Deutscher Gewerkschaftsbund

Qualitätsprüfung in der Halbzeit: Die Azubi-Ratgeberin

Das erste Ausbildungsjahr ist um – soweit hat’s geklappt. Hier kommt die "Dr. Azubi"-Checkliste, ob euer Betrieb auch in Ordnung ist.

Julia Kanzog

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog © Privat

Halbzeit: Ist mein Betrieb ausbildungsreif?
 Ausbildungsjahr eins habt ihr erfolgreich absolviert, und dass es sich bei der Ausbildung um ein Ausbildungs- und kein Arbeitsverhältnis handelt, ist euch mittlerweile klar. Doch wie sieht es in der betrieblichen Praxis aus? Der Ausbildungsreport der DGB-Jugend 2015 bestätigt, dass bei 30 Prozent der Auszubildenden die Ausbildungsqualität nicht stimmt. Fragen im "Dr. Azubi"-Forum zur Ausbildungsqualität wie: Ist das rechtens? Werden wir ausgenutzt? Darf mein Betrieb überhaupt Überstunden von uns Azubis verlangen? sind keine Seltenheit.

Stellt euren Betrieb jetzt und nicht erst kurz vor der Abschlussprüfung auf den Prüfstand, um zu erfahren, ob ihr eine qualitativ gute Ausbildung genießt und gut auf die Prüfungen und das Arbeitsleben vorbereitet werdet.

Der Ausbildungsrahmenplan
Ist der Begriff "Ausbildungsrahmenplan" ein Fremdwort für euch, dann solltet ihr jetzt gut aufpassen: Der Plan stellt den Grundstock der Ausbildung dar und legt für jeden Ausbildungsberuf genau fest, was ihr wann lernen müsst. Er sollte eurem Ausbildungsvertrag beigefügt worden sein. Seid ihr euch unsicher, ob ihr richtig ausgebildet werdet, dann nehmt auch den Rahmenplan zur Hand und vergleicht ihn mit den Inhalten im Berichtsheft.

Wie sieht es mit dem Berichtsheft aus?
 Wenn ihr jetzt das Berichtsheft aufschlagt und leere Seiten schauen euch an, dann sollten die Alarmglocken klingeln. Dort schreibt ihr täglich oder wöchentlich rein, was ihr im Betrieb gelernt habt. Es dient als Lernzielkontrolle und als wichtiger Nachweis dafür, ob ihr alle Ausbildungsinhalte erlernt.

Das Berichtsheft muss vom Betrieb kostenlos zur Verfügung gestellt, regelmäßig kontrolliert und unterschrieben werden. Und da dies ein verpflichtender Teil der Ausbildung ist, dürft ihr natürlich das Berichtsheft während der Arbeitszeit schreiben.

Werden euch Vorgänge und Arbeitsabläufe von einer qualifizierten Person erklärt? Im stillen Kämmerchen oder mit Hilfe des Internets lassen sich Abläufe und Praxisinhalte schlecht erlernen. Auch Mitauszubildende, Praktikant_innen oder Aushilfskräfte sind keine qualifizierten Ansprechpersonen, wenn es darum geht, einen Beruf zu erlernen. Daher muss jemand die Ausbildung durchführen, die oder der fachlich sowie persönlich geeignet ist und im Betrieb greifbar sein muss.

Wird die Ausbildung angepasst?
Lernfortschritte sind individuell – und deshalb ist die Ausbildung auch auf den individuellen Leistungsstand abzustimmen. Bei guten Leistungen in der Ausbildung besteht die Möglichkeit der Verkürzung. Wenn ihr mehr Unterstützung braucht, gibt es Möglichkeiten der Nachhilfe (ausbildungsbegleitende Hilfen) oder einer Verlängerung der Ausbildungszeit.

Und wie sieht es mit der Berufsschule aus?
Sie ist verpflichtender Bestandteil der Ausbildung, und ihr seid vom Betrieb für die Berufsschule freizustellen – das heißt im Klartext: Die Berufsschule geht der betrieblichen Praxis vor.

Gibt es genügend Erholungsphasen?
Übermüdet in der Berufsschule, weil ihr am Vortag bis open end gearbeitet habt? Sind Überstunden bei euch an der Tagesordnung und einen freien Tag gibt es dafür auch nicht? Das entspricht nicht dem Zweck einer Ausbildung. Die Ausbildungsinhalte können in der vorgegebenen Zeit vermittelt werden – und daher braucht es keine oder nur im Ausnahmefall Überstunden für eine qualifizierte Ausbildung. Arbeitet ihr andauernd länger, als es euer Vertrag vorschreibt, kann das ein Hinweis sein, dass ihr mehr Arbeitskraft als Auszubildende seid.

Werden Urlaubstage gewährt?
Urlaub dient der Erholung, und daher habt ihr ein Recht darauf, eure Urlaubstage im laufenden Kalenderjahr zu nehmen. Mindestens zwei Wochen Urlaub am Stück sollten in einem Jahr drin sein. Müsst ihr um euren Urlaub kämpfen oder wird er kurzfristig gestrichen oder umgelegt, dann ist das ein Zeichen für eine mangelnde Ausbildungsqualität.

Stimmt die Kohle?
Die Ausbildungsvergütungen können zwischen Branchen und Betrieben extrem schwanken. Laut Gesetz müssen sie angemessen sein, dem Alter angepasst und mindestens jährlich ansteigen. Dennoch muss sich die Vergütung, soweit es einen gültigen Tarifvertrag gibt, nach diesem richten. Sie darf die branchenübliche Vergütung nicht mehr als 20 Prozent unterschreiten, wenn der Betrieb nicht tarifgebunden ist. Kommt euer Gehalt unregelmäßig oder bleibt es sogar komplett aus, stimmt etwas nicht und ihr solltet aktiv werden. Schließlich arbeitet ihr nicht für lau.

Werde ich übernommen?
Einen gesetzlichen Übernahmeanspruch gibt es leider nicht. Dieser kann sich aber aus gültigen Tarifverträgen ergeben. Über eine Übernahme sollte der Chef in jedem Fall vor der Abschlussprüfung sprechen. Das zeigt: Der Betrieb hat Interesse an qualifiziertem Fachpersonal.

Keine gute Ausbildung?
Das hängt natürlich immer von eurer individuellen Situation ab. Je nach Fortschreiten des Ausbildungsverhältnisses rate ich, zu Beginn in der Probezeit genau hinzusehen, ob sich noch etwas ändern kann in dem Betrieb oder nicht.

Bei katastrophalen Strukturen lohnt es sich, sofort zu wechseln, ansonsten ist es sinnvoll, zunächst die Probezeit abzuwarten, um dann das Gespräch im Betrieb zu suchen. Unterstützung gibt es bei der Jugend-und Auszubildendenvertretung und bei eurer zuständigen Gewerkschaft. Auch die zuständigen Kammern haben Ausbildungsberater_innen, die dafür zuständig sind, die Betriebe zu kontrollieren. Bei Verstößen gegen die Arbeitszeit ist die zuständige Gewerbeaufsicht die richtige Anlaufstelle.

Sollte es letztlich nicht besser werden, ist ein Ausbildungsplatzwechsel sinnvoll. Kurz vor der Abschlussprüfung gilt es, Strategien zu finden, etwa durch geeignete Nachhilfe oder durch eine externe Prüfung einen erfolgreichen Abschluss zu machen.


(aus der Soli aktuell 8-9/2016, Autorin: Julia Kanzog)

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