Deutscher Gewerkschaftsbund

Herz statt Hetze: Die JAV-Vorsitzende Cheyenne Todaro zur Jugend vor der Bundestagswahl

Plan B: Für gute Ausbildung und Bildung, gegen Rechtspopulismus – Cheyenne Todaro sagt, wie sich die Gewerkschaftsjugend vor der Bundestagswahl positioniert.

Cheyenne Todaro

© Privat

Die JAV-Vorsitzende Cheyenne Todaro

Cheyenne, du bist JAV-Vorsitzende in einem Betrieb der Metallindustrie. Der geht es doch eigentlich gut. Gibt es dennoch Dinge, die ihr zur Bundestagswahl fordert? Was bewegt junge Leute in eurem Unternehmen?
Das Thema Rente wird in der Belegschaft sehr emotional diskutiert. Sowohl von den älteren Kolleginnen und Kollegen als auch von der jungen Generation. Viele machen sich Sorgen, dass sie im Alter in die Armut rutschen, trotz eines lückenlosen Lebenslaufs. Aber auch die Besorgnis, nicht mehr gesund und fit in die Rente einsteigen zu können, treibt die Kolleginnen und Kollegen um. Wir fordern eine Rente, die nicht nur knapp über dem Existenzminimum liegt, sondern mit der die Menschen auch im Alter die Möglichkeit haben – aus finanzieller Sicht –, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Welche Sorgen plagen junge Beschäftigte bzw. die, die es werden wollen?
Den Druck, dem vor allem die junge Generation ausgesetzt ist, schätze ich als enorm hoch ein. Wir sind hin- und hergerissen zwischen den Erwartungen unseres Umfelds, denen wir natürlich gerecht werden möchten, und den eigenen Bedürfnissen. Schwanken zwischen gesellschaftlichen Normen und individueller Selbstverwirklichung. Müssen uns entscheiden zwischen einem sicheren Job, Karriere, Verantwortung und dem Drang, den eigenen Weg zu gehen, zu reisen oder sich eine Zeit lang ehrenamtlich zu engagieren.

Das ist sicherlich nicht einfach, ich spreche da aus Erfahrung! Das Positive daran ist, dass es dank guter betrieblicher Regelungen fast immer einen Weg gibt, beides zu vereinbaren. Durch ein Sabbatjahr beispielsweise oder die tarifvertraglich geregelte Freistellungsmöglichkeit für Weiterbildung…

Wie kommt der Bundestagswahlkampf in deinem Betrieb an?
Im Juni findet bei uns eine Jugend- und Auszubildendenversammlung statt, auf der wir die Bundestagskandidatinnen und -kandidaten zu einer Podiumsdiskussion mit den Auszubildenden und Studierenden einladen. Die Kolleginnen und Kollegen haben dort die Möglichkeit, die Politikerinnen und Politiker auf Herz und Nieren zu prüfen und ihnen die Themen, die ihnen besonders wichtig sind, mitzugeben. Die Vorbereitungen dazu laufen auf Hochtouren. Schon auf der letzten Jugend- und Auszubildendenversammlung fand beispielsweise ein "World Café" mit über 250 Teilnehmenden statt, in dem bereits erste Thesen und Fragestellungen für die Kandidatinnen und Kandidaten gesammelt wurden. Auf die Diskussion sind alle gespannt, immerhin hat man nicht jeden Tag die Möglichkeit, mit Politikerinnen und Politikern ins Gespräch zu kommen.

Still loving 1. Mai 2017

© DGB-Jugend

Die Bundestagswahl kann kommen: "Still Loving Solidarity" war das Motto der Gewerkschaftsjugend am 1. Mai 2017 - für soziale Gerechtigkeit, gegen Rechts. 360.000 Menschen brachten die DGB-Gewerkschaften am Tag der Arbeit in verschiedenen Städten auf die Straße. Die Gewerkschaftsjugend zeigte im "Plan B"-Design besonders viel Engagement. Zu protestieren gab es genug: Mehr als jeder fünfte Beschäftigte zwischen 15 und 24 Jahren arbeitet befristet, mehr als 1,2 Millionen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren haben keinen Berufsabschluss, die Zahl der ausbildenden Betriebe ist auf 20 Prozent abgesackt.

Welche Maßnahmen ergreift die Gewerkschaftsjugend im Vorfeld der Bundestagswahl, welche Forderungen stellt sie auf?
Seit Monaten geht die Gewerkschaftsjugend bereits offensiv auf die Kandidatinnen und Kandidaten zu. Wir veranstalten bundesweit Diskussionsrunden oder Parlamentarische Abende mit den Abgeordneten, um ihnen unsere Themen und die Herausforderungen, mit denen junge Menschen im Arbeits- und Ausbildungsalltag zu kämpfen haben, näherzubringen.

Eine unserer Forderungen: mehr Gestaltungs- und Auswahlmöglichkeiten für die Beschäftigten bei der Festlegung ihrer wöchentlichen Arbeitszeit. Flexibilität darf keine Einbahnstraße sein! Aber auch die Verbesserung von Ausbildungsqualität ist ein Thema, dessen wir uns annehmen möchten. In vielen Branchen haben wir noch einiges aufzuholen, bis die Ausbildung auf dem Stand der neuesten Technik und Entwicklung ist.

Mit unseren Ideen zur Verbesserung von Arbeits-, Ausbildungs- und Lebensbedingungen werden wir in die Debatte mit den Kandidatinnen und Kandidaten gehen.

Plan B

Was ist dir besonders wichtig?
Für mich persönlich ist einer unserer wichtigs­ten Punkte eine elternunabhängige, finanzielle Bildungsförderung. Viel zu oft scheitert der Wunsch, sich weiterzubilden und zu entwickeln, an der Frage der Finanzierung. Bildung darf keine Ware mehr sein, und Menschen, die sie sich nicht leisten können, dürfen nicht ausgeschlossen werden. Bildung ist die Antwort auf so viele Fragen und Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen und wollen. Wir werden uns dafür einsetzen, dass alle, auch ohne reiche Eltern, davon partizipieren können!

Wo bist du selbst aktiv?
Meinen eigenen Horizont zu erweitern und Solidarität auszudrücken, ist mir unheimlich wichtig, daher engagiere ich mich auf gewerkschaftlicher Ebene nicht nur innerhalb der IG Metall-Jugend sondern auch bei der ver.di- und der DGB-Jugend. Dort versuche ich, Diskussionsprozesse und Forderungsdebatten mitzugestalten und zu begleiten, auch bezüglich der anstehenden Bundestagswahl. Außerdem beteilige ich mich in politischen Bündnissen, die sich stark machen gegen Rechtspopulisten, Rassisten und Faschisten. Das ist mir eine Herzensangelegenheit!


IG Metall-Mitglied Cheyenne Todaro ist Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung im Mercedes-Benz-Werk Mannheim.


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Plan B für die junge Generation
Bundestagswahlkampf 2017: Die Gewerkschaftsjugend will dafür sorgen, dass die Interessen von Auszubildenden, Studierenden und jungen Beschäftigten in den Fokus der Politik geraten. (Aus-)Bildung und Arbeit haben eine große Bedeutung im Leben der jungen Generation – die Politik muss dafür die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.

Die jungen Gewerkschafter_innen haben ihre Forderungen in einem Positionspapier zusammengefasst. Auf den Feldern Ausbildung, Studium und Umverteilung werden umfassende Verbesserungen angestrebt.

Probleme auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt werden flankiert von fehlenden Investitionen in die öffentliche Infrastruktur und das Gemeinwesen: So sind marode (Berufs-)Schulen, geschlossene Bibliotheken und Schwimmbäder und mangelnder Nahverkehr zum traurigen Alltag geworden und verstärken bei einer gleichzeitig ansteigenden Zahl von Millionär_innen in Deutschland das Gefühl von Ungerechtigkeit und Hilflosigkeit in weiten Teilen der Bevölkerung.

Und es sind nicht zuletzt diese Gefühle, die den Aufstieg der rechtspopulistischen AfD befördern. Die Gewerkschaftsjugend beobachtet mit Sorge, dass rechtspopulistische Äußerungen immer gesellschaftsfähiger werden. Tatsächlich würden die arbeitnehmerfeindlichen Forderungen der AfD – etwa nach Privatisierung der Arbeitslosenversicherung oder Abschaffung der gesetzlichen Unfallversicherung – zu einer noch viel dramatischeren sozialen Situation führen. "Die AfD nutzt die Abstiegsängste und sozialen Problemlagen, um Hass gegen Muslime, Migrant_innen und Demokrat_innen zu schüren", heißt es in dem Papier.


http://jugend.dgb.de/planb

(aus der Soli aktuell 5/2017, Autorin: Soli aktuell)

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