Deutscher Gewerkschaftsbund

Gute Ausbildung? Gibt es nur ohne Überstunden! Die Azubi-Ratgeberin

Für jeden Ausbildungsberuf gibt es eine Ausbildungsordnung. Und mit dieser gesetzlichen Grundlage sollte es keine Notwendigkeit für Überstunden geben. Doch "Dr. Azubi"-Patient_innen berichten anderes…

Julia Kanzog

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog © Privat

Der Ausbildungsreport 2015 der DGB-Jugend hat gezeigt: 38,1 Prozent der Auszubildenden müssen regelmäßig Überstunden machen, und dabei kommen sie auf sage und schreibe 4,3 Überstunden pro Woche.

Dass Überstunden nicht die Ausnahme sind, zeigen auch eure Anfragen im "Dr. Azubi"-Forum. Hier schreibt ein verzweifelter Azubi:

"Überstunden sind gang und gäbe und werden erwartet, sogenannte Azubi-Meetings werden nach Feierabend angesetzt. Wochenendarbeit ist an der Tagesordnung, oft Samstag und Sonntag. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal zwei Tage hintereinander frei hatte. Ausgleichstage werden in 99 Prozent der Fälle nicht gewährt. In meinem Vertrag ist von einer 40 Stunden Woche mit acht Stunden täglich die Rede – den gesamten September über bin ich kein einziges Mal auf 'nur' 40 Stunden gekommen. Wenn man Feierabend hat und geht, folgt ein Anruf der Ausbilderin, dass man sich gefälligst mehr engagieren soll. Wozu habe ich Arbeitszeiten? Das ist doch nicht zulässig, oder?"

Was sind überhaupt Arbeitszeiten?
Alle Zeiten, die ihr im Betrieb und in der Berufsschule verbringt, sind Arbeitszeit inklusive Prüfungszeiten und Lehrgangsunterweisungen. Auch Azubi-Meetings – Lernabende, die von betrieblicher Seite aus verpflichtend sind –, gehören zur Arbeitszeit. Pausenzeiten zählen natürlich nicht dazu.

Wie lange ist eure Arbeitszeit?
Das ist in eurem Ausbildungsvertrag durch Festschreibung der täglichen und wöchentlichen Arbeitszeit geregelt – und reguliert durch die geltenden Grenzen im Jugendarbeitszeitgesetz. Gilt ein Tarifvertrag, habt ihr häufig eine geringere Wochenarbeitszeit als die gesetzlich definierte. Danach dürfen Jugendliche nicht mehr als acht Stunden täglich und 40 Stunden wöchentlich arbeiten – dem Gesetz nach können Überstunden also nur sehr schwer "entstehen".

Bei volljährigen Azubis kann die Arbeitszeit auf zehn Stunden erhöht werden, aber nur, wenn innerhalb von sechs Monaten ein Ausgleich stattfindet. Eure Arbeitszeit muss durch vorgeschriebene Pausenzeiten unterbrochen werden.

Wird die Berufsschule auf die Arbeitszeit angerechnet?
Ihr macht eine duale Berufsausbildung. Dadurch ergeben sich zwei Lernorte: Betrieb und Berufsschule. Die Zeit in der Berufsschule muss euch auf die Arbeitszeit angerechnet werden. Dabei gibt es Unterschiede: Bei Minderjährigen wird der erste Berufsschultag mit mehr als fünf Unterrichtstunden (inklusive Pausen) mit acht Stunden auf die Arbeitszeit angerechnet. Gibt es einen zweiten Berufsschultag in der Woche, wird hier die tatsächliche Zeit in der Berufsschule angerechnet, und es kann passieren, dass ihr noch in den Betrieb rein müsst. Dann gilt: Die Fahrtzeit in den Betrieb ist Arbeitszeit.

Bei Volljährigen wird die Berufsschulzeit nur angerechnet, wenn sich die Berufsschule und die reguläre Arbeitszeit überschneiden. Unterrichtsfreie Zeiten, Pausen und Wegezeiten in den Betrieb werden ebenso mitgezählt. Wenn ihr nach der Schule noch in den Betrieb müsst, dann muss mindestens noch eine halbe Stunde betriebliche Ausbildungszeit verbleiben.

Was sind Überstunden?
Werdet ihr angewiesen, über eure vertraglich festgelegte Arbeitszeit hinaus zu arbeiten, dann sind das Überstunden. Ihr seid nicht verpflichtet, Überstunden zu machen, da die tägliche Ausbildungszeit ausreichen sollte, um euch alle Ausbildungsinhalte zu vermitteln. Nur in absoluten Ausnahmefällen kann der Arbeitgeber euch dazu verpflichten, länger im Betrieb zu bleiben: Also nur dann, wenn quasi der Betrieb brennt.

Was passiert mit meinen Überstunden, wenn ich doch welche mache? Wenn ihr Überstunden macht, dann müssen euch diese in Freizeit oder in Form von zusätzlicher Vergütung ausgeglichen werden (§ 17 Berufsbildungsgesetz, BBiG). Wenn ein Tarifvertrag für euch gilt, kann es gut sein, dass ihr einen Zuschlag erhaltet. Ansonsten ist ein Freizeitausgleich meist lohnenswerter.

Und wenn ich keinen Ausgleich bekomme?
15,4 Prozent von euch Azubis warten nach den Ergebnissen des Ausbildungsreports vergeblich auf einen Ausgleich. Sammelt daher Nachweise für eure Überstunden in Form von Dienst- oder Schichtplänen. Holt euch im Betrieb Unterstützung von eurer Jugend- und Auszubildendenvertretung oder dem Betriebsrat. Um den Überstundenausgleich einzufordern, sucht das Gespräch mit eurem Ausbilder – aber natürlich erst nach der Probezeit! Dann habt ihr die Möglichkeit, die Überstunden schriftlich in Form einer Geltendmachung einzufordern. Verstößt euer Betrieb gegen das Jugendarbeitsschutz- oder Arbeitszeitgesetz, ist auch das zuständige Gewerbeaufsichtsamt in der Verantwortung, die Betriebe zu kontrollieren.

Befindet ihr euch bereits am Ende eurer Ausbildung, könnt ihr den Ausgleich auch noch im Nachhinein anmahnen; dafür braucht es aber sehr gute Nachweise.

Die BBIG-Reform auf dem Prüfstand
Die DGB-Jugend fordert eine grundlegende Reform des BBIG. Das im Jahr 1969 verabschiedete Gesetz hat eine wichtige Grundlage zur Regelung der Ausbildung geschaffen. Die letzte Novellierung unter der rot-grünen Regierung vor Jahren hat grundlegende Gewerkschaftsforderungen nicht berücksichtigt, etwa ein Recht auf Ausbildung für alle und Klärung der Finanzierung. Das Thema Weiterbildung fehlt im Gesetz komplett. Auch die Zusammenarbeit der beiden Lernorte Berufsschule und Betrieb sollte verbessert werden.

In diesem Prozess stehen natürlich auch die Regelungen zu Überstunden auf dem Prüfstand. Hier fordert die DGB-Jugend als Ergänzung zu dem § 17 Abs. 3 im BBiG ("Eine über die vereinbarte regelmäßige tägliche Ausbildungszeit hinausgehende Beschäftigung ist besonders zu vergüten oder durch entsprechende Freizeit auszugleichen"), dass es erst gar keine Beschäftigung über die vereinbarte, wöchentliche Arbeitszeit hinaus geben darf.

Somit wären Unklarheiten bezüglich möglicher Überstunden beseitigt und eine gesetzliche Verfestigung gegeben. Auch Arbeit am Wochenende sollte nur in Ausnahmefällen möglich sein.


(aus der Soli aktuell 6/2016, Autorin: Julia Kanzog)

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