch in der Gedenkstätte Mauthausen anlässlich der Befreiung vom Nationalsozialismus vor 73 Jahren teil.

Der Schwerpunkt lag dieses Jahr auf dem Thema Flucht und Heimat.

Einige Teilnehmer_innen besuchten am 7. und 8. Mai auch die Gedenkfeierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Wien.

Die Gewerkschaftsjugend in Mauthausen

© Martin Ströhmeier

DGB- und ÖGB-Jugend widmeten sich Flucht und Heimat

 

Mit den Leuten sprechen
Seit vier, fünf Jahren arbeiten unsere Gewerkschaftsjugenden sehr eng zusammen. Wir hatten schon im Vorfeld regelmäßigen Austausch, d.h. wenn die DGB-Jugend eine coole Demo macht oder eine tolle Konferenz organisiert, kommen wir vorbei. Genau dort haben wir auch den Plan gefasst, gemeinsam unser jährliches Antifaschismus-Seminar anzugehen.

Internationaler Austausch ist sehr viel wert für unsere Leute. Gerade was Antifaschismus angeht, passt das mit der DGB-Jugend gut zusammen.

Wir haben viele Gemeinsamkeiten: Auch wir organisieren eine Shoah-Reise nach Polen. In der Israelarbeit haben wir die ersten Schritte gemacht. Und es wird künftig mehr Gemeinsamkeiten in der Antifaschismus-Arbeit geben. Der Grundpfeiler für unsere Organisationen ist, dass man den Faschismus im Keim ersticken muss.

Wir haben gesagt, es macht beim Thema Flucht und Heimat nicht so viel Sinn, darüber nur theoretisch zu reden. Warum nicht mit den Geflüchteten selbst sprechen? Das hat einen Großteil des Seminars eingenommen. Die zentrale Erfahrung war für uns: Als Gewerkschaften neigen wir dazu, alles unter dem Gesichtspunkt von arbeitstechnischen Fragen zu sehen: Wie ist das mit dem Arbeitsmarktzugang für Geflüchtete etc.

In Wirklichkeit ist das kaum problematisch, wenn man mit den Menschen selbst spricht. Da ist es egal, ob die Arbeitslosigkeit groß ist oder nicht. Wenn einer arbeiten will, soll er auch. Ob Asylbewerber oder nicht. Das war der spannende Moment: Wenn die Leute in einem Beruf arbeiten können und wollen, sollen sie das doch bitte machen.


ÖGB-Bundesjugendsekretär ­Stefan Bartl hat das ­Antifaschismus-Seminar organisiert.


Gemeinsam kämpfen
Martin, wie kam es zum gemeinsamen Seminar mit der Österreichischen Gewerkschaftsjugend?
In Österreich gibt es die Tradition, das Antifaschismus-Seminar vor der Gedenkfeier im KZ Mauthausen zu veranstalten. Das Thema war deshalb auch das gleiche, Flucht und Heimat. Wir haben zusammen mit Geflüchteten über Fluchtrouten und das Ankommen in Österreich diskutiert.

Es geht um zwei Dinge: die Flucht an sich und die Aufgabe, dem Rechtspopulismus entgegenzuwirken. Wir haben auch gesehen, dass die Gewerkschaftsjugend das Ankommen mit entsprechenden Angeboten erleichtern kann, etwa durch Informationen zur dualen Ausbildung, wie es die DGB-Jugend mit ihrem "Refugees Welcome"-Portal macht. So etwas findet man auch bei der ÖGJ ganz sinnvoll.

Was haben die Geflüchteten erzählt?
Olivia Christopher aus Nigeria, die im Übrigen mittlerweile als Auszubildende im Hotelgewerbe in der Gewerkschaft ist, berichtete davon, wie es ist, in Österreich anzukommen. Issa Saadi aus Syrien erzählte von den Gefahren der Balkanroute und dass so eine Flucht sehr teuer ist. Dass es schwierig war in den Ankunftszentren.

Was finden die beiden sinnvoll?
Mehr in Großstädten angebunden zu sein, auf dem Land gibt es keine Deutschkurse.

Ihr wart auch bei der Gedenkfeier im KZ Mauthausen. Was war für euch das Beeindruckendste?
Die Größe. Da waren rund 20.000 Menschen.

Was habt ihr als Erkenntnis mitgenommen?
Dass die Jugend in Österreich Teil des erinnerungspolitischen Diskurses ist. Es gibt eine Selbstverpflichtung der Jugendverbände, bei dem Thema ganz aktiv zu sein. So was müssten wir in Deutschland auch haben. An vielen Stellen haben wir gesehen: Wir kämpfen mit denselben Problemen, was die Diskursverschiebung nach rechts angeht.


Martin Ströhmeier leitet das Kompetenzzentrum Jugendbildung beim DGB-Bildungswerk.


Wir haben gleiche Ziele
Ich habe als Person mit kurdischen Wurzeln, aus der Türkei kommend, viele Berührungspunkte zum Thema Flucht, in der Familie, im Freundeskreis. Da geht es um politische Gründe. Es war sehr interessant, Menschen aus anderen Regionen kennenzulernen und mit Leuten zu sprechen, die geflüchtet sind, und die am Seminar teilgenommen haben. Auch bei uns im Betrieb haben wir Geflüchtete. Ich habe mir vorgenommen, mit ihnen persönlich ins Gespräch zu kommen, ich glaube, das funktioniert besser als eine allgemeine Einladung.

Diese Art der Gedenkfeier kannte ich gar nicht. Mir war das nicht bewusst, dass sie jährlich stattfindet. Darum fand ich es sehr schön, dass wir aus Deutschland dazu eingeladen wurden. Hier geht es um internationale Solidarität. Man schaut nicht nur auf sich selbst. DGB-Jugend und ÖGB-Jugend verfolgen die gleichen Ziele: solidarisch zu sein, politische Aufklärung zu betreiben. Zu schauen, wo wir den Arbeitsalltag verbessern und wo wir die Rechte der Auszubildenden umsetzen.


Rojda Karadağ ist aktiv in der IG Metall und hat gerade ihre Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement abgeschlossen. Sie ist zum Antifaschismus-Seminar nach Österreich ­gefahren.


(aus der Soli aktuell 6/2018, Autorin: Soli aktuell)