Deutscher Gewerkschaftsbund

Abschottung ist keine Antwort: Interview mit Josef Holnburger von der EGB-Jugend

Josef Holnburger ist der neue Vertreter der DGB-Jugend beim Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB).

Josef Holnburger

© Privat

Josef Holnburger ist 27 Jahre alt. Er hat nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung zum Chemielaboranten absolviert, war Jugend- und  Auszubildendenvertreter und ist heute in der jugendpolitischen Bildungsarbeit der IG BCE aktiv. Er sagt: "Das ehrenamtliche Engagement und die Begeisterung für politische Diskussionen und Aktionen führte schließlich dazu, dass ich ohne Abitur und mit Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung Politikwissenschaften an der Universität Hamburg studieren konnte."

Josef, du wurdest in das Jugendkomitee des EGB entsandt. Was wirst du als erstes tun?
Ich durfte bereits aktiv werden und konnte an den Jugendkomitee-Sitzungen des EGB in Brüssel sowie an einem gemeinsamen Seminar für alle aktiven EGB-Gewerkschafter_innen in Zypern teilnehmen. Die Strukturen und derzeitigen Arbeitsfelder wie auch viele Kolleg_innen konnte ich also bereits kennenlernen.

Was sind denn die brennendsten Themen der europäischen Gewerkschaftsjugend?
Leider immer noch die andauernd hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Wir müssen weiterhin beständig für eine bessere Ausstattung und effektivere Mittel zur Umsetzung der europäischen Jugendgarantie kämpfen. Desweiteren gehen wir gerade aktiv gegen niedrige Mindestlöhne für Jugendliche in vielen Mitgliedsländern vor. Die von der EU-Kommission initiierte Entwicklung einer Säule sozialer Rechte kann für unsere europäische Gewerkschaftsjugend große Chancen bieten. Dennoch ist es notwendig, dass wir diesen Prozess kritisch begleiten und wachsam unsere Rechte und Errungenschaften verteidigen. Außerdem beschäftigt uns natürlich auch die generelle Situation inner- und außerhalb der EU. Die Erfolge rechtspopulistischer und rechter Parteien, die antieuropäischen Tendenzen in vielen Ländern sind eine Gefahr für unsere europäische Gewerkschaftsbewegung und den Gedanken der länderübergreifenden Solidarität.

Was kannst du den Kolleg_innen aus Deutschland nach Brüssel mitbringen?
Ich glaube, dass wir bereits sehr gute Ideen, Projekte und auch Standpunkte in der DGB-Jugend entwickeln konnten, die auch in der europäischen Gewerkschaftsbewegung bekannt gemacht werden sollten. Umgekehrt gilt, dass ich den deutschen Kolleg_innen Erfolge mitbringen kann, die ein aktives EGB-Gremium erarbeiten konnte. Derzeit spielt die Integration von Geflüchteten auf europäischer Gewerkschaftsebene leider eine zu geringe Rolle. Deshalb werde ich auf den nächsten Sitzungen der EGB-Jugend das Engagement der DGB-Jugend auf diesem Terrain – beispielsweise die Onlineplattform "Welcome Solidarity" – vorstellen und für die Behandlung dieses Themas auf europäischer Ebene werben.

Wie sieht es aus mit der Solidarität unter den Gewerkschafter_innen in Europa? Wirst du wegen der deutschen Exportorientierung der Wirtschaft nicht schief angeguckt?
Besonders südliche Länder wie Spanien und Italien leiden auch weiterhin unter einer hohen Jugendarbeitslosigkeit – sodass junge Menschen die Möglichkeiten der europäischen Arbeitnehmerfreizügigkeit wahrnehmen und erwägen, eine Anstellung in Deutschland zu suchen. Die Kolleg_innen aus den betroffenen Ländern fürchten deshalb, dass ihre Länder von einem "Brain Drain" – der Abwanderung von Fachkräften – betroffen sein könnten. Dies und auch die starke Exportorientierung wird natürlich auch innerhalb der europäischen Gewerkschaftsbewegung thematisiert. Die Diskussionen verlaufen dabei aber immer respektvoll und werden vor dem Hintergrund eines gemeinsamen Ziels geführt: einer Verbesserung der Lebens- und Arbeitssituationen unserer Kolleg_innen in den immer noch von der Krise betroffenen Ländern. Wir sind uns einig, dass Protektionismus und Abschottung keine Antwort auf die Probleme unserer Zeit sein können.

Wo möchtest du persönlich mit der Gewerkschaftsbewegung hin?
Ich konnte bereits sehr viel von meinen Aktivitäten in der Gewerkschaftsbewegung profitieren, sowohl während meiner Zeit als abhängig Beschäftigter im Betrieb als auch in meiner Freizeit als politisch interessierter Jugendlicher. Die Vorstellung, auf Basis eines gemeinsamen Interesses solidarisch für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse aller zu kämpfen, hat mich sehr geprägt. Ich hoffe, dass ich dieses Grundverständnis auch an andere Jugendliche weitergeben kann.

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Das ist der EGB
Der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) – oder auch englisch ETUC (European Trade Union Confederation) – wurde am 9. Februar 1973 von 17 Gewerkschaftsverbänden aus 15 Staaten gegründet und vertrat damals rund 29 Millionen gewerkschaftlich organisierte Mitglieder. Er ist eine Nachfolgeorganisation des Europäischen Bundes Freier Gewerkschaften in der EWG und des "Gewerkschaftskongresses" der EFTA-Staaten.

Heute gehören dem EGB 89 nationale Gewerkschaftsverbände aus 39 europäischen Staaten und zehn europäische Branchenverbände mit insgesamt 45 Millionen Mitgliedern an. Drei Gewerkschaftsbünde haben Beobachterstatus.

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