Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausbildung statt Ausbeutung: Die Lehrlingsbewegung (I)

50 Jahre Lehrlingsbewegung: Warum begehrten die Auszubildenden in den 1960iger Jahren auf? David Templin über ihre Beweggründe, Organisationsformen und Forderungen.

Lehrlingsbewegung

© DGB-Jugend

Solidarität leben, besser Berufsausbidung und Jugendarbeitsschutz fordern - klingt wie heute. Ausgabe der "Solidarität", der Vorläuferin der Soli aktuell, in den siebziger Jahren

David, dieses Jahr hat die Lehrlingsbewegung ihr 50. Jubiläum. Gibt es Ereignisse, die man als Auftakt betrachten kann?
Ja, die Störung einer Freisprechungsfeier der Handelskammer in Hamburg am 25. September 1968. Unzufriedene Lehrlinge hatten zusammen mit Aktivist_innen der Gewerkschaftlichen Studentengruppe eine Störaktion vorbereitet und ließen Flugblätter mit Kritik an der Berufsausbildung in den Festsaal "regnen". Letztlich war die Aktion aber nur Ausdruck davon, dass sich an vielen Orten in Westdeutschland etwas tat: Erste Demonstrationen wurden organisiert, und an der Jahreswende 1968/69 immer mehr unabhängige Lehrlingsgruppen oder -zentren gegründet.

Was stimmte mit der Ausbildung nicht?
Zum einen wurde kritisiert, dass es keine wirkliche Ausbildung gebe, sondern Lehrlinge mit Nebentätigkeiten beschäftigt wurden, etwa die Werkstatt zu fegen. Andererseits, dass sie in der Produktion als billige Arbeitskraft eingesetzt wurden. "Lehrzeit – keine Leerzeit" und "Ausbildung statt Ausbeutung" waren zentrale Slogans bzw. Kernforderungen der Bewegung.

Der zweite Kritikstrang betraf die autoritären Verhältnisse in den Betrieben: So kam es etwa immer wieder zu Konflikten, wenn männliche Lehrlinge mit langen Haaren im Betrieb erschienen. Autoritäten wie Meister und Unternehmer wurden zunehmend in Frage gestellt.

Wie wurde damals ausgebildet?
Der größte Teil der Ausbildung fand in Klein- und Mittelbetrieben statt, in denen oft patriarchalische Formen herrschten. Im Handwerk wurde die Lehre traditionell noch als "Erziehungsverhältnis" verstanden, es sollten bürgerliche Tugenden vermittelt werden. Es gibt auch Berichte über den Einsatz körperlicher Gewalt. In Großbetrieben sah das meist anders aus, dort gab es zum Teil eigene Lehrwerkstätten. Auf gesetzlicher Ebene galten bis zur Verabschiedung des Berufsbildungsgesetzes von 1969 noch Bestimmungen aus dem 19. Jahrhundert.

Wo konnten sich die Lehrlinge denn treffen, sich absprechen?
Zu Beginn der Bewegung 1968 organisierten sie sich in der Regel abseits der Gewerkschaften in eigenen Gruppen mit Namen wie "Sozialistisches Lehrlingszentrum" oder "Arbeitsgemeinschaft kaufmännischer Lehrlinge". Oftmals waren solche Zusammenschlüsse von linken Studierenden initiiert worden. In Essen gab es eine Initiative, die von zwei Religionslehrer_innen ins Leben gerufen worden war. 1969/70 kam es dann an vielen Orten zu einer Integration in die Gewerkschaften, die sich wiederum für neue Formen offener Jugendarbeit öffneten. In Hamburg gab es zwischen 1969 und 1971 etwa den "Jour fix der Gewerkschaftsjugend", der bundesweit als Vorbild fungierte. Dieses Lehrlingszentrum stand auch Jugendlichen offen, die nicht Mitglied einer DGB-Gewerkschaft waren.

Welche Rolle spielte dabei die Gewerkschaftsjugend?
Bereits vor der Lehrlingsbewegung hatte eine Politisierung der Gewerkschaftsjugend eingesetzt. Seit Mitte der 1960er Jahre wurde eine neue, gesellschaftskritische Jugendbildungsarbeit in Gewerkschaften, etwa in der IG Metall, entwickelt, oftmals in Zusammenarbeit mit Studierenden aus dem SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund. Im Unterschied zu den Gewerkschaftsspitzen sprach sich die Gewerkschaftsjugend klar für die Proteste von "1968" aus, wenn auch mit einer moderaten Ausrichtung. Als es dann erste Ansätze zu Lehrlingsprotesten gab, unterstützten junge Funktionär_innen der Gewerkschaftsjugend diese Proteste und wirkten vielerorts an der Gründung offener Lehrlingszentren mit.

Wurden die Missstände angegangen?
Größere Ziele der Bewegung wie die Übernahme der beruflichen Ausbildung durch die öffentliche Hand und antikapitalistische Vorstellungen blieben unerfüllt. Aber auf viele der gravierendsten Missstände mussten Unternehmen, die konkret unter Druck gesetzt wurden, reagieren. In Hamburg warb die Post sogar mit einer Anzeige, in der es in Anspielung auf die Kritik aus der Bewegung hieß: "Wir brauchen keine Penner zum Bier- oder Zeitungholen. Denn wir legen Wert auf Ihre Ausbildung."

Auch auf politischer Seite erfuhr das Thema verstärkte Aufmerksamkeit. Die Pläne der sozialliberalen Regierung unter Willy Brandt (SPD) zu einer Überarbeitung des Berufsbildungsgesetzes wurden angesichts starker Proteste von Unternehmensverbänden und der Opposition im Bundesrat allerdings nicht verwirklicht.


Teil II des Gesprächs erscheint in der Soli 3/2018.

(aus der Soli aktuell 2/2018, Autorin: Soli aktuell)

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Unser Experte
David Templin beschäftigt sich seit 2008 mit der Lehrlingsbewegung, sie war auch das Thema seiner Abschlussarbeit im Geschichtsstudium. "Darauf gestoßen bin ich anlässlich des Jubiläums von 40 Jahren '1968'. Ich hatte diverse Bücher gelesen und bin dann auf den Begriff 'Lehrlingsbewegung' gestoßen – davon hatte ich zuvor noch nie gehört und es gab auch so gut wie keine neuere wissenschaftliche Literatur dazu."

Es sei wichtig, angesichts von aktuellen Bemerkungen, bei den 68ern habe es sich nur um »Bürgerkinder« gehandelt, deutlich zu machen, dass es auch eine "Unruhe in den Betrieben" gab.
Auf der diesjährigen Orgatagung der Jugendbildungsreferent_innen referierte er zum Thema Lehrlingsbewegung. Derzeit ist David Templin am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien in Osnabrück tätig.


David Templin: Lehrzeit – keine Leerzeit! Die Lehrlingsbewegung in Hamburg 1968–1972, Dölling und Galitz Verlag, München 2011, 196 S., 10 Euro

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