Deutscher Gewerkschaftsbund

#MeToo in der Ausbildung. Von "Dr-Azubi"-Beraterin Julia Kanzog

Die #Metoo-Debatte über sexuelle Belästigung in der Schauspielbranche der USA brachte das Ausnutzen von Machtpositionen bei der Arbeit in die Öffentlichkeit. Soli aktuell nimmt dies zum Anlass, sich das "Dr. Azubi"-Forum in dieser Sache anzuschauen.

Julia Kanzog

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog

#WerWirdBelästigt?
Mehr als ein Fünftel der Frauen in Deutschland hat bereits am Arbeits-, Ausbildungsplatz oder in der Schule sexuelle Belästigung oder sexualisierte Gewalt erfahren. Frauen sind häufiger von Belästigung betroffen, wenn sie sich erst seit kurzer Zeit im Betrieb befinden oder wenn sie – noch – keine berufliche Qualifikation aufweisen. Meist werden Abhängigkeitsverhältnisse ausgenutzt. Und das trifft häufig die Auszubildenden.

#SexuelleBelästigungBeiDrAzubi
Sexuelle Belästigungen können sich sehr unterschiedlich zeigen. Eine angehende Mediengestalterin schreibt uns, dass ihr Chef immer "netter" wird: Im Druckerraum hat er schon die Hand an ihrem Po. Bald folgen Nackenmassagen und Anfassen der Brust und Kussversuche.

Aufdringliches Verhalten, sexuell bestimmte körperliche Berührungen und unnötiger Körperkontakt – all das fällt klar unter sexuelle Belästigung. Deutliche Aufforderungen zu sexuellem Verkehr natürlich auch.

Auch sexistische Kommentare über das Äußere fallen darunter. Wie bei Annabelle: "Jeden Tag sagt er zu mir, wie gut ich aussehe, fragt, wann ich mit ihm essen gehe, dass ich mich umdrehen soll, damit er gucken kann, was ich für einen schönen Hintern habe." Und weiter: "Er sagt: Wenn ich mit ihm schlafe, dann kann er mein Gehalt erhöhen, ich muss sein Auto nicht mehr putzen und keine Überstunden mehr machen."

#FalscheVersprechungenUndDrohungen
Das Versprechen von beruflichen Vorteilen bei sexuellem Entgegenkommen oder das Androhen von Nachteilen, wie z. B. einer Kündigung, wenn sexuelle Handlungen verweigert werden, sind eine eindeutige Belästigung. "Er machte mir klar, dass ich meine Lehrstelle verlieren werde, wenn ich jemandem von seinen Belästigungen erzählen würde – und dass mir sowieso keiner glauben würde. Ich glaube, dass er recht hat, wenn sein Wort gegen das einer Auszubildenden steht – wer wird mir schon glauben?" In den "Dr. Azubi"-Anfragen wird deutlich, dass die Täter meist eine höhere Position innehaben, ihr Verhalten verharmlosen und ihre Machtposition zum Ausdruck bringen.

#FolgenVonBelästigung
Sexuelle Belästigung kann weitreichende Auswirkungen haben. Eine junge Frau schreibt, dass es ihr psychisch nicht gut gehe, sie die Lust an ihrem Ausbildungsberuf verloren habe.

Körperliche und seelische Krankheiten wie Angst, Depression, Essstörungen, Kopfschmerzen, Albträume und Schlafstörungen können Folgen von Belästigung sein. Daher ist es dein gutes Recht, deinen Ausbildungsplatz zu wechseln und das Ausbildungsverhältnis aus wichtigem Grund fristlos zu kündigen. Hierbei solltest du dir aber Hilfe bei deiner zuständigen Gewerkschaft suchen.

#WasTunBeiBelästigung
Im ersten Schritt ist es wichtig, sich seiner Gefühle bewusst zu werden; wahrzunehmen, dass eine Grenze überschritten wurde, denn: Jede Handlung durch Kolleg_innen, Mitarbeiter_innen oder durch Ausbilder_innen, bei der man sich sexuell bedrängt fühlt, ist eine sexuelle Belästigung.

Um mit dieser schwierigen Situation nicht allein klarkommen zu müssen, ist es sehr wichtig, mit einer Person des Vertrauens zu sprechen. Das können Arbeitskolleg_innen sein, Freunde, Verwandte, Lehrer_innen der Berufsschule. Du kannst dich auch anonym bei Beratungsstellen vor Ort informieren. In größeren Betrieben gibt es häufig eine Frauenbeauftragte und einen Betriebsrat bzw. eine Jugend- und Auszubildendenvertretung, die dich unterstützt. Auch deine Gewerkschaft kann dir natürlich helfen.

#DieFürsorgepflichtDesAusbilders
Folgendes Beispiel: Eine angehende Hotelfachfrau schreibt uns: "Ich habe es meiner Ausbilderin gemeldet, die sich aber nicht darum kümmert, sondern von mir erwartet, weiterzumachen, als wäre nichts gewesen. Ich habe aber solche Angst. Was kann ich machen?"

Der Ausbilder hat dir gegenüber eine Fürsorgepflicht nach dem Berufsbildungsgesetz. Seine Handlungsmöglichkeiten können vom Versetzen des Belästigenden in eine andere Abteilung bis hin zu seiner Kündigung reichen. Falls dein Anliegen nicht ernstgenommen oder sich nicht darum gekümmert wird, kann sich dein Ausbilder dadurch auch schadenersatzpflichtig machen – und du hast unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, deine Ausbildungsleistung bei laufenden Bezügen zu verweigern.

#ZurGewerkschaftGehen
Auch bevor du zu diesen Maßnahmen greifst, ist es sinnvoll, sich rechtlichen Rat bei der Gewerkschaft zu holen.

Es ist wichtig, schriftlich festzuhalten, was sich wann, wo und mit welcher Person abgespielt hat. Und auch, welche Personen noch mit anwesend waren. Dieses Dokument kann später wichtiges Beweismaterial sein, da es oftmals schwierig ist, die Belästigung zu beweisen. Um deinem Tagebuch mehr Beweiskraft zu verleihen, kannst du es auch eidesstattlich durch einen Anwalt/eine Anwältin absegnen lassen. Falls du fristlos kündigen oder den Täter anzeigen möchtest, kann das deinen Aussagen noch mehr Aussagekraft geben.

#SelbstOffensiverWerden
Vorteilhaft kann auch ein aktives und offensives Vorgehen gegen Belästigungen sein. Oftmals kann schon dadurch das Schlimmste unterbunden werden. Du solltest die belästigende Person zur Rede stellen – und das in aller Öffentlichkeit im Büro. Und ihr androhen, dich zu beschweren. Setz dich auch körperlich zur Wehr, um beispielsweise unangenehmes Berühren zu verhindern. Und drohe darüber hinaus rechtliche Folgen an: Denn du hast die Möglichkeit, den Täter zu verklagen.

#HilfeBeiBelästigung
Es gibt das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen", Tel.: 08000 / 116 016, es ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar. Die Beratung ist vertraulich und in mehreren Sprachen möglich.

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#WasIstSexuelleBelästigung?
Nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz liegt eine sexuelle Belästigung vor, wenn ein unerwünschtes, sexuell motiviertes Handeln oder körperliche Berührungen erfolgen. Auch anzügliche Bemerkungen oder das Zeigen von pornografischen Inhalten, die die Würde einer Person verletzen, fallen darunter.

Ob eine konkrete Handlung als "harmlos" eingestuft wird, entscheidet immer die oder der Betroffene – und nicht die Person, "die es nicht so gemeint hat" oder es unter "Stell dich nicht so an" einstuft. Im Klartext: Jegliches Handeln, das sexuell motiviert und von einer Seite nicht erwünscht ist, fällt unter Belästigung.


Infos: www.antidiskriminierungsstelle.de

(aus der Soli aktuell 4/2018, Autorin: Julia Kanzog)