Deutscher Gewerkschaftsbund

PlanB: Bildung ist kein Luxus, sagt Melanie

PlanB: Die Gewerkschaften müssen gute Vereinbarungen für die junge Generation aushandeln, sagt Melanie Höse.

Melanie Höse

"Wir sind Arbeits-, Lebens- und Zukunftsgestalter": Melanie Höse von der IG BCE-Jugend © Privat

Welches Thema in eurem Betrieb ist relevant für den Bundestagswahlkampf?
Ein Problem im Hinblick auf die Bundestagswahl ist vielleicht die Unwissenheit, was passiert, wenn man nicht zur Wahl geht. Das gefährliche Halbwissen in Bezug auf Geflüchtete, das durch die in vielen Pausenräumen zu findende "Bild-Zeitung" vermittelt wird, finde ich bedenklich. Vielleicht ist auch nicht jedem so klar, dass es negative Auswirkungen auf uns Arbeitnehmer_innen hat, wenn man sich für eine antidemokratische und antisoziale Partei wie die AfD entscheidet.

Wie nehmen eure Azubis und jungen Beschäftigten Politik wahr?
Wenn man mit den Azubis und jungen Beschäftigten über die Qualität der Berufsschulen, Unterrichtsausfälle, marode Gebäude und veraltete Einrichtungen sowie die Erreichbarkeit der Berufsschulen mit öffentlichen Verkehrsmitteln diskutiert – wohlgemerkt ein erhebliches Problem für uns in der ländlichen Region –, bringen sie das nicht immer in Zusammenhang mit den zuständigen politischen Akteuren. Auch die Wohnungssuche gestaltet sich schwierig. Wenn man vorhat, in Melsungen eine Ausbildung zu beginnen, stehen die Mieten und Preise für Busfahrkarten in keinem Verhältnis zur Azubivergütung und den sonstigen Lebenshaltungskosten. Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum, Azubiwohnheimen und ähnlichen Projekten könnten aber gerade durch die Politik angestoßen werden.

Wie diskutiert ihr über Ausbildung, Bildung, Flexibilität und Umverteilung in eurem Betrieb?
Die Themen Ausbildung, Ausbildungsförderungsprogramme wie "Start in den Beruf" auch für Geflüchtete, Weiterbildungsperspektiven und Sabbaticals haben wir durch den Tarifvertrag der chemischen Industrie umgesetzt und in Betriebsvereinbarungen festgeschrieben. Bei uns werden auch alle Azubis unbefristet übernommen. Sicherlich wird diskutiert, allerdings haben wir auch ganz andere Grundlagen.

Welche PlanB-Forderung der Gewerkschaftsjugend ist für euch am wichtigsten?
Neben "Ausbildung besser machen" im Hinblick auf Berufsschulen und sozialen Wohnungsbau die Themen Digitalisierung und Arbeitszeit. Die Zeitentgrenzung betrifft vor allem unsere kaufmännischen Auszubildenden und jungen Arbeitnehmer_innen im Betrieb. Oftmals sehen sie das selbst nicht so kritisch – nur mal schnell eine E-Mail nach der Berufsschule zu Hause zu checken. Vielleicht auch, um die Anbindung beim sechswöchigen Schulblock nicht so ganz zu verlieren. Dennoch besteht die Gefahr der Selbstausbeutung.

Da müssen wir als betriebliche Akteure handeln. Den Anfang haben wir in einer Betriebsvereinbarung zu mobilem Arbeiten festgeschrieben. Besser wäre natürlich eine gesetzliche Basis.

Auch das Thema "Bildung ist für alle da" betrifft uns. Selbst in der chemischen Industrie ist es ein "Luxus", neben der Ausbildung noch berufsbegleitend zu studieren. Einige Azubis werden vom Unternehmen finanziell unterstützt, andere nicht. Diese Ungleichheit könnte man gut aus der Welt schaffen, wenn es Fördermöglichkeiten für verschiedene Studienmodelle gäbe, die "unternehmerisch verwertbar" sind, Stichwort BAföG.

Wie kann man diese Ziele erreichen, wie werdet ihr in eurem Betrieb oder auch darüber hinaus aktiv?
Ich bin der Überzeugung, dass man vieles sozialpartnerschaftlich auf betrieblicher Ebene regeln kann. Das ist aber stark davon abhängig, mit wem man an einem Tisch sitzt. Unser Unternehmen geht mit gutem Beispiel voran.

Ich würde mir wünschen, dass wir flächendeckend und unabhängig von der Branche gute Vereinbarungen auf den Weg bringen. Gute Tarifverträge sind die Basis, auf der wir aufbauen. Was aber, wenn es Arbeitnehmer_innen anderer Unternehmen betrifft, die das nicht können? Hier muss es gesetzliche Regelungen geben.

Im Betrieb setzen wir uns dafür ein, dass unseren jungen Beschäftigten eine Perspektive aufgezeigt wird. In der IG BCE gibt es gemäß der Satzung die Möglichkeit, Jugendvertrauensleute einzusetzen. Dies würde die Zielgruppe aller jungen Menschen im Betrieb bis 27 Jahren betreffen und uns dabei als gewerkschaftlichen Vertrauensleuten und IG BCE-Betriebsräten helfen, Handlungsbedarf bei den unterschiedlichsten Themen aufzudecken und Lösungen zu entwickeln. Wir werden diese Struktur neu beleben und hoffen auf engagierte junge Gewerkschafter_innen, die mit uns zusammen die Arbeitswelt gestalten wollen. Darüber hinaus müssen wir dafür kämpfen, dass unsere Forderungen gehört werden.

Welche Rolle spielt die Gewerkschaft in der Gesellschaft?
Ich muss an der Stelle unseren Bundesjugendsekretär der IG BCE, Michael Porschen, zitieren: "Wir sind die Arbeits-, Lebens- und Zukunftsgestalter." Das trifft den Nagel auf den Kopf. Wenn wir als Gewerkschafter_innen nicht sagen, wo der Schuh drückt und aus unserem betrieblichen Alltag Problemstellungen mitnehmen und diskutieren, haben wir unseren Job nicht richtig verstanden. Eine zentrale Aufgabe: unseren Mitgliedern eine Stimme zu geben. Wir müssen als Gewerkschaft klarmachen, dass wir eine Wertegemeinschaft sind! Das muss nicht nur uns und unseren Mitgliedern klar sein, sondern auch der Öffentlichkeit.

Es ist leicht, gegen etwas zu sein. Ich finde es besser, die Diskussion darüber zu führen, wofür wir eigentlich stehen, was wir machen und wer wir eigentlich sind. Wir sind die gewählten Akteure im Betrieb, die IG BCE-Jugend im Bezirk, die DGB-Jugend der Region und wir haben den PlanB. Wir stehen für Respekt und Solidarität. Darum bin ich Gewerkschaftsmitglied.


Melanie Höse ist Betriebsrätin und im Vertrauenskörpervorstand bei B. Braun in Melsungen. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des IG BCE- und Mitglied des DGB-Bundesjugendausschusses.

(aus der Soli aktuell 8-9/2017, Autorin: Soli aktuell)

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Wir haben den PlanB
In Zeiten zunehmender Polarisierung in der Gesellschaft kündigt sich ein spannender Bundestagswahlkampf an. Die Gewerkschaftsjugend will dafür sorgen, dass die Interessen junger Menschen in den Fokus der Politik geraten. Denn (Aus-)Bildung und Arbeit haben eine große Bedeutung im Leben der jungen Generation – und die Politik muss dafür die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.


Die DGB-Jugend-Forderungen findet ihr auf: http://jugend.dgb.de/planb




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