Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausbildung statt Ausbeutung: Die Lehrlingsbewegung (II)

50 Jahre Lehrlingsbewegung: Warum begehrten Azubis ab den 1960er Jahren auf? Der Historiker David Templin über ihre Beweggründe, Organisationsformen und Forderungen. Zweiter und letzter Teil.

Junge Leute schauen zweifelnd

© DGB-Jugend

Solidarität leben, besser Berufsausbidung und Jugendarbeitsschutz fordern - klingt wie heute. Ausgabe der "Solidarität", der Vorläuferin der Soli aktuell, in den siebziger Jahren

David, vor 50 Jahren fanden sich die Auszubildenden zu gemeinsamen Protesten zusammen und wollten Verbesserungen in der Berufsausbildung durchsetzen. Wie reagierten die Gewerkschaften darauf?
Die älteren Funktionär_innen waren deutlich skeptischer. Das Spektrum reichte von gewissem Wohlwollen bis zu klarer Ablehnung. Dabei ging es natürlich auch um einen Machtkampf innerhalb der Gewerkschaften. Vordenker der Lehrlingsbewegung wie Reinhard Crusius und Manfred Wilke wollten über die Bewegung die Gewerkschaften demokratisieren und zu einer antikapitalistischen Kraft machen. "Die Gewerkschaft gehört uns. Nicht den Bürokraten!" war einer der Slogans.

Manchen Gewerkschaftsfunktionären waren die Lehrlingsproteste und die offene Jugendarbeit deshalb suspekt, auch weil sie dahinter eine Instrumentalisierung und Unterwanderung durch "linksextreme Studenten" vermuteten. Mitunter entzündeten sich aber auch Konflikte an der SPD-Mitgliedschaft leitender Gewerkschaftsfunktionär_inen. So versuchte etwa der DGB in Hamburg – vermutlich mit Blick auf die damals bevorstehenden Bürgerschaftswahlen in der Stadt – eine Protestaktion des Lehrlingszentrums zu unterbinden, die sich gegen die schlechte finanzielle Ausstattung der Berufsschulen richtete.

Wie lange begehrten die Azubis auf?
Um 1972 nahm sowohl in den Gewerkschaften als auch in den marxistisch orientierten linken Organisationen wie der SDAJ oder den K-Gruppen die Kritik an den offenen Lehrlingszentren zu. Lehrlinge sollten sich nicht mehr eigenständig organisieren, sondern als "Teil der Arbeiterklasse" verstehen und in Betriebsgruppen mit "erwachsenen" Kolleg_innen zusammenarbeiten. Für Teile der Gewerkschaften, aber auch Gruppen wie die SDAJ hatte die Bewegung ihren Dienst erfüllt, indem sie zu einer Revitalisierung gewerkschaftlicher Jugend- und Gremienarbeit beigetragen hatte.

In den 1960er Jahren herrschte mehr oder weniger Vollbeschäftigung. Seit den 70ern aber gab es auf einmal Massenarbeitslosigkeit und vor allem einen sichtbaren Mangel an Ausbildungsplätzen. Was war der Grund?
Die ökonomische Rezession, die Mitte der 1970er Jahre einsetzte und den Jahren des "Booms" ein Ende macht. Das veränderte natürlich stark die Position der Lohnabhängigen und auch von Auszubildenden. Viele konnten sich nicht mehr die Ausbildungsstelle aussuchen, die ihnen am meisten zusagte, sondern hatten eher Probleme, überhaupt eine zu finden. Jugendarbeitslosigkeit wurde zu einem neuen Problem, mit dem sich manch eine Lehrlingsgruppe auseinandersetzen musste.

Die Revolte von 1968 wird immer als Studentending dargestellt. Welchen Anteil hatten die Auszubildenden an der Transformation der Gesellschaft?
Einen, der in den vergangenen Jahren immer wieder unterschlagen worden ist. Deutlich zu machen, dass es auch eine Lehrlingsbewegung gab, finde ich deshalb enorm wichtig. Gleichzeitig muss man natürlich sagen, dass es nur eine Minderheit unter der berufstätigen Jugend war, die rebellierte. Viele von ihnen orientierten sich an den studentischen Protestformen. Nicht wenige gingen in der Folge "raus aus dem Betrieb", indem sie über den zweiten Bildungsweg ihr Abitur nachholten, studierten und sozial aufstiegen oder indem sie als "Drop-Outs" in die Subkultur flüchteten und von Gelegenheitsjobs lebten.

Deutlich zu machen, dass es auch eine Lehrlingsbewegung gab, finde ich deshalb enorm wichtig.

Was weiß man heute noch von der Lehrlingsbewegung? Haben die Azubis eine eigene Kultur geschaffen – vielleicht mit Theater, Musik, Kino?
Die Bewegung ist relativ schnell wieder in Vergessenheit geraten. 1978 erklärte Rudi Dutschke dies in einer Talkshow damit, dass die sozialen Gruppen jenseits der Studierendenschaft keine eigenen Sprecher_innen gehabt hätten.

Es lag aber auch daran, dass sich die Lehrlingsbewegung im Spannungsfeld zwischen studentisch dominierten linken Gruppen und Gewerkschaften nicht wirklich als eigenständige Bewegung etablieren und entfalten konnte. Dabei gab es durchaus auch kulturelle Formen: Am Bekanntesten sind sicherlich die Lieder der Band Ton Steine Scherben, die eher dem subkulturell-anarchistischen Flügel der Bewegung zuzurechnen sind, aber auch eine Band wie Floh de Cologne ist zu nennen.

Von einer eigenständigen Kultur zu reden, wäre aber wohl zu hoch gegriffen. Die Lehrlingsproteste waren vielmehr Bestandteil einer linken Gegenkultur.

Im "Dr. Azubi"-Forum der DGB-Jugend ist von zum Teil eklatanten Missständen die Rede, bis hin zu Gewalttaten. Auch der DGB-Ausbildungsreport gibt Auskunft über die Unzufriedenheit der Azubis. Die Bundesregierung sah aber bisher keine Notwendigkeit, etwas an der Berufsbildung zu tun. Was können die Azubis heute von der Lehrlingsbewegung lernen?
Ich bin immer skeptisch, was verallgemeinerbare "Lehren aus der Geschichte" angeht. Der Hintergrund heute ist sicherlich ein deutlich anderer als vor 50 Jahren, allein mit Blick auf die autoritären und patriarchalischen Muster der damaligen Zeit, die nachwirkende NS-Vergangenheit, aber auch die gesellschaftlichen Auswirkungen von Wirtschaftsboom und Vollbeschäftigung.

Das heißt natürlich nicht, dass sich nicht bestimmte Muster in der Ausbildung oder Schikanen ähneln oder wiederholen. Die Beschäftigung mit historischen Formen von Protest und sozialer Bewegung kann deshalb Anstöße für aktuelle Auseinandersetzungen geben, etwa was Ideen von Selbstorganisation oder die Auseinandersetzung mit den Problemen des eigenen Alltags angeht.


Teil I des Gesprächs erschien in der Soli aktuell 2/2018. David Templin ist Historiker und forscht zur Lehrlingsbewegung.

(aus der Soli aktuell 3/2018, Autorin: Soli aktuell)


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David Templin

Unser Experte
David Templin beschäftigt sich seit 2008 mit der Lehrlingsbewegung, sie war auch das Thema seiner Abschlussarbeit im Geschichtsstudium. "Darauf gestoßen bin ich anlässlich des Jubiläums von 40 Jahren '1968'. Ich hatte diverse Bücher gelesen und bin dann auf den Begriff 'Lehrlingsbewegung' gestoßen – davon hatte ich zuvor noch nie gehört und es gab auch so gut wie keine neuere wissenschaftliche Literatur dazu."

Es sei wichtig, angesichts von aktuellen Bemerkungen, bei den 68ern habe es sich nur um "Bürgerkinder" gehandelt, deutlich zu machen, dass es auch eine "Unruhe in den Betrieben" gab.

Auf der diesjährigen Orgatagung der DGB-Jugendbildungsreferent_innen referierte er zum Thema Lehrlingsbewegung. Derzeit ist David Templin am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien in Osnabrück tätig.


David Templin: Lehrzeit – keine Leerzeit! Die Lehrlingsbewegung in Hamburg 1968–1972, Dölling und Galitz Verlag, München 2011, 196 S., 10 Euro

Beiträge zur Lehrlingsbewegung