Deutscher Gewerkschaftsbund

Alles, was recht(s) ist? Reaktionäres Denken in und um Hochschulen

Reaktionäres Denken in und um Hochschulen: Die rechte Vergangenheit an der Hochschule reicht bis heute. Ein Plädoyer für gewerkschaftliches Engagement. Vom students-at-work-Team

Mädchen mit T-Shirt Dass Auschwitz nie wieder sei

© DGB-Jugend

Dass die Hochschule frei...

Dass an deutschen Universitäten ab 1933 Menschen, die nicht ins nationalsozialistische Bild passten, systematisch ausgeschlossen wurden, rassenideologische, antisemitische und menschenfeindliche Forschung betrieben und unliebsame Veröffentlichungen vernichtet wurden, dürfte als faschistisches Wirken in der Wissenschaft hinlänglich bekannt sein. Der intellektuelle Kampf der Rechten begann aber nicht erst mit den Nationalsozialist_innen und endete auch nicht 1945. Leider.

Bereits während der Weimarer Republik herrschte in weiten Teilen der Gesellschaft eine antisemitische, deutschnationale Grundstimmung. Diese machte auch vor den Universitäten nicht halt. Veranstaltungen von jüdischen Professor_innen wurden gestört, militaristische und faschistische Manifeste machten die Runde und Studentenvereinigungen waren im Sinne der deutschnationalen Sache unterwegs und terrorisierten Kommiliton_innen.
 
Bereits 1926 gründete sich der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) und wurde ein Sammelbecken für antidemokratisch, antibürgerlich, antisemitisch und völkisch eingestellte Studierende. In Berlin brachte der Bund 1928 die Forderung ins Studentenparlament ein, einen Numerus Clausus für "fremdblütige Studenten" einzuführen. Dieser Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen. Die aggressive, ausgrenzende, demokratie- und durchaus intellektuellenfeindliche Stimmung an Hochschulen wurde weitestgehend von der Studierendenschaft getragen.

Der NSDStB ließ seinen Worten auch Taten folgen. Mit der "Aktion wider den undeutschen Geist" wurde zur Zensur aufgerufen, welche im Mai 1933 als Bücherverbrennung an mehreren deutschen Hochschulstandorten ihren Höhepunkt fand. Kurz zuvor trat ein Gesetz gegen die Überfüllung der Hochschulen in Kraft, welches Juden, zahlreichen politisch und weltanschaulich unerwünschten Gruppen und Frauen den Hochschulzugang erschwerte bis verunmöglichte.

Die Hochschulen der Weimarer Republik waren kein Hort der Freiheit und Gleichberechtigung und unterstützen den Aufstieg Hitlers und des Nationalsozialismus. Auch hier zeigt sich, dass das bis heute bestehende Vorurteil, dass rassistische, menschenfeindliche Einstellungen ein Problem mangelnder Bildung sei, falsch ist. Rechte Positionen finden sich in allen Teilen  der Gesellschaft, so auch in deren so genannter akademischer Spitze. Der dumme Stiefelnazi ist ein Stereotyp, der ein gesamtgesellschaftliches Problem zu einem Randphänomen verharmlost und dadurch antifaschistische Arbeit eher behindert. Aber zurück zu den Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland und den rechten Kontinuitäten in der Lehre.

Rechte Ideen in Wissenschaft und Lehre

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs lief die Entnazifizierung bei den Hochschullehrenden nur schleppend an. Je nach Besatzungszone verblieben unterschiedlich viele Lehrende mit nationalsozialistischem Hintergrund im aktiven Dienst oder umgingen die Prüfmaßnahmen. Im Zuge der Restauration 1949 schafften es viele Altnazis wieder zurück an die Institute. Entnazifizierung fand an Hochschulen beider deutscher Staaten also de facto nicht statt.

Die Hochschullehre knüpfte nicht nur personell rechtskonservativ an, auch ideologisch wurde in den meisten Fachdisziplinen ohne große Brüche an bestehende Theorien und Forschungen angeknüpft. So in den Erziehungswissenschaften, in den Wirtschaftswissenschaften und nicht zuletzt in der Biologie (nachzulesen in dem Buch "Alte und Neue Rechte an den Hochschulen").

Antifa

DGB Jugend

...von rechtspopulistischen Ideen bleiben sollte, ist auch...

Erst Ende der 1960er Jahre skandalisierten Studierende in der BRD die fehlende Aufarbeitung der NS-Zeit an den Hochschulen und läuteten mit den Bestrebungen der Demokratisierung auch einen Wandel in der Lehre ein. Dennoch gibt es bis heute Wissenschaftler_innen, die ein rechtes Weltbild vertreten oder unkritisch auf Konzepte zurückgreifen, die soziale Verhältnisse biologisieren und damit als unabänderlich darstellen. Noch bis Ende der 1990er Jahre wurde zum Beispiel am Institut für Humanbiologie in Hamburg von den rassetypischen Merkmalen von Juden und "Negern" gesprochen, neueren Forschungsergebnissen zum Trotz.

Nach wie vor halten einzelne Biolog_innen am Rassekonzept fest, obwohl spätestens seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms Anfang der 2000er Jahre geklärt ist, dass der genetische Determinismus inkl. der Vorstellung von Menschenrassen obsolet ist.

# What to do – ein Blick hinter die Kulissen #
Geschichte wird gemacht. Hochschulen stellen sich sehr vielfältig dar und vermitteln den Ausschnitt ihrer Geschichte, den sie für angemessen halten. Es fällt auf, dass eine weiße, männlich geprägte Geschichte geschrieben wird und die Jahre 1933-45 oft nur in Kurzfassung abgehandelt werden. Setzt euch dafür ein, dass die Geschichte eurer Hochschule in allen Facetten dargestellt wird. Fragt, wer an der Uni lehrt. Welche Personen werden erst gar nicht benannt? Wer wird geehrt?

Auch wenn es sich um Minderheitenpositionen im Wissenschaftsbetrieb handelt, finden sie doch immer wieder ihre Verbreitung. Denn an Hochschulen produziertes bzw. von Wissenschaftler_innen verkündetes Wissen ist wirkmächtig, da angeblich objektiv, neutral und von Expert_innen abgesegnet. Mit dem Stempel der Wissenschaftlichkeit lässt sich dann auch jede noch so diskriminierende und menschenverachtende Haltung vermeintlich legitimieren. Ohne von Rasse zu sprechen, argumentierte zum Beispiel Thilo Sarrazin in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" mit angeblich biologisch festgelegten Eigenschaften und Verhaltensmustern, um seine rassistischen Ansichten zu legitimieren.

Dass die Hochschule frei von rechtspopulistischen Ideen bleiben sollte, ist auch deshalb so wichtig, weil Hochschulabsolvent_innen häufig in Multiplikator_innen-Positionen sind und ihr in der Uni Erlerntes hinaus in die Welt tragen. Gewerkschaften fordern, dass Bildung an Hochschulen neben der fachlichen Ausbildung kritisch-reflexives Denken fördert und ihren Beitrag zu einer offenen und demokratischen Gesellschaft leistet.

# What to do – Augen auf #
Habt ein offenes Auge, was an eurem Fachbereich gelehrt wird. Sprecht an, wenn rassistische, antisemitische, antimuslimische oder nationalistische Inhalte in Veranstaltungen vermittelt werden. Interveniert, wenn Dozent_innen oder Studierende rechte Positionen beziehen. Mund auf gegen rechts!

Gedankengut, das sich gegen die Gleichheit und Freiheit der Menschen richtet, findet sich aber nicht nur im Bereich der Naturwissenschaften. Ein allseits bekanntes Beispiel ist der ehemalige Vorsitzende der Partei Alternative für Deutschland Bernd Lucke. Der ehemalige Stipendiat und Vertrauensdozent der Studienstiftung des Deutschen Volkes ist Professor für Makroökonomie an der Uni Hamburg. Er propagiert, dass Geringverdiener_innen noch weniger bekommen und die Sozialhilfe noch stärker gekürzt werden soll.

Diesen Sozialchauvinismus ergänzt er noch rassistisch, indem er beispielsweise fordert, dass die Sozialhilfe für Einwander_innen auf das Niveau ihres Herkunftslandes gekürzt wird. Mit der Idee, dass Menschen unterschiedlich viel wert sind und dass Gesellschaften hierarchisch und nicht gleichberechtigt gestaltet sein sollen, ist der Schulterschluss zu rechter Ideologie gezogen. Und es ist vollkommen egal, ob die Vertreter_innen sich selbst als Rechte sehen oder nicht.

# What to do - Wir sind demokratisch #
Macht euch stark für eine offene, soziale und demokratische Gesellschaft - auf der Straße, an der Hochschule, im Alltag!

Reaktionäre Vorstellungen betreffen aber nicht nur Fragen der (unterstellten) Herkunft und der sozialen Hierarchie, sondern versuchen auch fast ausnahmslos, die Geschlechterdiskriminierung zu begründen. Obwohl endlich auch Hochschulen zu Geschlechtergerechtigkeit forschen und lehren, finden sich immer noch vehemente Widersacher_innen. Mit biologischen und historischen Thesen versuchen sie, die politisch gemachte Ungleichheit zu rechtfertigen.

So hat jüngst der Professor und Pflanzenexperte Ulrich Kutschera von der Uni Kassel von sich Reden gemacht, indem er hinter Gleichstellungspolitik und Geschlechterforschung eine quasi-religiöse Gruppierung vermutete, die entgegen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse die Gleichheit der Geschlechter behaupte.

Tasche mit Stickern gegen rechts

DBJR/rw

...deshalb so wichtig, weil Hochschulabsolvent_innen häufig...

Dies ergänzte Kutschera durch die Aussage, dass die Partner_innenwahl bei allen Menschen wie bei "Urviechern" ablaufe. Solche sexistischen Positionen sind anschlussfähig an bzw. Teil von rechte(n) Ideologien, die eine vermeintlich natürliche Geschlechterordnung postulieren. Sie unterstützen die reaktionäre Vorstellung, dass Körper und Natur Platzanweiser der Gesellschaft sind oder sein sollten.

Sich für gleiche Rechte für alle stark zu machen, heißt für uns auch, dass jegliche Diskriminierung angegangen werden muss. Die Wissenschaft soll einer gerechten, friedlichen und demokratischen Gesellschaft dienen. Dazu braucht es keine Wissenschaft, die bestehende Ungleichheit auch noch fördert, sondern eine kritisch-reflexive Wissenschaft. Sozialchauvinismus, Rassismus und Sexismus haben weder in der Gesellschaft, noch an der Hochschule irgendwas verloren.

Burschenschaften und andere rechte Gruppierungen

Bis heute bestehen studentische Verbindungen und Burschenschaften, die rechtes Gedankengut leben. Allen voran finden sich im burschenschaftlichen Dachverband Deutsche Burschenschaft stramm rechte Gedanken, die von den fast 70 Mitgliedsburschenschaften in das Hochschulleben getragen werden.

Das rechte Denken zeigt sich schon bei der Auswahl der Mitglieder: Nur Männer dürfen eintreten. Frauen werden zum schmückenden Beiwerk abgestempelt und nehmen lediglich an den fragwürdigen gesellschaftlichen Anlässen teil. Ein weiteres Aufnahmekriterium der Deutschen Burschenschaft ist das Deutschtum. Damit ist explizit nicht die Staatsbürger_innenschaft gemeint, sondern die Zugehörigkeit zum "deutschen Volkstum".

Klar, dass solch eine Zugehörigkeit nur qua Geburt erlangt werden kann. Auch nehmen viele Burschenschaften keine Kriegsdienstverweigerer auf. Viele der Traditionen in Burschenschaften sind an Hierarchie, Unterordnung und Leistungsprinzip orientiert. Bejubeln von Militär, Männlichkeit, Hierarchie und Nation? Das kennen wir aus der deutschen Geschichte und finden, dass dies einer Gesellschaft widerspricht, die auf Gleichheit und Demokratie beruhen sollte.

Straßenpfeil  rechts abbiegen durch rotes Seil durchgestrichen

photocase

...in Multiplikator_innen-Positionen aufsteigen.

Das vermeintliche Leistungsprinzip zeigt sich auch im Selbstverständnis der einzelnen Burschenschafter. Aus Burschenschaften tritt man/Mann nicht aus und versteht sich sowieso als Elite. Man(n) bleibt sich ein Leben lang verbunden, strebt möglichst einflussreiche Positionen an und trägt oben genanntes Weltbild in die Gesellschaft.

Zum Glück scheinen die Burschenschaften mit ihrem Konzept nicht mehr sonderlich viele Studenten anzulocken, auch wenn sie mit extrem günstigem Wohnraum und Gemeinschaftsangeboten um neue Mitglieder buhlen. Übrigens: Auf dem Papier bekennen sich Burschenschaften zu Demokratie und Freiheit. Doch das schriftliche Bekenntnis nach außen ist nicht viel wert, wenn im Innern Hierarchie, Sexismus und Rassismus zum Selbstverständnis gehören.

An einer Hochschule für alle haben Burschenschaften nichts verloren.

Nazis und Rechtspopulist_innen sind heute an den meisten Hochschulen unterwegs. Sie werben dort mehr oder weniger offensichtlich für ihre Ziele. Sie prägen die Diskurse in Hochschule und Gesellschaft mit und streben nach Meinungshoheit. Gewerkschafter_innen stellen sich dem entgegen und machen sich gegen Neonazismus, Rassismus, Gewalt und menschenverachtende Hetze stark.

Deshalb: Mahnen und Erinnern, Protestieren und Skandalisieren, Räume schaffen für alle!

Deshalb: Bildet euch und andere, macht den Mund auf und mischt euch ein, erobert Räume zurück und seid solidarisch mit denen, die betroffen sind. Anregungen findet ihr in den Materialien der DGB-Jugend.
 

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