Deutscher Gewerkschaftsbund

Feminism Calling: Bildet Banden!

Denn gemeinsam sind wir stärker! Mit "Constanze" in Berlin. Ein Reisebericht von Cylia Unger.

Constanze

"Constanze" besucht Frauenprojekte: Eine Reise mit vielen inspirierenden Frauen, die einen motivieren, aktiv zu werden © Saida Ressel

Warum fahren 16 junge Frauen, alle gewerkschaftsnah oder gewerkschaftlich aktiv, nach Berlin? Und was hat diese "Constanze" damit zu tun?

Freitagmorgen in Köln: Eine Gruppe junger Frauen mit Reisegepäck sammelt sich vor dem DGB-Haus, sie warten auf einen Bus, der sie nach Berlin bringen soll. Das gleiche Bild am Dortmunder Hauptbahnhof. Doch dies ist nicht irgendeine Touristengruppe: Wir sind Teilnehmerinnen der Fahrt "Feminism Calling" des NRW-Projekts "Constanze – Junge Frauen".

Noch kennen wir uns eigentlich nicht und kommen auch aus ganz unterschiedlichen Winkeln Nordrhein-Westfalens. Genau das hatte mich an dem Projekt interessiert: Ich versprach mir ein Wochenende mit Inspiration, mit viel Austausch unter jungen Frauen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten.

Wir wussten nur zwei Dinge übereinander: Erstens hatten wir alle irgendwas mit Gewerkschaften zu tun. Und zweitens: Wir interessierten uns alle für Feminismus.

Das Programm verhieß eine lebensnahe Auseinandersetzung mit Themen wie Entgeltgleichheit, Alltagssexismus, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Care-Arbeit, Rechtsruck und Geschlechterklischees. Schon kurz nach der Ankunft und einer Stärkung in der Jugendherberge saßen wir mit der Rapperin Jennifer Gegenläufer im Stuhlkreis. Auf sehr persönliche Weise erzählte sie von ihren Erfahrungen in der Rap-Szene, in der Männerseilschaften und sexistische Rollenbilder Alltag sind. Das kam aber vielen bekannt vor: Von blöden Sprüchen und Männerklüngeln konnten auch viele der Teilnehmerinnen ein Lied singen!

Am nächsten Morgen stand der Besuch des "Missy Magazine" an. Da die Redaktionsräume gerade renoviert wurden, improvisierten wir auch hier wieder einen großen Sitzkreis. Über die Gründung der Zeitung als Start-Up kam die Redakteurin, Geschäftsführerin und Mitbegründerin Stefanie Lohaus zur Aufteilung der Haushalts- und Erziehungsarbeit zwischen heterosexuellen Paaren.

Was wir bräuchten, sei eine familienfreundliche Gesellschaft, die auch Toleranz gegenüber Kindern und Babys zeige und am Arbeitsplatz mehr Möglichkeiten zu Betreuung schaffe. Warum sollte es zum Beispiel bei einem Meeting nerven, wenn eine der Anwesenden ein Baby stillt bzw. füttert?

Während unseres Gesprächs mit Steffie hat ihr kleines Kind jedenfalls nicht gestört, sondern nur gezeigt, wie viel leichter das Leben für Mütter sein könnte, wenn unsere Gesellschaft die Themen Stillen in der Öffentlichkeit und Kinder am Arbeitsplatz nicht stigmatisieren würde.

Nach dem Mittagessen besuchten wir das DGB-Projekt "Was verdient die Frau?". Es leistet Bildungsarbeit für junge Frauen und informiert zu Einkommen, Berufseinstieg, Familie und Karriere, um die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen zu stärken.

Was ich dabei besonders schlimm fand, war die Tatsache, dass nicht nur ein unterschiedlicher Stundenlohn bei Frauen ein Loch in der Rentenkasse hinterlässt. Auch Familienzeit und Aufstiegshürden sind Ursachen der immer noch anhaltenden Lohnungerechtigkeit zwischen Frauen und Männern.

Es ist ermutigend zu hören, dass Projekte wie diese und engagierte Frauen wie Jennifer Gegenläufer und Stefanie Lohaus mit ihrer Arbeit gläserne Decken sprengen – für sich und ihre Nachfolger_innen; dass sie jüngere Frauen wie uns unterstützen, indem sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen teilen.

Doch darf man bei all diesen positiven Beispielen nicht vergessen, dass in den meisten Familien hierzulande Care-Arbeit – Erziehungs-, Pflege- und Hausarbeit – immer noch hauptsächlich von Frauen verrichtet wird. Anstatt diese Arbeit fair zwischen den Geschlechtern aufzuteilen, wird sie, sofern es der Geldbeutel hergibt, "outgesourced" – an ärmere Migrantinnen.

Und damit komme ich zu der Initiative, die mich auf der Reise am meisten inspiriert hat: Die Organisation "Respect" ist ein selbstorganisiertes Projekt von Frauen, die illegal in Deutschland und Berlin leben. Frauen, die ohne Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland arbeiten, unterstützen sich gegenseitig.

Das Gespräch mit ihnen hat gezeigt, dass Solidarität zwischen Frauen nicht im eigenen Bezugskreis enden darf. Und dass es keine feministische Lösung sein kann, Care-Arbeit auf andere, arme Frauen abzuschieben. Die Gesellschaft muss die Bedeutung von Haus- und Pflegearbeit anerkennen und sie besser bezahlen.

Bei der Auswertung am Sonntag war klar: Mit der Reise ist es nicht vorbei! Es gibt noch viel zu tun – auch innerhalb der Gewerkschaften: Die DGB-Jugend braucht im Alltagsgeschäft Feminist_innen, die den Finger in die Wunde legen. Das beginnt schon bei den Redelisten zum 1. Mai: Wie viele Frauen stehen dort jährlich auf der Bühne und können auf die Probleme für Frauen am Arbeitsmarkt aufmerksam machen? Wie viele Frauen sitzen in den Gremien oder an anderen wichtigen Stellen der Gewerkschaften?

Als junge Gewerkschafter_innen müssen wir einander unterstützen, gemeinsam geschlechterspezifische Nachteile in unseren eigenen Strukturen benennen und beseitigen.

Darüber hinaus müssen wir in der Politik, in den Betrieben und im eigenen Freundes- und Familienkreis für die Gleichstellung von Frauen und Männern kämpfen. "Constanze" ist ein guter erster Schritt: Ich habe auf dieser Reise viele interessante Referentinnen und Teilnehmerinnen kennengelernt, die mich inspiriert und motiviert haben, aktiv zu werden.

Mein Fazit: Bildet Banden – denn gemeinsam sind wir stärker!


(aus der Soli aktuell 8-9/2017, Autorin: Cylia Unger)

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Es geht ums Ganze, Constanze
In der Workshop-Gruppe "Constanze" treffen sich junge Gewerkschafter_innen, um die Arbeit der Gewerkschaften mitzugestalten. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf frauen- und genderpolitischen Themen. Das Projekt wird von den Abteilungen Jugend und Frauen des DGB NRW koordiniert und ist offen für alle Interessierten.

Blickpunkt
Die DGB-Jugend NRW hat den Blickpunkt "Sexismus – Was ist das eigentlich?" he-rausgebracht. Sexismus bezeichnet die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Frauenfeindliche Sprüche erkennen viele Menschen – aber leider lange nicht alle – als Sexismus. Daneben kann er auch viele andere Formen annehmen: Sexistisch sind Einstellungen, ist Schubladendenken – also Stereotype. Der Blickpunkt bietet einen Einstieg in das Thema Sexismus und Bewältigungsstrategien.


Den Blickpunkt gibt es hier: http://nrw-jugend.dgb.de/-/DMW

Seminar: Sexismus kontern!
Seit eine Frau Bundeskanzlerin werden kann, ist die Gleichberechtigung von Männern und Frauen doch vollends erreicht! Oder etwa doch nicht? Ärgerst du dich auch regelmäßig darüber, dass dein Prof Witze über die vermeintliche Mathematikunfähigkeit von Frauen reißt? Und die Beförderung schon wieder an den männlichen Büronachbarn geht?

Viele Frauen haben in ihrem Arbeitsalltag mit Ungleichbehandlungen und Klischees zu kämpfen. Beim Seminar der DGB-Jugend lässt man dich damit nicht allein und will gemeinsame und individuelle Wege finden, dagegen vorzugehen. Geübt wird mit einer Wendo-Trainerin. Und eine Betriebsrätin wird über erfolgreiche Gleichstellungsprojekte sprechen.


Seminar vom 27. bis 29. Oktober 2017 in Hattingen (Anmeldungen bis 30. September). E-Mail: jungefrauen@dgb-jugend-nrw.de. Infos: www.nrw.dgb.de/constanze

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