Deutscher Gewerkschaftsbund

Johan Ulvenlöv vom schwedischen LO: "Wir glauben, dass wir gewinnen"

Johan Ulvenlöv ist Kampagnenleiter beim schwedischen Gewerkschaftsdachverband LO. Auf Einladung der DGB-Jugend war er in Deutschland und berichtete von der Arbeit gegen Rechts. Von Lou Anton Dormann

Johan Ulvenlöv

© LO

Johan Ulvenlöv arbeitet für die "Landsorganisationen i Sverige" (LO), das schwedische Gegenstück zum DGB. Er ist dort für Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen zuständig – oder wie Johan sagt: "Ich verbringe viel Zeit im Internet." Gerade war er in Deutschland und hat in verschiedenen Städten die Arbeit des LO vorgestellt.

Hallo Johan, du bist gerade in Deutschland um die Bemühungen der LO im Kampf gegen Rechtspopulismus vorzustellen. Was genau macht ihr denn?
In Schweden gibt es eine Partei, die Sverigedemokraterna (SD), auf Deutsch: Schwedendemokraten. Die SD sind eine rassistische Partei, die jedoch im Sommer 2015 aufgrund der vielen ankommenden Geflüchteten in Umfragewerten bis auf 25 Prozent kam. Wir mussten rasch reagieren – und haben eine Kampagne auf die Beine gestellt, um dem Aufstieg dieser Partei als Gewerkschaften etwas entgegenzusetzen. Ziel war es, die SD trotz ihres bemüht seriösen und bürgerlichen Auftretens zu entlarven: als nationalistische, rassistische Partei.

Die Kampagne besteht aus zwei Bausteinen, der erste ist Aufklärung über die SD. Wir haben mehrere ausführliche Dokumentationen über die gewerkschaftsfeindliche Wirtschaftspolitik und über ihre Ursprünge, die bis in die Nazizeit zurückreichen, produziert, die im Internet millionenfach aufgerufen wurden. Wir waren auch deshalb erfolgreich, weil wir bewusst provozierten – sodass unsere Videos auch im Umfeld der SD verbreitet wurden.

Der zweite Baustein bestand darin, den möglichen Partnern der SD "die Finger zu verbrennen". Damit ist gemeint, dass wir Gesprächspartner_innen der SD bloßstellen, wenn sie die Rassist_innen treffen. Dies geschah beispielsweise, als sich Vertreter_innen des Arbeitgeberverbandes mit der Führung der SD trafen. Wir schickten ihnen online auf allen Kanälen Bilder von den Vertreter_innen der SD, wie sie in SS-Uniformen posierten, und fragten: Was wollt ihr mit denen besprechen? Einschränkung der Pressefreiheit? Verschärfung des Arbeitsrechts? Das Verbot von Abtreibungen?

Wie waren die Reaktionen innerhalb eures Verbands, dem LO, auf diese Kampagne?
Wir bekamen viele Rückmeldungen. Einige waren auch wütend, man schickte uns Drohungen oder Hasskommentare, vor allem aus dem Umfeld der SD. Die allermeisten Reaktionen waren jedoch positiv. Viele sagten uns: Endlich macht jemand etwas, endlich nimmt jemand den Kampf auf und zeigt, dass wir uns vor der Auseinandersetzung nicht zu fürchten brauchen. Wir bekamen von vielen Seiten Unterstützung, von anderen politischen Parteien, von Künstler_innen und natürlich von vielen Kolleg_innen.

Es überraschte uns, dass wir – trotz der Empörung der Rechten – so gut wie keine Mitgliederverluste zu verzeichnen hatten. Sie machten zwar viel Lärm und drohten uns, aber kaum jemand verließ wegen unserer Aktionen die Gewerkschaft. Nur mal so nebenbei: Was uns eher Mitglieder kostet, ist, wenn es Skandale um Gewerkschaftssekretär_innen gibt, wenn auf Kosten der Kolleg_innen getrunken wird oder so etwas.

Diskussionen zur SD und ihren großen Rückhalt auch in Gewerkschaften gibt es schon länger – und alle waren sich einig, dass wir etwas tun mussten. Darum gab es für die Kampagne auch so viel Unterstützung. Ich denke auch, dass diese für die nahe Zukunft eine der wichtigsten Auseinandersetzungen ist, die wir unbedingt für uns entscheiden müssen.

Das stimmt! Was sind deiner Meinung nach die Ursachen für den Aufstieg der rechten Bewegungen in ganz Europa und sogar in den USA mit dem Präsidenten Donald Trump?
Ich denke, das hat mehrere Gründe: Offensichtlich sind viele Menschen frustriert oder fühlen sich vernachlässigt von den sozialdemokratischen Parteien oder linken Bewegungen. Man muss aber auch sagen, dass diese rechten Bewegungen eine Ideologie vertreten, die wir bekämpfen müssen. Diese Ideologie ist nur ein alter Gegner der Arbeiterbewegung in neuem Gewand. Unser Ansatz muss sein, dass wir dem rechten Denken bessere Lösungen entgegenstellen; für die Probleme der Menschen, die Angst haben, ihre Arbeit, ihren Besitz oder ihren sozialen Status zu verlieren. Wir müssen ihnen als Ausweg mehr soziale Gerechtigkeit bieten. Dies wurde in den letzten Jahren von vielen Politiker_innen vernachlässigt: Die Wirtschaft wächst zwar und die Arbeitslosenquote ist vergleichsweise niedrig. Aber viele haben nichts davon.

Auch hier machen sich viele Menschen Sorgen, weil sie einen Rechtsruck in der Gesellschaft befürchten. Nicht zuletzt im Parlament – im September stehen Bundestagswahlen an. Welchen Ratschlag würdest du deutschen Kolleg_innen für den Umgang mit der rechten Bewegung rund um die Partei Alternative für Deutschland, AfD, geben?
Nun, ich muss sagen, ich bin kein Experte für die politische Situation in Deutschland, ihr müsst also selber entscheiden, was ihr für richtig haltet. Ich möchte euch aber drei Empfehlungen für die Auseinandersetzung geben: Zuerst braucht man für eine solche Kampagne eine klare, möglichst einfache Definition des Gegners, die bei allen Gelegenheiten, in allen Diskussionen wiederholt werden sollte. Hierbei können sich alle Strukturen und Ebenen eurer Gewerkschaften gleichermaßen beteiligen.

Zweitens kommt es in dieser Auseinandersetzung auf jeden einzelnen an, darum sollten wir auch als Privatpersonen überlegen, was wir den Rechten entgegensetzen können. Ob es beim Bäcker ist oder in der Facebook-Timeline: Wir sollten rassistischen Sprüchen und rechten Parolen in allen Lebensbereichen entgegentreten. Und zu guter Letzt müssen wir uns daran erinnern, dass wir nicht alleine sind. Wir sind viele, wir sind auch mehr als die Anhänger_innen der Rechten. Wir müssen selbstbewusster sein und daran glauben, dass wir diese Auseinandersetzung gewinnen können – und der Rest wird dann folgen!


Lou Anton Dormann ist DGB-Jugendbildungsreferent in der Region Halle-Dessau.

(aus der Soli aktuell 5/2017, Autor: Lou Anton Dormann)

Die Landsorganisation wurde im Jahr 1898 von 24 Gewerkschaftsverbänden, 13 Gewerkschaften und 19 anderen Organisationen mit einer Mitgliedszahl von 50.000 gegründet. In den folgenden Jahrzehnten verringerte sich die Zahl der Einzelgewerkschaften aufgrund von Zusammenschlüssen und Umstrukturierungen, aber die Zahl der Mitglieder stieg kontinuierlich und erreichte Mitte der 1980er Jahre mit 2,2 Millionen ihren Höhepunkt. Zurzeit hat die LO in ihren 14 Mitgliederorganisationen 1,47 Millionen Mitglieder.
 

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