Deutscher Gewerkschaftsbund

Nationalismus ist nicht mehr

Beim Treffen des Arbeitskreises Internationales der DGB-Jugend Ende Juni stand die internationale Sicherheit auf dem Programm. Eine Debatte über deren Grundlagen wird auch für die Gewerkschaftsbewegung künftig eine größere Rolle spielen, sagt Nils Schuster.

Nils Schuster

Weltweite Krisen brauchen übergreifende Lösungen: Nils Schuster vom Arbeitskreis Internationales der DGB-Jugend © Privat

Nils, du bist für die IG Metall im AK Internationales der DGB-Jugend. Nun habt ihr dort auch über internationale Sicherheit und über Militär diskutiert. Welche Rolle spielen diese Themen bei der Gewerkschaftsjugend?
Das wird in der Gewerkschaft und gerade im Jugendbereich so gut wie gar nicht diskutiert. Leider! Aber die Sitzung war dafür ein guter Aufschlag und ich hoffe, dass das Thema innerhalb der Gewerkschaften weiterverfolgt wird.

In Zeiten des vernetzten Arbeitens, der fortschreitenden Digitalisierung und damit auch der grenzübergreifenden Sicherheit gibt es viele Menschen, die global arbeiten. Aufgabe der Gewerkschaft muss es sein, sie zu unterstützen, im Idealfall grenzübergreifend und mit den Partnergewerkschaften bzw. den Dachverbänden auf internationaler Ebene. Gerade dieser Personenkreis ist mit ständig wechselnden Anforderungen und auch Arbeitsbedingungen konfrontiert. Es gilt, diese zu verbessern und menschenwürdig zu gestalten.

Welches Interesse haben Gewerkschaften am Militär?
Ein selbstverständliches – da es ja als Arbeitgeber funktioniert. Mit Mitarbeiter_innen, deren Interessen und Arbeitsbedingungen auch verbessert werden sollen. Und auch müssen, solange das Militär besteht.

Ihr habt auch über internationale "Friedenseinsätze" gesprochen. Was ist damit gemeint? "Friedenseinsätze" beziehen sich nicht darauf, neuen Frieden zu schaffen – dafür benötigt es internationale Mandate –, sondern darauf, vorhandenen Frieden zu sichern.

Das bezieht sich dann unter anderem auf die Ausbildung von Personal, den Aufbau von Infrastruktur für Bildung und Verkehr sowie die Verständigung der Friedensparteien. So viel Krieg wie zurzeit gab es lange nicht. Bricht die internationale Ordnung langsam zusammen? Es scheint, dass Politik sehr unberechenbar geworden ist…

Die sogenannte internationale Ordnung gibt es seit dem Ende des Kalten Krieges und wurde bis vor wenigen Jahren als viel zu selbstverständlich hingenommen. Langsam wird den Leuten klar, dass Frieden, Sicherheit und die daraus resultierende Ordnung nur gewährleistet werden können, wenn jeder etwas tut. Und zwar gemeinsam. "Sicherheit" kann nicht von einem Staat alleine gehandhabt werden, indem man sein Glück bei nationalen Lösungen sucht.

Wir bemerken seit ein paar Jahren eine Renaissance des Nationalismus in ganz Europa –, doch die Lösungsansätze in seinem Schlepptau sind nicht nur unbrauchbar, sondern fördern die Unsicherheit darüber hinaus noch. Daher sind internationale Institutionen wie die Europäische Union oder auch die Vereinten Nationen wichtig. Sie agieren länderübergreifend, können vernünftige Lösungen für alle anbieten und diese auch umsetzen.

Wo gibt es sonst noch Schwierigkeiten?
Politik an sich ist nicht unberechenbar, sie ist von Grundsätzen, Gesetzen und Regeln bestimmt. Aber es sind nun mal Menschen, die sie betreiben, die das große Ganze unwägbar werden lassen. Die Bürger_innen sehen oft nur die Konsequenzen und nie die Ursachen für bestimmte Dinge – und fordern daher oft einfache Lösungen für extrem komplizierte Sachverhalte. Das konnte man zum Beispiel in der Flüchtlingskrise sehen: Hier in Deutschland kamen 2016 800.000 Menschen an. Diese Zahl sieht der Einzelne und verlangt: "Grenzen dicht!".

Aber wenn man die Leute zu den Ursachen fragt oder warum sie nicht gegen Fluchtgründe wie Krieg, Verfolgung und Folter sind, blickt man meistens in leere Gesichter. Der Bürger will sich heute nicht mehr mit den Themen beschäftigen, er will, dass sie von der Politik erledigt werden. Das Wie ist mittlerweile zweit- oder drittrangig.

Ihr hattet auch einen waschechten Oberst a. D. als Referenten eingeladen. Welche Haltung hat die DGB-Jugend zur Armee? Was hat er erzählt, was tut er sonst, wie habt ihr mit ihm diskutiert?
Zuerst hat er uns einen groben Überblick über die aktuelle Lage gegeben, Zahlen, Daten und Fakten genannt. Dann ist er auf verschiedene Einsätze, Verbände und auf die internationale Zusammenarbeit eingegangen. Er selbst ist in verschiedenen Gremien aktiv, wo er die Bundeswehr auf politischer Ebene mitgestaltet und leitet auch Seminare und Veranstaltungen.

Die Diskussionen mit ihm waren sachlich, aber – wie das nun mal so ist – relativ standpunktbehaftet. Was aber nicht unbedingt schlecht sein muss, da das die Debatte in Schwung gebracht hat. Viele Dinge, vor allem was das Personal in einer Armee angeht, drehten sich darum, wie man die Forderungen des DGB in die Diskussion einbringen könnte und wie wir selbst als Gewerkschaften Einfluss nehmen können auf die aktuellen Streitpunkte im politischen und gesellschaftlichen Kontext.

Wie schätzen denn die jungen Gewerkschafter_innen, die für die DGB-Jugend international aktiv sind, die Lage in Sachen weltweiter Sicherheit ein?
Da gibt es viele unterschiedliche Standpunkte, gerade im DGB mit seinen acht Mitgliedsgewerkschaften. Diese Positionen gilt es jetzt erst einmal zusammenzutragen und aufzuarbeiten. Um sich mit dem Thema vertraut zu machen, wird es erforderlich sein, verschiedene Blickwinkel zu berücksichtigen, um ein möglichst fundiertes Wissen aufzubauen.

Es liegt an uns, dieses Wissen in die Einzelgewerkschaften und die Strukturen vor Ort zu bringen und andererseits die Mitglieder dort abzuholen, wo sie stehen. Das ist unsere Aufgabe: international komplexe Themen zu erhellen und sie für alle verständlich zu machen – jeden Tag in unserer Arbeit.


Nils Schuster arbeitet bei VW in Baunatal, ist dort Vertrauensmann und in den Strukturen der IG Metall aktiv. Er ist Mitglied im AK Internationales der DGB-Jugend.

(aus der Soli aktuell 8-9/2017, Autorin: Soli aktuell)

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