Deutscher Gewerkschaftsbund

Konflikte aus dem Alltag (I): Wolfgang Seidel über die Lehrlingsbewegung

50 Jahre Lehrlingsbewegung: Wolfgang Seidel war Schlagzeuger bei der Theatergruppe Rote Steine und der legendären Band Ton Steine Scherben. Sie prägte den Sound der Revolte mit Arbeiterhintergrund.

Wolfgang Seidel

© Ventil-Verlag

Herr Seidel, die Berliner Band Ton Steine Scherben gilt als die Soundmaschine der Lehrlingsbewegung. Der Name ist der damaligen Gewerkschaft Bau Steine Erden nachempfunden. Wie kam es dazu?
Das hat einen guten Grund. Ton Steine Scherben ist aus dem Lehrlingstheater Rote Steine entstanden, und die Lehrlinge kamen zum großen Teil aus der Baubranche. Der Hintergrund: In den sechziger Jahren setzte in Berlin ein Bauboom ein – man wollte die Wirtschaft der Stadt in die Gänge bringen. Dazu gab es Steuersparmodelle für Bauherren. Die konnten für Neubauten mehr Geld von ihrer Steuerschuld gegenüber dem Finanzamt abziehen, als sie in den Bau investierten. Nun musste man Altbauten nur noch in einen Zustand bringen, der den Abriss unvermeidbar erscheinen ließ. Die Hausbesetzerbewegung der achtziger Jahre hat hier ihren Beginn.

Die Lehrlinge kamen aber auch aus anderen Branchen. Oft wurden sie nur als billige Arbeitskräfte gesehen. Die Ausbildung war zweitrangig – es sei denn, man hatte das Glück, in einem Großbetrieb anzufangen. Die hatten eigene Werkstätten, dort herrschte auch das Bewusstsein, dass es, um langfristig Gewinne zu machen, an einem Ende Fachkräfte und am anderen Konsumenten braucht.

Welches Interesse hatten junge Arbeitnehmer_innen am Theater?
Die Gebrüder Möbius – der jüngste war Ralf, der später zum Ton-Steine-Scherben-Sänger "Rio Reiser" wurde –, betrieben eine Art Märchenbühne und bekamen den Zeitgeist mit, dass "Links blinken" ein Ticket ist, mit dem man im Kulturbetrieb weiterkommt. Also beschloss man, was mit jungen Arbeitern zu machen. Vor allem sozialdemokratisch regierte Städte gaben Geld aus, um die aufmüpfige Jugend zu befrieden.

Die jungen Arbeiterinnen und Arbeiter fanden die Idee mit dem Theater zwar gut, hatten aber alsbald keine Lust mehr, nur Lehrlinge zu sein, "die unter der Leitung von…" auf der Bühne standen. Sie gründeten ihr eigenes Theater – eben die Roten Steine.

Wie kamen Sie zu Ihrem Job als Schlagzeuger dort?
Unter den Lehrlingen war niemand zu finden, der den musikalischen Part hätte übernehmen können. Ich war zwar nicht in der Ausbildung, aber im selben Milieu groß geworden. Meine Großmutter lebte noch bis Anfang der sechziger Jahre in einer Kreuzberger Kellerwohnung auf dem Hof. Ich war dann der erste in der Familie, der Abitur machte – damals eine gar nicht so seltene Biografie.

Welche Stücke spielten die Roten Steine?
Es ging um die üblichen Problemlagen: Schlechte Entlohnung, unbezahlte Überstunden, Disziplinierung auch mit Prügel. Das Publikum war dann aufgefordert, ein Ende zu finden. Die Lösung sah dann so aus, dass sich die jungen Beschäftigten nicht spalten ließen: Man schließt sich zusammen und verweigert zum Beispiel das Ableisten von Überstunden gemeinsam. Die Erzählungen und Diskussionen waren der Stoff, aus dem die ersten Scherben-Texte gemacht wurden.

"Macht kaputt, was euch kaputt macht" dürfte der wichtigste Titel von Ton Steine Scherben sein. Was fing das Publikum mit dem Slogan an?
Wenn wir in der Uni spielten, beschwerten sich die Studenten meist, dass sie die Texte kaum verstehen könnten – wegen der schlechten Technik. Den Lehrlingen war das egal. Rockmusik kam aus Amerika, das bedeutete Rock’n’Roll, Führerschein mit 16. Und vor allem auch: Konsum!

Der verbreitete Antiamerikanismus, der häufig in der Konsumkritik mitschwingt, war eher ein bürgerliches Thema. Die Deutschen hatten einen sehr arroganten Zugang zur Kultur. Es kam tatsächlich die Idee auf, den Amerikanern zum Dank für die Care-Pakete in der Nachkriegszeit "Kulturpakete" zu schicken. An der, so dachte man, fehlt es denen ja. Die jungen Arbeiterinnen und Arbeiter sahen das anders: Die wollten Rock’n‘Roll und Blue Jeans. Als es dann mit Beat aus England losging, waren sie es, die zuerst darauf abfuhren. Der popkulturelle Soundtrack Mitte der Sechziger war von ihnen geprägt.

Welche Spuren hatte der Nationalsozialismus hinterlassen?
Der wirkte in der alltäglichen Disziplinierung der Jugend fort. Das "Gesetz zum Schutze der Jugend" stammte noch aus Nazizeiten. Und auch dies hatte einen Klassenaspekt: Wenn der bürgerliche Jugendliche nicht funktionierte, wie er sollte, kam er ins Internat. Wenn aber der Arbeiterjugendliche nicht spurte, kam er ins Heim. Ein repressives System, dem Tausende Jugendliche zum Opfer fielen.

Vieles hat sich dann damals zum Besseren geändert. Wenn es schon keine politische Revolution gegeben hat, so doch eine Kulturrevolution. Die Frage ist, ob das der Erfolg der Studentenbewegung ist oder ob das eine Folge von ökonomischen Veränderungen war, die auch ohne die Studenten dorthin geführt hätten. Man könnte mal provokant fragen – was hatte wohl mehr Wirkung: die Fünf-Tage-Woche – der Kampf um den freien Samstag als Vorgeschmack auf Freiheit – oder die Reden des Rudi Dutschke?

Die Antwort ist ziemlich einfach. Die jungen Leute hatten keine Lust mehr, auf ein Leben, das außer 40 Jahre malochen und dann noch ein paar Jahre Rente nichts für sie zu bieten hatte. Und in Anbetracht der Entwicklung der Produktivkräfte gab es auch keinen Grund für Bescheidenheit.


***

Unser Zeitzeuge
Wolfgang Seidel wuchs in Berlin-Kreuzberg auf, wo er heute noch lebt. 1970 war er Musiker beim Lehrlingstheater Rote Steine und Mitbegründer der Rockgruppe Ton Steine Scherben. Er ist auf der 1971 erschienenen Single "Macht kaputt, was euch kaputt macht" zu hören. 1972 verließ er aber die Band schon wieder und wendete sich neuen musikalischen Projekten zu.

2008 erschien sein Buch über die Geschichte und Wirkung von Ton Steine Scherben ("Scherben: Musik und Politik", Ventil Verlag, Mainz 2008, 252 S., 14,90).


Teil II des Gesprächs erscheint in der Soli aktuell 5/2018.

(aus der Soli aktuell 4/2018, Autorin: Soli aktuell)

Lehrlinge spielen Theater – früher eine ausgemachte Sache. Die "Solidarität", heute Soli aktuell, berichtet über das Treffen der Theatergruppen, darunter die Band Ton Steine Scherben, im Herbst 1975

Soli aktuell 1975 Theatertext

© DGB-Jugend

Soli aktuell 1975 Theatertext

© DGB-Jugend

Soli aktuell 1975 Theatertext

© DGB-Jugend

Beiträge zur Lehrlingsbewegung