Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausbildungsort Berufsschule. Die Azubi-Ratgeberin

Duale Ausbildung, das heißt: Für Azubis gibt es zwei Lernorte, Betrieb und Berufsschule. Komplizierte Sache! Wir beantworten die häufigsten Anfragen in der "Dr. Azubi"- Sprechstunde.

Julia Kanzog

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog © Privat

Anfrage André, 19, 3. Ausbildungsjahr, Kaufmann für Bürokommunikation: "Aufgrund von Personalmangel möchte mein Chef, dass ich meinen Berufsschultag ändere und die Klasse wechsle. Ich bin mir sicher, meine Noten werden sich dadurch verschlechtern. Kann er mich dazu zwingen?

"Dr. Azubi"
antwortet: Der Lehrstoff des Berufsschulunterrichts ist neben der praktischen Ausbildung Inhalt der Abschlussprüfung. Daher ist dein Betrieb dazu verpflichtet, dich für die Berufsschule freizustellen und dich dazu anzuhalten, sie zu besuchen, damit du dein Ausbildungsziel erreichen kannst. Dein Betrieb kann von Beginn der Ausbildung an mit deinem festen Schultag rechnen.

Eine Änderung ist nicht so einfach möglich. Du bist noch in der Ausbildung, um den Beruf zu erlernen, und solltest keine Fachkraft ersetzen. Daher ist die Begründung deines Chefs nicht tragbar. Nur wenn es gute Gründe gibt, die dafür sprechen, den Schultag zu wechseln – zum Beispiel, weil du in deiner bisherigen Klasse extrem gemobbt wirst und dich dadurch nicht auf den Lehrstoff konzentrieren kannst – spricht das für einen Klassenwechsel.

Selen, 17, 3. Ausbildungsjahr, Kommunikationselektronikerin: "Ich werde meinen Betrieb wechseln. Dieser ist im Nachbarort. Nun stellt sich mir die Frage, ob ich in der gleichen Berufsschule bleiben kann.

"Dr. Azubi":
Die Zuordnung der Berufsschule zu einem Betrieb richtet sich nach dem Ort des Betriebssitzes oder der Niederlassung. Dadurch wird in der Regel gewährleistet, dass du die nächstmögliche Schule besuchst.

Wenn du deinen Betrieb wechselst, kann es gut möglich sein, dass du dadurch in einen anderen Schulbezirk fällst und somit einer anderen Schule zugeordnet wirst. In begründeten Ausnahmefällen ist ein Wechsel möglich, zum Beispiel wenn der Anfahrtsweg zu lang ist oder du kurz vor der Prüfung stehst. Einem Antrag auf Schulwechsel müssen dein Betrieb, deine bisherige sowie die gewünschte Schule zustimmen.

Da die Schulgesetze den Bundesländern unterliegen, kann es je nach Berufsschule unterschiedliche Regelungen geben. Manche Berufsschulen haben Vordrucke bereitgestellt. Wenn das nicht der Fall ist, schau am besten mal in die Schulordnung des jeweiligen Bundeslandes.

Luisa, 17, 1. Ausbildungsjahr, Industriemechanikerin: "Meine Noten in der Berufsschule sind leider nicht so gut – obwohl ich Nachhilfe nehme. Mein Betrieb droht mir nun mit einer Abmahnung. Darf er das?"

"Dr. Azubi":
Da dein Chef dich für die Berufsschule bezahlt freistellt, hast du dort die gleichen Pflichten wie während der betrieblichen Ausbildung. Schlechte Leistungen in der Ausbildung – egal ob im Betrieb oder in der Schule – sind erst einmal kein Abmahnungsgrund.

Der Lernfortschritt ist ein individueller Prozess und daher liegt hier kein Fehlverhalten deinerseits vor. Etwas anderes gilt, wenn du bewusst den Unterricht störst, dich weigerst, Klassenarbeiten zu schreiben oder unentschuldigt fehlst. Dadurch kommst du deiner Lernpflicht nicht nach und dein Betrieb kann dich abmahnen.

Merke: All deine Pflichten sind in § 13 Berufsbildungsgesetz aufgelistet.

Selma, 16, 2. Ausbildungsjahr, Verkäuferin: "Dienstags habe ich von 7:45 bis 14 Uhr (5 Schulstunden und 40 Minuten Pause) Schule und mittwochs von 10:20 bis 15:25 Uhr Schule (5 Schulstunden und 105 Minuten Pause). Dienstags muss ich nach der Schule in den Betrieb. Und wie ist es mittwochs? Muss ich dann vor- und nacharbeiten?

"Dr. Azubi":
Da du noch minderjährig bist, wird die Anrechnung der Berufsschulzeit auf die Arbeitszeit nach dem Jugendarbeitsschutzgesetz geregelt. Die Unterrichtszeit, inklusive der Pausen, wird auf die gesetzliche Höchstarbeitszeit von 40 Stunden angerechnet.

Berufsschultage mit mindestens sechs Unterrichtsstunden à 45 Minuten werden mit acht Stunden auf die Arbeitszeit angerechnet. In deinem Fall wird daher nur die tägliche Arbeitszeit inklusiv der Pausen auf die Arbeitszeit angerechnet.

Dein Betrieb kann von dir verlangen, dass du auch mittwochs vor oder nach der Berufsschule noch in den Betrieb kommen musst. Für dich wichtig: Die Fahrtzeit für die Strecke von der Berufsschule in den Betrieb wird auf die Arbeitszeit angerechnet.

Eine Beschäftigung im Betrieb vor oder nach der Berufsschule gilt als unzumutbar, wenn die betriebliche Restausbildungszeit zwei Stunden unterschreitet und das Verhältnis von Fahrtzeit zu Restausbildungszeit weniger als 1:2 ist.

Die Berufsschulzeiten, Fahrtzeiten in den Betrieb sowie Betriebszeiten dürfen bei Minderjährigen eine tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden nicht überschreiten.

Andi, 18, 2. Ausbildungsjahr, Zahntechniker: "Mein Berufsschultag geht normalerweise von 8 bis 16 Uhr. Gestern hatte ich schon um 11 Uhr Schulende, da eine Lehrerin krank war. Muss ich meinen Betrieb informieren?"

"Dr. Azubi":
Auch als Volljähriger muss dein Betrieb dich für die Berufsschule freistellen. Eine Freistellung erfolgt aber nur, wenn sich Berufsschulzeit und Betriebszeit überschneiden.

Angerechnet wird, wenn du auch tatsächlich die Berufsschule besucht hast. In deinem Fall musst du deinen Betrieb über das frühe Ende informieren, und man kann von dir verlangen, dass du die verbleibende Arbeitszeit noch im Betrieb verbringst. Auch bei dir wird die Zeit für die Fahrt in den Betrieb auf die Arbeitszeit angerechnet.


(aus der Soli aktuell 2/2017, Autorin: Julia Kanzog)

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In Unterricht und auf dem Schulhof
Persönliche Kommunikation und fundierte Fachkompetenz: Die DGB-Jugend ist auf dem Schulhof präsent – ansprechbar für Auszubildende und Lehrkräfte. Sie bietet Infos und Beratung, diskutiert mit den Azubis und bringt Hintergrundmaterialien zu verschiedenen Themen mit. Motto: Politische Bildung betreiben, Zusammenhänge erklären, Horizonte erweitern.

Die Berufsschultour der DGB-Jugend ist bundesweit unterwegs. Jedes Jahr besuchen Gewerkschaftsjugendliche tausende Schüler_innen im Unterricht. Das Ziel: Auszubildende stärken und ihnen Mut machen, Mut zur Teilhabe, die eigenen Rechte kennen, wissen, was Tarifverträge sind, verstehen, wie Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren.


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