Deutscher Gewerkschaftsbund

Geflüchtete in der Ausbildung. Die Azubi-Ratgeberin

Auch wenn du einen Ausbildungsplatz gefunden hast, sind viele Dinge an deinen Aufenthaltsstatus gebunden. In der "Dr. Azubi"-Sprechstunde gibt es diesmal eine Auswahl häufig gestellter Fragen zum Thema Flucht und Ausbildung.

Julia Kanzog

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog © Privat

Anfrage Fatma, 26, ausbildungssuchend: "In Syrien bin ich bereits zur Friseurin ausgebildet worden. Muss ich in Deutschland noch mal eine Ausbildung machen?"
"Dr. Azubi": Wenn du einen ausländischen Berufsschulabschluss erworben hast, kannst du diesen in Deutschland, unabhängig von deinem Zuwanderungsstatus und deiner Staatsangehörigkeit, bewerten lassen. Das ist in dem sogenannten Anerkennungsgesetz festgeschrieben.

Die dualen Ausbildungsberufe in Deutschland sind nicht reglementiert. Das bedeutet, du kannst den Beruf auch ohne eine Anerkennung deines Abschlusses ausüben. Eine Anerkennung erhöht aber deine Chancen auf dem Arbeitsmarkt, deine Position bei Gehaltsverhandlungen und den Zugang zu Fort- und Weiterbildungen. Auch wenn du dich im Handwerk einmal selbstständig machen möchtest, dann ist eine Anerkennung zwingend notwendig.

Wenn deine Ausbildung aus Syrien hier nicht anerkannt wird oder die Anerkennung viel Zeit in Anspruch nimmt, kann es zusätzlich sinnvoll sein, eine Ausbildung hier in Deutschland zu absolvieren.

Amaniel, 19, ausbildungssuchend: "Ich komme aus Eritrea und möchte hier in Deutschland eine Ausbildung als Kaufmann für Bürokommunikation machen. Geht das?"

"Dr. Azubi": Ob du eine Ausbildung in Deutschland machen kannst, hängt davon ab, ob du formal einen Zugang zum Arbeitsmarkt hast. Dieser ist abhängig von deinem Aufenthaltsstatus. Geflüchtete mit einer Aufenthaltsgestattung können nach drei Monaten eine betriebliche Ausbildung mit einer Beschäftigungserlaubnis der Ausländerbehörde beginnen. Geflüchtete mit einer Duldung haben ebenso einen eingeschränkten Zugang zum Ausbildungsmarkt und benötigen eine Arbeitserlaubnis. Geflüchtete mit Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen haben einen unbeschränkten Zugang zum Ausbildungsmarkt.

Achtung: Hier gibt es Unterschiede nach Herkunftsländern! Infos dazu gibt es in der Broschüre "Flucht. Asyl. Menschenwürde".

Deine Chancen auf einen Ausbildungsplatz erhöhst du, wenn du in Deutschland einen Schulabschluss erworben hast oder dein erworbener Schulabschluss in Deutschland anerkannt wurde.

Um deine Ausbildung erfolgreich absolvieren zu können, sind natürlich auch deine Sprachkenntnisse sehr wichtig. Wir empfehlen eine Ausbildung erst ab dem B2-Niveau.

Milan, 20, 2. Ausbildungsjahr, Elektroniker für Anlagen- und Gebäudetechnik: "Mit meinem Betrieb bin ich immer alleine auf der Baustelle. Ich möchte meinen Ausbildungsplatz wechseln. Was soll ich machen?"

"Dr. Azubi": Grundsätzlich ist ein Ausbildungsplatzwechsel möglich, wenn du einen wichtigen Grund hast. Wichtige Gründe können vorliegen, wenn in deinem Betrieb absolut unzumutbare Bedingungen herrschen – zum Beispiel, wenn du nicht ausgebildet wirst, wenn du diskriminiert wirst oder wenn du andauernd Überstunden machen musst.

Aber du solltest nie überstürzt kündigen, ohne eine Alternative zu haben. Gerade wenn dein Aufenthaltsstatus an die Ausbildung geknüpft ist, solltest du dich vorab mit der Ausländerbehörde in Verbindung setzen. Suche dir zunächst einen neuen Betrieb und hole dir Unterstützung bei der Kündigung, damit sie wasserdicht ist.

Wenn du gute Gründe hast, kannst du fristlos aus wichtigem Grund kündigen und hast somit etwas in der Hand, sodass du nicht grundlos deinen Ausbildungsplatz verloren hast. Deine Gewerkschaft vor Ort unterstützt dich gerne.

Maryam, 17, 1. Ausbildungsjahr, Medizinische Fachangestellte: "Ich komme in der Berufsschule nicht mit und brauche Hilfe."
"Dr. Azubi": Die ausbildungsbegleitenden Hilfen (abH) sind eine Form von Stütz- und Förderunterricht, der ungefähr drei Stunden in der Woche zusätzlich zur dualen Ausbildung stattfindet. Ob du daran teilnehmen kannst, hängt wiederum von deinem Aufenthaltsstatus ab. Hast du eine Aufenthaltsgestattung mit guter Bleibeperspektive, kannst du die abH bereits nach einem Aufenthalt von drei Monaten in Deutschland in Anspruch nehmen.

Geflüchtete mit einer Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen haben ebenso einen Zugang zur abH.

Geduldete haben nach einer Aufenthaltszeit von zwölf Monaten ohne ausländerrechtliche Einschränkungen Zugang zu ausbildungsbegleitenden Hilfen. Gestattete ohne Bleibeperspektive können keine abH in Anspruch nehmen. In diesem Fall solltest du dich an deine Berufsschule oder an deine Berufsberatung wenden, um eine alternative Unterstützungsmöglichkeit zu finden. Wenn du aus dem EU-Ausland kommst, kannst du erst nach fünf Jahren an den abH teilnehmen.


(aus der Soli aktuell 4/2017, Autorin: Julia Kanzog)

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Materialien
Mit der neuen Internet-Plattform "Welcome Solidarity" bündelt die DGB-Jugend ihr Engagement für junge Geflüchtete. Unter anderem gibt es hier die Broschüre "Berufsausbildung in Deutschland", die sich an junge Geflüchtete richtet. Darin finden sich entlang des Lebensverlaufs grundlegende Informationen zu Schulabschlüssen, Berufsorientierung, Bewerbung und zum Ausbildungsstart. Die Broschüre gibt es auf Englisch, Französisch, Farsi und Arabisch.
www.welcome-solidarity.de

"Flucht. Asyl. Menschenwürde": Die DGB-Broschüre, die über Daten, Zahlen und Fakten zu Flucht und Asyl informiert, richtet sich an gewerkschaftliche Aktive.

Perspektiven im Handwerk: Der DGB beschreibt Ziele und betriebliche Lösungen für das Handwerk, damit Geflüchtete ihren Platz in Arbeitswelt und Gesellschaft finden.

Faltblätter: Das DGB-Projekt "Gute Arbeit für Flüchtlinge" hat zweisprachige Flyer entwickelt, die sich an Geflüchtete richten: Die Themen: Mindestlohn, Lohndumping, Leiharbeit.


Alle auf www.dgb-bestellsystem.de

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