Deutscher Gewerkschaftsbund

Cool, da sind noch andere wie ich: Die Vernetzungstagung

In diesem Frühjahr fand die ­DGB-Jugend-Vernetzungstagung der gewerkschaftlichen Studierenden und Berufsschularbeit statt. Soli aktuell sprach mit den Trainer_innen Wiebke Ilsitz (students at work) und Sebastian Borkowski (Berufsschularbeit).

Wiebke und Sebastian

© Privat

Trainieren die DGB-Jugend: Wiebke Ilsitz und Sebastian Borkowski

Wiebke, Sebastian, was macht ihr als Trainer_innen genau?
Sebastian: Die DGB-Jugend ist bundesweit mit dem Projekttag "Demokratie und Mitbestimmung" an Berufsschulen unterwegs. Wir machen Kolleg_innen fit, damit sie den Tag in einer Berufsschulklasse durchführen können und vermitteln Grundlagen der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. Wir arbeiten an der Verbesserung der Teamschulung, aber feilen auch insgesamt an der gewerkschaftlichen Berufsschularbeit.

Wiebke: Ich bin für die Qualifizierung mit und von tollen Kolleg_innen zuständig. Neben der Grundschulung für die arbeitsrechtliche Anfangsberatung gebe ich Seminare zur aktivierenden Ansprache auf dem Campus oder zum Thema BAföG. Unsere Beratungsbüros findet mensch an über 50 deutschen Hochschulen.

Was waren die entscheidenden Fragen bei der Vernetzungstagung?
Wiebke: Wie schaffen wir es, dass uns junge Leute cool finden und ein Teil unserer Gemeinschaft sein wollen? Woran müssen wir zusammen, aber auch jeder für sich arbeiten, um möglichst nah an die Interessen und Bedürfnisse von Studis und Azubis andocken zu können?

Sebastian: Die knapp 70 Teilnehmer_innen haben sich gefragt, wo wir voneinander lernen und wie wir unsere Arbeit in Zukunft besser verzahnen können. Wir haben uns angeschaut, wie die Bezirke arbeiten und uns in Workshops weitergebildet.

Was ist das Spezielle an der Arbeit mit den Auszubildenden in der Berufsschule?
Sebastian: Wir arbeiten mit jungen Menschen, die am Anfang ihres Berufslebens stehen. Sie sind vielleicht gerade erst von zu Hause ausgezogen, verdienen ihr erstes eigenes Geld und haben ganz viele Fragezeichen im Kopf. Da knüpfen wir an und fragen: Was sind eigentlich die Spielregeln im Betrieb und woher kommen sie? Dass Mitbestimmung auch im Betrieb stattfindet, ist für viele eine neue Erfahrung. Natürlich treffen wir hier auf viele Ängste und Vorurteile. Wir als DGB-Jugend sind häufig der erste gewerkschaftliche Kontakt. Wir wecken bei den Schüler_innen Interesse.

"Der 'Luxus' an der Studierendenarbeit ist die ständige Präsenz auf dem Campus. Damit schafft man Vertrauen."
Sebastian Borkowski

Und bei den Studierenden?
Wiebke: Über 60 Prozent von ihnen gehen nebenbei arbeiten. Da sie aber oft denken, sie besäßen keine Arbeitsrechte, sind sie eine doppelt spannende Zielgruppe für Gewerkschaften. Sie zu gewinnen, hilft uns langfristig.

Unterscheiden sich die Ansprachekonzepte stark von einander?
Wiebke: Ja und Nein. Die Ansprachekonzepte – wofür stehen Gewerkschaften? – sind sehr ähnlich. Unterschiede sind zum Beispiel, dass Azubis an Themen wie dem Azubi-Ticket gelegen ist und Studierenden eventuell an Einstiegsgehältern. Aber an gemeinsamen Themen wie Wohnungsnot können wir ansetzen, um die sozialen Interessen der jungen Generation nach vorne zu bringen.

Wie könnte sich eurer Meinung nach die Zielgruppenarbeit weiterentwickeln?
Sebastian: Wir stellen unser Konzept immer wieder auf den Prüfstand. Das Projekt lebt davon, dass Dinge rausfliegen und woanders neue ausprobiert werden. Ansprache ist ein Dauerthema – ob jetzt ein Jugendsprache-Seminar notwendig ist oder die Teamenden durch Betriebsbesichtigungen mehr Blick in die Arbeitswelt brauchen.

Was konnte die Berufsschularbeit von der Studierendenarbeit mitnehmen?
Sebastian: Der "Luxus" an der Studierendenarbeit ist die ständige Präsenz auf dem Campus. Damit schafft man Vertrauen, und die Menschen gehen mit einem positiven Gewerkschaftserlebnis aus so einer Beratung. An vielen Berufsschulen, an denen wir nur einen Tag sind, ist es hingegen schwierig, das Eis zu brechen. Ich wünsche mir mehr Zeit mit den Klassen.

"Wenn wir junge Arbeitnehmer_innen über ihre Rechte aufgeklärt haben, sind sie oft bereit(er), sich zu organisieren."
Wiebke Ilsitz

Wiebke?
Wiebke: Eine arbeitsrechtliche Anfangsberatung direkt vor Ort in den Berufsschulen, so wie es die DGB-Jugend Nord auf die Beine gestellt hat, wäre eine coole Sache. Wenn wir junge Arbeitnehmer_innen über ihre Rechte aufgeklärt haben, sind sie oft bereit(er), sich zu organisieren und ihre Rechte durchzusetzen.

Wo gibt es definitiv Synergieeffekte?
Wiebke: Ehrenamtliche beim DGB oder Studierende wissen oft nicht, wie die tägliche Arbeit im Stahlwerk ist, wie die Arbeit in Produktionshallen oder bei der Stadtreinigung abläuft. Betriebsbesichtigungen können hier ein interessanter Punkt sein, um beide Zielgruppen anzusprechen. Ehrenamtliche haben so in den Berufsschulen ein besseres Verständnis für die Realität von Azubis. Und Studierende, die ja auch Menschen mit Personalverantwortung von morgen sein können, werden für gute Arbeitsbedingungen sensibilisiert.

Neben wichtigen sozialen Themen wie Wohnen, Mobilität und Erwerbsarbeit junger Menschen sollten wir uns mehr auf die Digitalisierung konzentrieren. Instagram-Accounts der DGB-Jugend, wo auch Ehrenamtliche zeigen, wo sie aktiv sind, welche Aktionen vor Ort passieren, machen den Zielgruppen transparent, wo wir gerade am Ball sind. Und wir müssen versuchen, Menschen, die Pflege- oder Erziehungsaufgaben übernehmen, zu ermöglichen, an Bildungsangeboten der Gewerkschaftsjugend teilzunehmen, Stichwort "Blended Learning". Digitale Bildung ist eine Chance, kein Fluch!

Was konnten die Teilnehmer_innen mit nach Hause nehmen?
Sebastian: Die Erkenntnis: Cool, da sind Leute, die an anderen Ecken Konzepte entwickeln und mit denselben Problemen zu kämpfen haben. Wir können uns austauschen und daran die eigene Bildungsarbeit weiterentwickeln. Das macht Mut und geht nach vorn. Aber auch über die konkrete Arbeit an Inhalten hinaus waren die Gespräche mit anderen Aktiven in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit wertvoll.

Wiebke: Viele Eindrücke und Best-Practice-Ideen aus den Bezirken, die wir in einer Galerie bewundern konnten. Es wurde deutlich, dass wir ein motivierter, aber auch durchaus selbstkritischer Verband sind, der sich Solidarität und Mut zum Arbeitskampf auf die Fahnen geschrieben hat.