Deutscher Gewerkschaftsbund

Konflikte aus dem Alltag (II): Wolfgang Seidel über die Lehrlingsbewegung

50 Jahre Lehrlingsbewegung: Wolfgang Seidel war Schlagzeuger bei der Theatergruppe Rote Steine und der legendären Band Ton Steine Scherben. Und mittendrin in den Ereignissen. Zweiter und letzter Teil.

Wolfgang Seidel

© Ventil-Verlag

Auf die studentische Protestbewegung der damaligen Zeit sind Sie nicht gut zu sprechen…
Die 68er waren nicht homogen. Es gab Aufsteiger und Aussteiger, Leute, die sich auf den langen Weg durch die Institutionen begaben oder auf den kurzen Weg in den Untergrund. Aus der Sicht der Frauen wäre die Geschichte noch einmal anders. Und ebenfalls eine mindestens doppelte Geschichte – je nach sozialer Schicht. Oft war das Verhältnis der Studentenbewegung zur Arbeiterklasse zwiespältig.

Wie meinen Sie das?
Ich fand neulich einen Text wieder über eine Gesprächsrunde mit Rudi Dutschke und Bernd Rabehl, der später Vorträge bei rechten Burschenschaften hielt. Thema war, was mit den Arbeitern passiert, wenn sie ins Rentenalter kommen. Tenor: Die sind doch so konditioniert, die können ja gar nicht mehr aufhören zu arbeiten. Und gehen auch als Rentner noch jeden Tag mit Aktentasche und Thermoskanne aus dem Haus, weil sie mit ihrer freien Zeit gar nichts anzufangen wissen. Wenn dem schon so sei: Dann könnten sie ja unentgeltlich arbeiten, da sie dann ja nur noch "symbolischen Mehrwert" erwirtschaften.

Meines Erachtens gibt es da eine direkte Verbindung von dieser Verachtung der real existierenden Arbeiterklasse, die als angepasste Konsumidioten gesehen wurden, bis zur Agenda 2010 und den Hartz-Gesetzen. Zu diesem Verhältnis angeblich "Linker" zur Arbeiterklasse passte, dass man sich sein erträumtes "revolutionäres Subjekt" lieber in nationalen Befreiungsbewegungen weit weg suchte.

Als Sie mit Ton Steine Scherben die Stücke geschrieben haben, hatten Sie das im Hinterkopf? War die Musik speziell für Lehrlinge geschrieben?
Es war die Musik, die wir selber hörten. Rock’n’Roll oder Beat. Es war in England die Musik des Nachwuchses einer Klasse, die die Hauptlast des Krieges getragen hatte und nun ihren Teil vom Sieg einforderte. Aus der Zeit stammt die Vokabel von der aspiring working class – der ehrgeizigen Arbeiterklasse. Das hat noch einen anderen Dreh als das deutsche Wort von der "aufsteigenden Arbeiterklasse".

Wenn man Musik macht und entscheiden müsste: Welche wäre für Azubis, welche für ein studentisches Publikum?
Kann man das so sagen? Für ein paar Jahre zogen bei Themen wie autoritäre Erziehung, Zwang zur geräuschlosen Anpassung oder repressive Sexualmoral Studenten und Lehrlinge am selben Strang.

Man muss sich das vorstellen: Zu meiner Schulzeit ging man noch im Kreis auf dem Hof, wie beim Freigang im Knast. Diese Verhältnisse betrafen ja erstmal alle. Und deswegen funktionierte auch die Musik als Versprechen, dass es eine andere Welt gibt – sprichwörtlich Zukunftsmusik.

Studenten und junge Arbeiter konnten durchaus die gleichen Interessen haben. Jung sein war so etwas wie ein Straftatbestand. Man wurde vom ordentlichen Bürger misstrauischst beäugt. Wenn irgendwo drei Jugendliche zusammenstanden, womöglich noch langhaarige, dann wurde gleich nach der Polizei gerufen.

Junger Mann mit Plakat "Du gehörst dir"

© DGB-Jugend/Solidarität

Jugend - weder Straftatbestrand noch Privatbesitz: 1971 ruft der DGB das "Jahr des jungen Arbeitnehmers" aus, um dessen Rechte hervorzuheben (aus: "Solidarität", 1971)

Die Gruppe der "Studenten" muss man differenziert sehen. Bis Mitte der sechziger Jahre machten weniger als zehn Prozent der Schüler Abitur. Dementsprechend bürgerlich war die Studentenschaft. Im Zuge der auch von der Industrie als notwendig erachteten Bildungsreformen kamen ab Ende der Sechziger auch Schüler aus kleinbürgerlichem oder Arbeitermilieu an die Gymnasien und später an die Universitäten. Etwas, was heute längst wieder rückläufig ist.

Was stellten die Auszubildenden in Westberlin sonst noch an?
Es gab die Jugendzentrumsbewegung. Anfang der siebziger Jahre hatte es überall in der Bundesrepublik in relativ kurzer Zeit eine Reihe Hausbesetzungen gegeben. Manchmal hat es auch gereicht, nur damit zu drohen. Dann wurden freiwillig Räume für Jugendgruppen bereitgestellt, bei der Stadt fanden sich sogar Sympathien dafür. Manchmal wurde allerdings auch die Polizei losgeschickt.

Es gab für die Jugendlichen kaum eine Möglichkeit, zusammen zu sein. Arbeiterwohnungen waren sehr beengt. In Kneipen ging es vom schmalen Taschengeld her nicht, nach 22 Uhr schon mal gar nicht. Die Jugendlichen hatten ein großes Bedürfnis, sich Räume zu schaffen, in denen man Repressionen entgehen konnte.

Man setzt ja immer Hoffnung in die Jugend. Was könnte sie heute ausrichten?
"Die Jugend" ist ein unscharfer Begriff. In den Sechzigern schien noch klar: Wenn man sich anstrengt, schafft man auch was. Vielleicht nicht die Megakarriere, aber eine Stufe höher. Stattdessen haben wir jetzt eine "erodierende Mittelschicht".

Die muss viel Geld ausgeben für Nachhilfe und private Ausbildung. In der Hoffnung, dass der Nachwuchs was Besseres wird, Aussichten unklar. Ich sehe das in meinem Gewerk, der Grafik: Eine unüberschaubare Anzahl von Firmen, die sich mit bunten Titeln wie "Hochschule für populäre Künste" schmücken, verkauft Bildung.

Da geht der Nachwuchs für 1.000 Euro Gebühren im Monat hin, um später ein zweifelhaftes Papier in Händen zu halten und als prekär beschäftigter Kabelträger in irgendeiner Videobude zu enden.

Auf der anderen Seite gibt es dann die Abgehängten, die als "verfestigte Unterschicht" oder "bildungsferne Schichten" denunziert werden. Es fällt schwer, sich eine Zukunft vorzustellen, die beide Gruppen einschließt.


Wolfgang Seidel ist Schlagzeuger und Publizist. 2008 erschien sein Buch "Scherben: Musik und Politik" (Ventil Verlag, Mainz 2008, 252 S., 14,90 Euro).


Teil I des Gesprächs erschien in der Soli aktuell 4/2018.

(aus der Soli aktuell 5/2018, Autorin: Soli aktuell)

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