Deutscher Gewerkschaftsbund

Gewerkschaft ist Familiensache: Interview mit Marcelo Alvarenga

Marcelo Alvarenga, 32, studiert an der Global Labour University. Soli aktuell sprach mit dem Gewerkschafter und Aktivisten aus El Salvador anlässlich seiner Hospitanz bei der DGB-Jugend.

Marcelo Alvaranga

Marcelo, was hat dich nach Deutschland geführt?
Ich habe an der Global Labour University (GLU) studiert. Der Gesamtamerikanische Gewerkschaftsbund, TUCA-CSA, und die Friedrich-Ebert-Stiftung Costa Rica haben es mir später ermöglicht, mich für den Master an der GLU zu bewerben. Aufgrund seiner sozialen Stabilität habe ich mich für Deutschland entschieden. Außerdem ist das eine ziemlich einzigartige Erfahrung: Im Rahmen der GLU-Seminare studiere ich an zwei Universitäten im gleichen Land. Einmal in Kassel und dann auch an der Berliner Universität für Wirtschaft und Recht. Diese Hochschulen sind nicht nur bekannt, sondern auch politisch und sozial verankert.

Wie sieht dein beruflicher Werdegang aus?
Ich habe Englisch auf Lehramt an der Universität El Salvador studiert. Zunächst habe ich dort auch als Lehrer gearbeitet. Ich habe eine Klasse mit mehr als 30 Schüler_innen unterrichtet. Danach habe ich in einem Callcenter für eine Computerfirma gearbeitet. Auch dort musste ich feststellen: Es gibt sehr bedrückende Arbeitsbedingungen. Ich wollte mit den Mitarbeiter_innen eine Gewerkschaft gründen. Doch schon während des Gründungsprozesses hat der Arbeitgeber alle Arbeitnehmer_innen kurzerhand entlassen.

Trotzdem glaube ich fest daran, dass Gewerkschaften am besten in der Lage sind, die Situationen der Arbeitnehmer_innen zu verbessern und in einen Dialog mit den Arbeitgebern zu treten. Sie können am besten verhandeln und Themen der sozialen Gerechtigkeit am Arbeitsplatz ansprechen – kurz: politischen Einfluss nehmen.

Ich wollte, dass meine Arbeit auch einen sozialen Aspekt hat, auch Engagement ist. Ich habe dann für den TUCA und den Internationalen Gewerkschaftsbund als Koordinator für das Jugendarbeitsprogramm in Costa Rica gearbeitet. Meine Hauptaufgaben waren hier die Weiterentwicklung der Jugend-Agenda, die Koordination des Jugendausschusses und anderer Ausschüsse und Komitees. Ich war Assistent des Vorstandes und habe auch den Social-Media-Bereich betreut.

Wie kamst du dazu, dich bei der Gewerkschaft zu engagieren?
Gewerkschaft ist bei uns Familiensache – auch mein Vater war Gewerkschafter! Mit gerade einmal 13 Jahren hat er mich zu Demonstrationen und Streiks in unsere Hauptstadt mitgenommen. Er erklärte mir, warum bei uns Unrecht herrscht und warum Streiks legitim sind. In meiner Jugend habe ich gemerkt, dass die Lage in unserem Land – gelinde gesagt – verbesserungswürdig ist. Doch den richtigen "Weckruf" habe ich erst im Studium gehört, wo ich mich in der Freizeit in einer Hochschulgruppe engagierte.

Du konntest einen Einblick nehmen in die Arbeit deutscher Gewerkschaften… Die Arbeit ist sehr dynamisch. Ich bin beeindruckt, wie die Gewerkschaften Demokratie und gesellschaftliche Anbindung am Arbeitsplatz ermöglichen. Die Tatsache, dass man in Deutschland über Jahre eine gute soziale Struktur aufgebaut hat, belebt die Arbeit der Gewerkschaften und lässt eine kontinuierliche Entwicklung zu. Die Menschen haben für ihre Rechte eingestanden und für die heutige Situation gekämpft.

Welche Unterschiede gibt es bei der Gewerkschaftsarbeit in Costa Rica und El Salvador? Auch wenn man in beiden Ländern ein Recht auf Versammlung hat und beide Länder die Konventionen 87 und 98 der Internationalen Arbeitsorganisation, ILO, ratifiziert haben, sieht die Realität anders aus. Arbeitnehmer_innen können sich nicht organisieren, sie werden bedroht und eingeschüchtert, entweder von den Arbeitgebern, der Polizei oder der Gesellschaft, besonders in El Salvador.

In Costa Rica sieht das schon ein bisschen anders aus: Dort ist die Gesellschaft etwas sozialer und hat die Militärherrschaft abgeschafft. Damit wurden friedliche Verhandlungen mit verschiedenen Institutionen und Verbänden ermöglicht und der soziale Dialog vorangetrieben. Im Gegensatz dazu ist in El Salvador alles von Gewalt geprägt, eben auch, wenn es um die Verhandlungen im privaten und öffentlichen Sektor geht.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Jugendlichen in Europa und Zentralamerika?
In der Tat. In beiden Regionen gibt es eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, viel Kurzarbeit und prekäre Verträge. Gerade der Berufseinstieg birgt hier viele Schwierigkeiten. Hinzu kommen soziale Ungleichgewichte, die die Migration anheizen. Kommt einem bekannt vor, oder? Allerdings gibt es bei uns einen starken Rückgang jugendlicher Mitglieder. Die Jugendlichen interessieren sich immer weniger für die Gewerkschaftsarbeit – auch aufgrund einiger Fehlentwicklungen in den Apparaten. Da wurden zum Teil eine Menge leerer Versprechen gemacht…

Doch ich glaube an den Erfolg der Zusammenarbeit der DGB-Jugend mit meiner Organisation in El Salvador: dass die Mitgliedergewinnung auf die Beine kommt und es gelingt, eine progressive Agenda zu entwickeln, um die Arbeiterbewegung wiederzubeleben. Es ist Zeit, dass die Gewerkschaften die Belange der jugendlichen Arbeitnehmer_innen ansprechen!

Wie wird es für dich in Zentralamerika weitergehen?
Ich kann beim TUCA wieder einsteigen, ich wäre dann für internationale Kampagnen verantwortlich. Ich könnte aber auch bei anderen Organisationen arbeiten. Die Zeit wird mir schon meine Wege aufzeigen.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Als Gewerkschafter und Bürger hoffe ich, dass ich eine Balance finden werde zwischen meinem Arbeits- und Privatleben. Weiter hoffe ich auf einen ordentlich bezahlten Job, der mir einen guten persönlichen Lebensstandard ermöglicht. Ich möchte national wie international anderen Menschen helfen und die soziale Inklusion vorantreiben.


(aus der Soli aktuell 4/2017, Autorin: Soli aktuell)

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