Deutscher Gewerkschaftsbund

Lerne ich hier die Kaffeekocher_in?

Als angehender Kaufmann Material auf die private Baustelle des Chefs liefern, als Medizinische Fachangestellte die Kaffeemaschine putzen – sieht so eine qualifizierte Ausbildung aus? "Dr. Azubi" klärt auf.

Julia Kanzog

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog

Wo ist die Ausbildung?
Nicht selten begegnen wir Azubis im "Dr.-Azubi"-Forum, die mit ihrer Ausbildung nicht zufrieden sind, weil sie nicht das erlernen, was der Inhalt der Ausbildung ist. Sie bekommen keine qualifizierte Anleitung durch die Ausbilder_innen, diese sind gar nicht erst anwesend oder haben aufgrund von Personalmangel einfach keine Zeit, die Auszubildenden einzulernen.

All diese Verstöße stellen eine Ordnungswidrigkeit dar und können nach § 102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden.

Was tun, wenn das Kaffee kochen überhandnimmt? Karl, angehender Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung, schreibt im "Dr. Azubi"-Forum: "Hallo! Ich befinde mich im zweiten Lehrjahr und habe das Gefühl, ich lerne nichts. Meine Aufgaben bestehen jedoch zu 95 Prozent aus Möbel aufbauen und schleppen…!"

Ganz klar: Karl übt ausbildungsfremde Tätigkeiten aus, die nicht mit seinem Berufsbild zusammenhängen.

Der Ausbildungsplan
Welche Ausbildungsinhalte zu eurer Ausbildung gehören, könnt ihr im gültigen Ausbildungsrahmenplan nachlesen (Download unter www.bibb.de/de/berufeinfo.php). Diese gesetzliche Verordnung ist sozusagen der Lehrplan für euren Ausbilder. Es ist so: Eurem Ausbildungsvertrag muss ein betrieblicher Ausbildungsplan beiliegen. Hier werden die zu vermittelnden Ausbildungsinhalte auf die speziellen Gegebenheiten und den betrieblichen Ablauf angepasst. Daher lohnt sich im ersten Schritt ein Blick in den betrieblichen Ausbildungsplan, damit ihr euch vergewissern könnt, ob die im Betrieb ausgeführten Tätigkeiten zu eurer Ausbildung gehören oder nicht.

Um den aktuellen Ausbildungsstand mit noch nicht gelernten Ausbildungsinhalten abzugleichen, ist es für euch hilfreich, ein ordentlich und wahrheitsgemäß geführtes Berichtsheft vorweisen zu können. Es kann für euch eine gute Gesprächs- und Beweisgrundlage sein, solltet ihr andauernd mit ausbildungsfremden Tätigkeiten beschäftigt sein.

Übrigens: Auch das unnötige Wiederholen von bereits erlernten Tätigkeiten – sogenannte ausbildungsfremde Routinearbeiten – ist verboten. Wie bei Nils, der sich mit dieser Sorge an uns wendet: "Ich befinde mich nun im dritten Lehrjahr zum Kaufmann für Büromanagement und bin nur am Empfang eingesetzt. Die kaufmännischen Bereiche bleiben total auf der Strecke und ich habe Angst, meine Abschlussprüfung nicht zu bestehen."

Das könnt ihr tun
Wenn das Ausbildungsziel gefährdet ist, solltet ihr nicht lange fackeln und im ersten Schritt das Gespräch mit eurem Ausbilder suchen. Eine gute Gesprächsvorbereitung ist das A und O. Nennt dem Ausbilder konkrete Ausbildungsinhalte, die euch noch fehlen und die ihr laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstet. Vermeidet hierbei Verallgemeinerungen wie "immer" und "ständig". Bringt als Grundlage euer Berichtsheft mit – je konkreter ihr Situationen benennen könnt, desto besser.

Wenn die Luft wegbleibt
Ihr sitzt vor eurem oder eurer Vorgesetzten und es verschlägt euch buchstäblich die Sprache? In angespannten Situationen ist das normal. Macht euch vorab Notizen, die euch als Gesprächsgrundlage dienen. Und: Ihr müsst nicht alles alleine meistern. Ihr könnt euch Unterstützung zu dem Gespräch holen. Eure Jugend- und Auszubildendenvertretung oder der Betriebs- bzw. Personalrat ist die richtige Adresse.

Wenn ihr noch minderjährig seid, könnt ihr auch eure Eltern hinzuziehen. Trefft konkrete Vereinbarungen in dem Gespräch und besprecht einen Zeitrahmen, bis wann ihr bestimmte Ausbildungsinhalte erlernen werdet. Sollte daraufhin keine Änderung eintreten, habt ihr eine Grundlage für eine schriftliche Aufforderung an den Betrieb geschaffen. Benennt in einem Brief ganz konkret die noch fehlenden Ausbildungsinhalte und kopiert euch das Schreiben.

Beweismittel sichern
So ein Brief kann die Wichtigkeit eures Anliegens unterstreichen und ein wichtiges Beweismittel sein, wenn ihr aufgrund einer mangelhaften Ausbildung die Prüfung nicht schafft. In diesem Fall macht sich der Betrieb schadenersatzpflichtig. Verlängert sich deswegen eure Ausbildung, liegt der Schaden in der Differenz zwischen der Ausbildungsvergütung und dem entgangenen ausgelernten Gehalt, das ihr bei rechtzeitiger Beendigung der Ausbildung verdient hättet.

Um Schadenersatz einzufordern, benötigt ihr eine gute Beweisgrundlage und Unterstützung von eurer zuständigen Gewerkschaft. Zusätzlich könnt ihr euch an die Ausbildungsberatung der zuständigen Kammer wenden. Sie ist dafür zuständig, die Ausbildung in den Betrieben zu überwachen.

Soll ich wechseln?
Wenn sich die Situation langfristig nicht ändert, dann rate ich euch, den Ausbildungsplatz zu wechseln. Hier die Anfrage von Christine, die als angehende Rechtsanwaltsfachangestellte im zweiten Ausbildungsjahr noch fast keine Ausbildungsinhalte erlernt hat: "Kann ich überhaupt meine Kanzlei einfach so wechseln, und wenn ja, wie sieht das in meinem späteren Lebenslauf aus?"

Die Antwort: Mit einem triftigen Grund – und die andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremden Tätigkeiten ist ganz klar einer – und einer guten Vorbereitung ist ein Ausbildungsplatzwechsel möglich.

Wichtig ist: Sucht euch einen neuen Ausbildungsplatz, solange ihr noch in einem bestehenden Ausbildungsverhältnis seid. So sind eure Bewerbungschancen um einiges besser. Wenn ihr eine neue Stelle gefunden habt, besteht die Möglichkeit, fristlos aus wichtigem Grund zu kündigen. Die Kündigung solltet ihr aber nicht alleine schreiben – holt euch fachliche Unterstützung.

Achtung: Nach einem Betriebswechsel habt ihr in dem neuen Betrieb wieder eine Probezeit.


(aus der Soli aktuell 2/2018, Autorin: Julia Kanzog)