Deutscher Gewerkschaftsbund

Wir kommen wieder und nerven: Der tvstudberlin

Intensive Streiks: Die studentischen Beschäftigten der Berliner Hochschulen kämpfen schon seit Jahren für einen neuen Tarifvertrag. Fabian Schmidt erklärt, warum.

Fabian Schmidt

© Privat

GEW-Mitglied Fabian Schmidt ist studentische Hilfskraft in der Sozialberatung an der Humboldt-Universität in Berlin. An der Alice-Salomon-Hochschule studiert er Soziale Arbeit

Fabian, die studentischen Hilfskräfte an den Berliner Hochschulen haben jetzt schon mehrere Tage gestreikt. Worum geht es ihnen?
Vor nun über zwei Jahren haben wir uns zusammengesetzt und gesagt: Wir versuchen uns jetzt mal an einem Neustart des Tarifvertrags für studentische Beschäftigte. Der jetzige wird immer älter, die Hochschulen kürzen immer mehr. So gibt es etwa kein Weihnachtsgeld mehr. Die Bestandszeiten der Jobs wurden auch immer weiter verkürzt. Wir dachten: Entweder versuchen wir was Neues oder der Tarifvertrag wird eh bald von den Hochschulen abgeschafft. Wir haben angefangen, uns zu organisieren. Nun gab es schon fünf Verhandlungsrunden, die meistens so verliefen: Die Arbeitgeber machen ein nichtakzeptables Angebot, verhandelt wird nicht.

Wir haben uns dann entschieden, den Tarifvertrag zu kündigen, damit wir streikfähig sind und Druck auf die Hochschulen ausüben können.

Sind die Betroffenen bei den Aktionen gut dabei?
Ja. Und mittlerweile kriegen ja immer mehr mit, was läuft. Die ersten Streiktage waren sehr gut besucht, die Motivation war da. Was uns überrascht hat: Selbst in den Prüfungsphasen kamen viele. Dabei gehen viele, die ihren Abschluss machen, nebenher noch arbeiten.

Wie sähe ein gutes Angebot aus?
Wir fordern 14 Euro die Stunde und auch eine längere Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Wir hätten auch gern eine irgendwie geartete Ankopplung an den Tarifvertrag der Länder, sodass es eine jährliche Anpassung gibt. Wir wollen nicht wieder in die Situation kommen, dass der Lohn 17 Jahre gleich bleibt. Von 10,98 Euro auf 14 Euro klingt erst mal viel. Das ist aber nur der reguläre Inflationsausgleich.

Ein Tarifvertrag ist ja immer ein Gesamtpaket – da geht es ja auch um Urlaubstage und das 13. Monatsgehalt. Da kann man schauen, worauf man sich einigt.

Habt ihr irgendwie besondere Aktionen organisiert?
Ja. Wir sind nicht einfach bei der großen Demo stehengeblieben. Wir haben auch mit ein paar hundert Leuten den Senat der Freien Universität besucht, als sich dort Kandidaten für das Präsidialamt vorgestellt haben. Die Bewerber konnten sich dann gleich positionieren – vor 200 studentischen Hilfskräften. Die wollten hören, wer da was zu ihren Forderungen zu sagen hatte. Mindestens einer ist ganz schön ins Stottern gekommen. Wir wollen Druck aufbauen: Entweder, die Arbeitgeber einigen sich mit uns – oder wir kommen wieder und nerven.

Ihr seid viele. Ihr könntet den ganzen Laden lahmlegen.
Wir haben für den Senat mal eine Rede geschrieben, wo wir aufgelistet haben, was wir alles so machen. Da kam viel zusammen: Bibliothek, Textsupport – alles Mögliche. Es stimmt: Wir sind überall mit drin.

Einschließlich Privatgeschäften von Professoren…
Teilweise auch das. Das ist schon sehr verrückt. Ich sehe das übrigens auch an meiner eigenen Arbeit: Ich mache einen Job, der eigentlich für Sozialarbeiter gedacht ist. Aber die Hochschule ruht sich darauf aus, studentische Hilfskräfte einzustellen.

Wer verhandelt mit den Arbeitgebern?
Wir haben eine Tarifkommission mit zwölf gewerkschaftlich organisierten Mitgliedern. Daraus wurde eine kleinere Verhandlungskommission gewählt.

Wie unterstützen euch die Gewerkschaften?
Wir haben mit Matthias Neis und Matthias Jähne zwei recht aktive Sekretäre von ver.di und der GEW. Sie unterstützen uns sehr, lassen uns aber auch genügend Freiraum. Über die Auseinandersetzungen haben sich bisher über 1.000 studentische Beschäftigte gewerkschaftlich bei ver.di und der GEW organisiert.

Wann rechnest du mit einem Abschluss?
Es könnte sein, dass es zum Anfang oder zur Mitte des Sommersemesters, im Mai oder Juni, was zu berichten gibt. Ich kann aber nicht in die Glaskugel schauen, was die Arbeitgeber bis dann anbieten. Eines ist gewiss: Wenn wir uns demnächst nicht einigen, dürften die Streiks etwas intensiver werden.

Wie reagieren die Studierenden denn auf eure Aktivitäten?
Die meisten sehr positiv. Gemeckert wird nur in Einzelfällen. Wenn wir streiken, ist vielleicht die Bibliothek dann mal eher nicht offen…

Die meisten haben aber Verständnis für unsere Forderungen. Wir erklären aber auch, warum wir etwas machen. Ein Streik, der keinen Schaden verursacht, wäre ja keiner. Die Schuld daran, dass wir keinen richtigen Tarifvertrag haben, trägt ja die Universität. Wir sagen ganz klar: Wenn es Stress gibt, sollen sich die Leute bei den Unis beschweren. Es gibt aber noch einen anderen spannenden Aspekt. Denn wann hat es das letzte Mal große Proteste an Hochschulen gegeben? Vielleicht vor zehn Jahren beim Bildungsstreik. Was wir machen, belebt auch das Uni-Leben. Und macht alles etwas politischer.

 

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tvstudberlin: Streiken und kämpfen
tvstudberlin heißt die Tarifinitiative der studentischen Beschäftigten in Berlin, die für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Seit 2001 wurde der Lohn von 10,98 Euro die Stunde nicht mehr erhöht, dafür aber das Weihnachtsgeld gestrichen.

Seit April letzten Jahres laufen die Verhandlungsrunden mit den Hochschulen unter Federführung des Kommunalen Arbeitgeberverbandes. Das letzte Angebot der Arbeitgeber sah eine stufenweise Anhebung des Stundensatzes auf 12,50 Euro zum 1. Januar 2022 vor – ohne Anbindung an die weitere Lohnentwicklung der anderen Hochschulbeschäftigten und weiterhin ohne Weihnachtsgeld. Die Gewerkschaften erklärten daraufhin die Verhandlungen für gescheitert. Es folgten Streiks.

https://tvstud.berlin

(aus der Soli aktuell 3/2018, Autorin: Soli aktuell)