Deutscher Gewerkschaftsbund

Auf das Wir kommt es an: Die 20. DGB-Bundesjugendkonferenz

"Still Loving Solidarity": Die DGB-Bundesjugendkonferenz: Beschlüsse, Reden und Grußworte.

BJK

"Still Loving Solidarity": Die Gewerkschaftsjugend zeigt Haltung beim Polit-Talk am 10. November 2017 im Berliner Veranstaltungszentrum Kosmos

Ein starkes Netzwerk
104 Delegierte aus den acht Mitgliedsgewerkschaften – EVG, IG BAU, IG BCE, GdP, GEW, IG Metall, NGG, ver.di – und Gäste aus dem In- und Ausland waren zum Auftakt der DGB-Bundesjugendkonferenz am 10. November im Kosmos in Berlin dabei, zudem Vertreter_innen von Parteien und Verbänden.

DGB-Bundesjugendsekretärin Manuela Conte und die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack, im DGB-Vorstand für Jugendthemen zuständig, eröffneten die Konferenz gemeinsam. "Ihr seid ein starkes Netzwerk und eine wichtige Stimme innerhalb des DGB", sagte Hannack.

DGB-Bundesjugendsekretärin Manuela Conte warnte vor dem Rechtsruck in Deutschland. Es gebe offene Angriffe auf gewerkschaftliche Aktive. Das wecke Erinnerungen. Deswegen gelte: "Wehret den Anfängen – Nie wieder Faschismus!" Die Gewerkschaftsjugend müsse durchsetzungsstark sein, Solidarität leben und erlebbar machen.

Mit einem filmischen Geschäftsbericht stiegen die Delegierten in die Konferenz ein und zogen ein Fazit der Arbeit der letzten vier Jahre. Studierendenarbeit, Kampagnen zur Ausbildung, Engagement gegen Rassismus, Projekte für junge Geflüchtete, internationale Arbeit, Israelaustausch, die Bundestagswahl: Das Spektrum des Jugendverbandes mit über einer halben Million Mitgliedern war denkbar breit.

Am Abend folgte der "Polit-Talk", das Live-Format der DGB-Jugend in den sozialen Netzwerken. Die Gewerkschaftsjugend diskutierte mit Ricarda Lang (Grüne Jugend), Pascal Meiser (Die Linke), Nicolas Sölter (CDU) und Johanna Uekermann (SPD). Dabei ging es vor allem um das Thema Bildung als Grundlage sozialer Gerechtigkeit: Junge Menschen brauchen einen chancengerechten Zugang zu Bildung – Ausbildung und Studium müssen bei der Qualität enorm zulegen. Motto: "Auf das Wir kommt es an." Die Zuschauer_innen konnten dabei gleich Kommentare abgeben und Fragen stellen.

Für die Solidarität
Am zweiten Tag der DGB-Bundesjugendkonferenz wurde die Antragsberatung fortgesetzt. "Bildung und Weiterbildung" standen auf dem Programm: Anträge zur Chancengleichheit durch den Abbau von Bildungsbarrieren. Dazu gehört die Gebührenfreiheit beim Studium ebenso wie eine Verbesserung des BAföG. Auch soll gewerkschaftliche Arbeit stärker in die Rahmenlehrpläne der Schulen integriert werden. Weitere Beschlüsse wurden gegen Zwangs­exmatrikulation an den Hochschulen, zu arbeitgeberfinanzierter Weiterbildung und zur Einführung von Studiengebühren für Nicht-EU-Auslän­der_in­nen in Baden-Württemberg gefasst.

Außerdem stand an diesem Tag das Sachgebiet A "Für eine gute Ausbildung" zur Beratung. Wie entwickelt sich die duale Ausbildung in der Zukunft, gerade unter den Veränderungen durch Digitalisierung? Wie muss sich die betriebliche Mitbestimmung verändern?

Nach langer Diskussion verabschiedete die Konferenz den Beschluss für eine Untergrenze bei Azubi-Vergütungen. Darin heißt es: "Die DGB-Jugend bekennt sich zu einer gesetzlichen Mindestausbildungsvergütung."

Qualifizierung der Ausbilder_innen, Verbot von Schichtarbeit: Bei der Entwicklung der dualen Ausbildung planen die Gewerkschaftsjugendlichen die soziale Zukunft.

Ein wichtiger Punkt war auch die Forderung nach einem bundesweiten Azubi-Ticket – denn die Fahrtkosten können zu einem erheblichen Problem werden. Bei manchen Azubis können sie sogar die gesamte Vergütung ausmachen. Für die DGB-Jugend gehört es zu den ganz konkreten Anforderungen an gute Ausbildung und Arbeit, dass die Kosten für Arbeitswege übernommen werden.

Hier stehen die Arbeitgeber in der Verantwortung. Besonderes Augenmerk verdiente auch die Forderung nach einer echten Novellierung des Berufsbildungsgesetzes. Die Rechte der Jugend- und Auszubildendenvertretungen müssen gestärkt und das aktive Wahlrecht der Azubis in den Betrieben unabhängig vom Alter ausgeweitet werden.

Im Antragsblock C wurde die Forderung nach einem Verbot von Leiharbeit beschlossen, und auch, dass die Probezeit bei der Übernahme abzuschaffen sei. Die Delegierten sprachen sich für faire, freiwillige Praktika statt unbezahlter Pflichtpraktika aus und unterstrichen die Forderung nach der Angleichung der Arbeitsbedingungen in Ost- und Westdeutschland.

Lasst uns die Welt verändern
Den dritten und letzten Konferenztag eröffnete der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. Er stellte klar, worum es bei der Gewerkschaftsarbeit geht: "Wir wollen gute Arbeit für alle Menschen in diesem Land." Dabei sieht er die Gewerkschaftsjugend in entscheidender Rolle: "Ihr zeigt in unterschiedlicher Weise, wie lebendig gewerkschaftliche Jugendarbeit sein kann." Mit ihren Kampagnen zur Bildung und Ausbildung treibe sie die Politik vor sich her.

Auch Europa- und gar weltweit sei ihre Arbeit wichtig – dies zeige auch die Anwesenheit der internationalen Gäste. Solidarität kenne keine Grenzen, wenn 50 Prozent der jungen Beschäftigten in manchen Regionen Südeuropas arbeitslos seien. Die prekären Bedingungen, unter denen etwa Kleidung produziert werde, habe die Gewerkschaftsjugend ebenfalls immer wieder thematisiert. Hoffmann: "Die DGB-Jugend ist eine kompetente und wirkungsmächtige Stimme für die Interessen junger Beschäftigter."

Auch er warnte vor dem Einfluss der rechten AfD auf die deutsche Politik. Des Weiteren ging es um die Themen Solidarische Gesellschaft, Frieden und Demokratie, zu denen die Gewerkschaftsjugend unterschiedliche Forderungen formulierte. Ein wichtiger Punkt war das Wirken vieler junger Gewerkschafter_innen in Sachen Flucht und ihre Haltung zu den internationalen Migrationsbewegungen. Hier sei eine Unterstützung des ehrenamtlichen Engagements dieser vielen jungen Kolleg_innen notwendig.

Die Delegierten positionierten sich mit Forderungen zum Verbot rechtsradikaler Parteien und sprachen sich gegen die Zusammenarbeit mit der AfD aus. Die Gewerkschaftsjugend bekräftigte ihre aktive Rolle in der Friedenspolitik und befürwortete in diesem Zusammenhang die Rüstungskonversion. Und: Der 8. Mai soll offizieller Gedenktag des Antifaschismus werden!

Bei ihrem Schlusswort wünschte sich DGB-Bundesjugendsekretärin Manuela Conte "Einigkeit in der Unterschiedlichkeit" für die Gewerkschaftsjugend. 98 Anträge seien beraten und beschlossen, es seien starke Positionen und Forderungen entwickelt worden: "Lasst uns gemeinsam die Welt verändern, sie braucht es."

Und das nächste große Ereignis steht bereits an: der DGB-Bundeskongress, bei dem die Gewerkschaftsjugend mit ihren Beschlüssen ganz sicher eine starke Position haben wird. Eben ein aktives und wirkungsmächtiges Netzwerk.

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Internationale Grüße an die kämpferische Jugend
Botschaften aus Israel, Belgien, ­Österreich und Brasilien.

Solidarität ist international, niemand beschrieb dies besser als Avital Shapira-Shabirow vom israelischen Gewerkschaftsdachverband Histadrut. Sie verwies in ihrer Rede auf die besonders enge jahrzehntelange Zusammenarbeit mit DGB-Jugend und DGB: "Ich bin sehr stolz darauf und freue mich immer sehr, die zukünftigen Entscheidungsträger der DGB-Gewerkschaften zu treffen, von denen die meisten heute mit uns auf dieser großartigen Konferenz sind."

2018 wird es in diesem Sinne einen neuen Rekord geben: Gleich vier Delegationen aus Deutschland werden nach Israel, fünf Jugenddelegationen der Histadrut nach Deutschland reisen.

Dem DGB sprach sie besonderen Dank aus. "Für jene Solidarität, die ihr uns entgegenbringt, wenn die Histadrut gezwungen ist, sich mit einer unsachlichen und ungerechten Anti-Israel-Haltung von Gewerkschaften aus der ganzen Welt auseinanderzusetzen."

Tom Vrijens, der Präsident des Jugendkomitees beim Europäischen Gewerkschaftsbund, sah im europaweit grassierenden Rechtspopulismus eine große Bedrohung. Nicht irgendeine AfD sei die richtige Alternative für Deutschland: "Hier im Saal, die DGB-Jugend, das ist eine echte Alternative."

Sascha Ernszt, der Bundesjugendsekretär des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, betonte die enge Verbundenheit mit der DGB-Jugend. Ausbildung, Vergütung, Sozialleistungen: "Wir haben uns viel abschauen können bei euch, unsere politischen Forderungen sind ähnlich."

Auch er warnte vor den Rechten, denn wenn sie an die Macht kämen, strichen sie als erstes alles zusammen, was Sinn mache. Ob FPÖ oder AfD: Rechtspopulismus bedeute immer Umverteilung von unten nach oben. Aber, sagte er: "An uns wird der Widerstand nicht scheitern. Wir haben den Plan für eine solidarische Gesellschaft. Wir sagen ihnen den Kampf an. Solidarität ist das, wofür wir in ganz Europa eintreten müssen."

Auch Edjane Rodrigues überbrachte Arbeitnehmergrüße. Die Gewerkschaftssekretärin vom größten brasilianischen Dachverband Central Única dos Trabalhadores mit 7,2 Millionen Mitgliedern – 25 Prozent sind junge Leute – ist zugleich Vorsitzende der amerikanischen Gewerkschaftsjugend.

"Guten Tag an die kämpferische Jugend!", begann sie ihren Vortrag. In Zeiten des aufkommenden Faschismus helfe nur eines: "Die Solidarität der Jugend gegen den Verlust der Demokratie!"

Die Arbeitslosigkeit betrage nun 13 Prozent in Brasilien, beschrieb sie die Lage in dem riesigen Land. Eine rechte Regierung, die alles Soziale hasse – das sei in Brasilien schon Realität. Erst kürzlich wurden öffentliche Bildungs- und Gesundheitsprogramme ausgesetzt.

CUT und DGB-Jugend wollen ein Jugendbildungsprogramm entwickeln, mit dem Jugendliche an die Gewerkschaften herangeführt werden sollen. "Sie sollen sich ihrer sozialen Klasse bewusst werden und selbst ihre Realität verändern", sagt Rodrigues. "Durch diese Zusammenarbeit zeigen wir, dass die Kämpfe der Jugend in Deutschland und Brasilien eins sind. Gemeinsam werden wir siegen!"


(aus der Soli aktuell 11-12/2017, Autorin: Soli aktuell)

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