Deutscher Gewerkschaftsbund

Azubis brauchen einen Plan B - Termin bei Dr. Azubi

Plan B: Lebensrealitäten von Auszubildenden stehen im Fokus der Forderungen der DGB-Jugend zur Bundestagswahl und im "Dr. Azubi"-Forum.

Julia Kanzog

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog © Privat

Die Gewerkschaftsjugend hat ihre Forderungen zur Bundestagswahl am 24. September 2017 veröffentlicht. Die Lebensrealitäten der jungen Generation mit den Themen Ausbildung, Studium, Flexibilität und Umverteilung stehen in diesem Positionspapier im Fokus. Welche Probleme junge Menschen in ihrer Ausbildung haben, spiegelt sich auch in den Anfragen des "Dr. Azubi"-Forums wider. Das Forum zeigt deutlich, wie notwendig die Umsetzung der Forderungen ist.

Anja schreibt im "Dr. Azubi"-Forum: "Ich suche schon lange einen Ausbildungsplatz und finde keinen. Bin am Verzweifeln. Nach Ableistung einer Einstiegsqualifizierung wurde mir unter Angabe von fadenscheinigen Gründen der Lehrvertrag verweigert, sodass ich nun wieder ohne jegliche Perspektive dastehe."

Viele junge Menschen sind davon betroffen, dass sie keine Ausbildungsstelle finden, stattdessen in Übergangsmaßnahmen der Agentur für Arbeit geparkt werden und anschließend kein Übergang in eine Ausbildung stattfindet.

Die DGB-Jugend fordert einen garantierten Anspruch auf einen Ausbildungsplatz für alle Ausbildungsinteressierten. Die Umsetzung soll durch die Einführung einer solidarischen Umlagefinanzierung erfolgen. Sie soll so ausgestaltet sein, dass alle Betriebe zwei Prozent ihrer Bruttolohnsumme in eine gemeinsame Kasse einzahlen. Probleme mit ausbildungsfremden Tätigkeiten, fehlender Anleitung, schlechter Ausbildungsqualität, andauernden Überstunden stehen bei den ratsuchenden Auszubildenden im Forum an der Tagesordnung. Für eine qualitativ hochwertige Ausbildung muss die Politik daher den gesetzlichen Rahmen des Berufsbildungsgesetzes (BBIG) verbessern und an die Situation der Auszubildenden anpassen.

"Mittlerweile fühle ich mich einfach nur noch wie eine billige Arbeitskraft. Es fängt damit an, dass mein Ausbilder mir bis heute nicht einmal irgendwas erklärt und gezeigt hat, wie etwas funktioniert. Jede Woche muss ich den Aufenthaltsraum putzen und beim Chef auf der privaten Baustelle seine Sachen liefern. Gehört das zu meinen Aufgaben?"

Hätte Kai, der angehende Kaufmann für Bürokommunikation, der uns hier angefragt hat, einen Ausbildungsplan, der den Ausbildungsablauf in seinem Betrieb zeitlich gliedert, wüsste er, dass diese Aufgaben nicht Inhalt der Ausbildung sind.

Die DGB-Jugend fordert, dass der Ausbildungsplan verpflichtend mit dem Ausbildungsvertrag ausgehändigt werden muss.

Durch eine Konkretisierung der persönlichen Eignung des Ausbildungspersonals im BBIG würde es Anfragen wie die von Mike im "Dr. Azubi"-Forum nicht geben. Er schreibt: "Meine Ausbildung als Mediengestalter bereue ich nun. Mein Ausbilder ist ein totaler Choleriker, macht uns fertig. Ich glaube nicht, dass er einen Ausbilderschein in Mediengestaltung, sondern nur in Fotografie hat, was nicht unserer Ausbildung entspricht."

Verbesserungsbedarf gibt es auch am Lernort Berufsschule: "Da leider in schlechter beziehungsweise in keinster Art und Weise Unterricht stattfindet, empfinde ich die schulische Ausbildung als sinnlos, und das spiegelt sich in den Noten wider", schreibt Hülya im Forum.

Die DGB-Jugend fordert: Damit Anfragen wie diese ausbleiben, braucht es eine Verbesserung der Qualität der Berufsschulen sowie der Rahmenbedingungen des Berufsschulunterrichts und die Einführung einer Lehr- und Lernmittelfreiheit.

Arbeitsverdichtung und entgrenzte Arbeitszeit ist schon in der Ausbildung Alltag. Anfrage von Alija, angehende Köchin:
"Meine festgelegte Wochenarbeitszeit liegt bei 40 Stunden. Hatte aber schon mal 68-Stunden-Wochen oder manchmal auch 14-Stunden-Tage, worauf ich natürlich wieder arbeiten musste. Eine Woche von mindestens 50 Stunden ist Normalfall. Mit Wochenenden können 55 bis 60 Stunden die Regel sein. Auf Forderungen nach Ruhezeit oder Ausgleich in jeglicher Form wird mit dem Satz 'Wenn du jetzt bürokratisch wirst, kannst du direkt abhauen' reagiert und gänzlich verzichtet."

Die daraus resultierenden gesundheitlichen Folgen ("Ich fühle mich nach der Arbeit immer erschöpft, habe keine Freizeit mehr und kann nicht mehr schlafen") sind keine Seltenheit.

Die DGB-Jugend fordert, dass die Höchstarbeitsgrenze von 48 auf 40 Stunden gesenkt wird und dass flexible, von Arbeitnehmer_innen bestimmte Arbeitszeitkonten als ein wichtiges Element neuer Formen der Arbeitszeitgestaltung stärker zum Tragen kommen.

Silvia fragt: "Mein Chef zieht es vor, sich gar nicht zu entscheiden, ob ich übernommen werden soll oder nicht. Erst hieß es 'Ja', dann zwischendurch wieder 'Nein', dann eigentlich wieder 'Doch'. Gibt es eine Frist, zu der er sich mal final festlegen muss?"

Die DGB-Jugend fordert: Damit Auszubildende Planungssicherheit bekommen und Fragen, wie die im Forum zitierte nicht mehr Alltag sind, ist die Übernahme oder Nicht-Übernahme drei Monate vor Beendigung der Ausbildung verpflichtend anzukündigen. Durch einen Ausbau der Mitbestimmungsmöglichkeiten für Interessenvertretungen im Betrieb und eine Verankerung der Ausbildungsqualität als verbindliches Thema in den Berufsbildungsausschüssen kann zusätzlich eine qualitativ hochwertige Ausbildung gesichert werden.

Fazit von DGB-Jugend-Ausbildungsexpertin Anna Leona Gerhardt: "Die Anfragen im 'Dr. Azubi'-Forum unterstreichen, dass die Lebensrealitäten der jungen Menschen in Ausbildung ernstzunehmen sind und wir dementsprechend handeln müssen."


Alle Forderungen der DGB-Jugend zur Bundestagswahl am 24. September 2017 finden sich hier: http://jugend.dgb.de/planb

(aus der Soli aktuell 6/2017, Autorin: Julia Kanzog)

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