Deutscher Gewerkschaftsbund

Arbeitszeit ist Lebenszeit

In ihrem 13. Ausbildungsreport wollte die DGB-Jugend wissen, wie es um die Ausbildungsqualität steht. Schwerpunkt in diesem Jahr: Arbeitszeit in der Ausbildung.

Ausbildungsreport Titel 2018 Broschüre

© DGB-Jugend

Tiefstand bei der Ausbildungszufriedenheit: der DGB-Jugend-Ausbildungsreport 2018

Martina schreibt "Dr. Azubi": "Ich bin im dritten Ausbildungsjahr und lerne gar nichts. Dafür bin ich jetzt bei 50 Überstunden. Das Arbeitsklima ist sehr schlecht, mit vielen Lästereien. Und um die Pausen muss ich immer kämpfen."

Isabell berichtet: "In meinem Ausbildungsvertrag stehen ganz normal 40 Stunden die Woche. Ich komm aber bei Weitem darüber, ich habe täglich zehn Stunden und wirklich jeden Samstag noch mal sieben. Dabei bin ich noch nicht einmal 18!"

"Dr. Azubi" ist das Online-Forum der DGB-Jugend. Junge Leute, die Schwierigkeiten mit ihrer Ausbildung haben, können sich dort beraten lassen. Fälle wie die von Martina und Isabell sind dort keine Ausnahmen.

Und die beiden könnten sich wiederfinden in den Daten, die die DGB-Jugend mit ihrem Ausbildungsreport 2018 unter dem Schwerpunkt Arbeitszeit in diesem Herbst veröffentlicht hat. Unglaubliche 14.959 Auszubildende aus den 25 am häufigsten gewählten Ausbildungsberufen haben die Gewerkschaftsjugendlichen im letzten Jahr in den Berufsschulen nach ihrer Ausbildungszufriedenheit befragt.

Mit erschreckenden Ergebnissen: Mehr als jede_r Zehnte muss ausbildungsfremde Tätigkeiten ausüben, und die fachliche Anleitung durch qualifiziertes Ausbildungspersonal ist auch nicht überall sichergestellt.

Neben vielen negativen Bewertungen bei den jährlich abgefragten Parametern wie Vergütung oder fachlicher Anleitung kamen beim Schwerpunktthema Arbeitszeit in der Ausbildung besonders gravierende Probleme zum Vorschein. Über ein Drittel (36,3 Prozent) der Befragten muss regelmäßig Überstunden machen. Azubis arbeiten im Schnitt 4,1 Stunden pro Woche mehr, 13 Prozent bekommen für ihre Überstunden weder Freizeitausgleich noch Bezahlung – obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist. Dabei sind sie zum Teil noch minderjährig. Laut Jugendarbeitsschutzgesetz dürfen sie gar nicht mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten.

Ein Viertel der befragten Auszubildenden arbeitet gar im Schichtdienst. Besonders betroffen von Schichtarbeit sind diejenigen Berufe, die im Ausbildungsreport generell eher schlechter bewertet werden: Hotelfachleute (79,1 Prozent), Fachverkäufer_innen im Lebensmittelhandwerk (76,7 Prozent), Verkäufer_innen (69,8 Prozent) und Kaufleute im Einzelhandel (54,8 Prozent). Besonders ärgerlich: Bei der Hälfte (50,3 Prozent) der in Schicht arbeitenden Auszubildenden wird die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit von 11 Stunden nicht eingehalten.

Von vielen Auszubildenden wird auch erwartet, außerhalb der Ausbildungszeiten mobil erreichbar zu sein. Bei über der Hälfte aller Befragten (54,4 Prozent) ist dies der Fall. Von Ausgleich ist meistens keine Rede.

Die Häufigkeit solcher und anderer Missstände, wie sie Isabell, Martina und viele andere erleben, hängt dabei stark von der jeweiligen Branche, aber auch von der Größe des Ausbildungsbetriebs ab. Die Spitzenränge in der allgemeinen Bewertung besetzen Verwaltungsfachangestellte, Mechatroniker_innen, Industrie- und Zerspanungsmechaniker_innen und die Elektroniker_innen für Betriebstechnik. Am unteren Ende lassen sich – wie in den letzten Jahren – Zahnmedizinische Fachangestellte, Auszubildende im Einzelhandel und Berufe des Handwerks finden. Und die Hotel- und Gastrobranche. Mit Folgen: Von allen angehenden Hotelfachleuten lösten 2016 rund 41 Prozent ihren Ausbildungsvertrag vor Ende der Ausbildung auf, bei Restaurantfachleuten waren es sogar rund 51 Prozent.

Fazit: Das Vertrauen der Auszubildenden in ihre Ausbildung sinkt. Auch wenn in diesem Jahr noch 70,2 Prozent der Auszubildenden mit ihrer Ausbildung "sehr zufrieden" oder "zufrieden" sind: Dies ist der niedrigste Wert, der jemals im Ausbildungsreport erreicht wurde (2010: 72,4 Prozent). DGB-Jugend-Ausbildungsexperte Daniel Gimpel: "Junge Menschen müssen besser geschützt werden, am besten auf gesetzlicher Basis. Das zentrale Gesetz dafür ist das Berufsbildungsgesetz, und es muss reformiert und modernisiert werden."


Der Ausbildungsreport der DGB-Jugend steht zum Download bereit: http://jugend.dgb.de/ausbildungsreport-2018

 

In Sachen Arbeitszeit
Die DGB-Jugend fordert:

  • Im Berufsbildungsgesetz (BBiG) muss festgeschrieben werden, dass die Beschäftigung nicht über die vereinbarte wöchentliche Ausbildungszeit hinausgehen darf.
  • Schichtdienste und Wochenendarbeit dürfen nur zulässig sein, wenn die Ausbildungsinhalte unter der Woche nicht vermittelt werden können. Ständige Überstunden schlagen auf die Gesundheit.
  • Die Berufsschulzeit muss für alle Auszubildenden inklusive der Wege- und Pausenzeiten vollständig auf die betriebliche Arbeitszeit angerechnet werden.
  • Die Rückkehrpflicht von Auszubildenden in den Betrieb muss entfallen. Dies muss im BBiG eindeutig geregelt werden.
  • Eine möglichst stress- und störungsfreie Vorbereitung auf die Prüfungen ist zu gewährleisten. Eine entsprechende Freistellungsregelung muss ins BBiG integriert werden.


Ausbildungsreport 2018: Zentrale Ergebnisse

  • 54,4 Prozent aller Auszubildenden müssen auch in ihrer Freizeit für den_die Ausbilder_in mobil erreichbar sein.
  • 36,3 Prozent mussten regelmäßig Überstunden machen. Durchschnittlich 4,1 Stunden arbeiten die Auszubildenden, die regelmäßig Überstunden machen müssen, pro Woche mehr.
  • 31,2 Prozent kommen nicht zu ihren gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten – so geht’s nicht weiter.
  • 25 Prozent haben Schwierigkeiten, sich in der Freizeit zu erholen.
  • 13 Prozent der Auszubildenden erhalten für ihre Überstunden weder einen Freizeitausgleich noch eine Bezahlung.
  • 10 Prozent der Auszubildenden unter 18 Jahren mussten in der Woche mehr als 40 Stunden arbeiten – obwohl das verboten ist!

(Aus der Soli aktuell 10/2018, Autorin: Soli aktuell)