Deutscher Gewerkschaftsbund

Vor und nach der Prüfung: Die Azubi-Ratgeberin

In der Praxis von "Dr. Azubi": Probleme mit dem Ausbildungsende.

Julia Kanzog

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog © Privat

Die meisten Azubis werden diesen Sommer ihre Ausbildung erfolgreich abschließen, um in das Berufsleben zu starten. Manchmal läuft es aber nicht so einfach – und manche wenden sich an unser "Dr. Azubi"-Forum. Damit ihr die Endphase eurer Ausbildung gut über die Bühne bringt, gibt es einiges zu beachten.

Annika ist im dritten Lehrjahr zur Elektrotechnikerin und hat aufgrund eines Unfalls während ihrer Ausbildungszeit viele Fehlzeiten angesammelt. Ihre Berufsschulnoten, der erste Teil der Prüfung sowie ihre betrieblichen Leistungen sind gut. Dennoch ist ihre Ausbilderin anderer Meinung und möchte sie nicht zur Prüfung anmelden. Was tun?

Yannek ist Mitglied der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) und steht kurz vor seiner Prüfung. Bis jetzt hat er noch kein Übernahmeangebot von seinem Betrieb bekommen. Er ist sich unsicher, was er machen soll.

An der Prüfung nimmt nur teil, wer auch zugelassen wurde. Die Anmeldung erfolgt bei der zuständigen Kammer, über den Betrieb. Du kannst zu deiner Prüfung zugelassen werden, wenn du die reguläre Ausbildungszeit absolviert, deine schriftlichen Ausbildungsnachweise ordnungsgemäß geführt und an der Zwischenprüfung oder am ersten Teil der Prüfung teilgenommen hast. In vielen Berufen fließt der erste Teil der Prüfung mit bis zu 40 Prozent in die Gesamtnote ein. Ob du die Prüfung bestanden hast, kann erst entschieden werden, wenn du mit beiden Teilen fertig bist. Das heißt: Auch wenn du im ersten Teil durchgefallen bist, kannst du am zweiten Teil teilnehmen, denn das Gesamtergebnis zählt.

Annika muss abwägen. Da ihre Noten – und die Berufsschullehr_innen für ein erfolgreiches Bestehen sprechen und sie schon alle ausbildungsplanrelevanten Inhalte erlernt hat, gilt es, sich für eine Zulassung einzusetzen. Nur wenn mehr als zehn Prozent der Ausbildungszeit fehlen, kann die Kammer entscheiden, ob eine Zulassung sinnvoll ist.

Und wie geht es danach weiter? Einen generellen Anspruch auf Übernahme nach der Ausbildung durch deinen Betrieb gibt es in Deutschland nicht. In einigen Fällen muss dein Betrieb dich aber dennoch weiterbeschäftigen: Yannek zum Beispiel hat einen Anspruch auf Übernahme als Mitglied der JAV. Den garantiert das Betriebsverfassungsgesetz. Diesen Übernahmeanspruch kann er frühestens drei Monate vor Ende der Ausbildung – schriftlich mit eigenhändiger Unterschrift – stellen. Wenn ein gültiger Tarifvertrag die verbindliche Übernahme vorsieht, hast du deinen festen Arbeitsplatz schon in der Tasche.

Es lohnt sich, frühzeitig eine Übernahme im Betrieb vorzubereiten. Suche freie Stellen im Betrieb heraus, überlege, warum du für diesen Job geeignet bist, stell deine Kompetenzen in den Vordergrund. Jetzt ist auch dein Verhandlungsgeschick gefragt, denn eine Übernahme macht sich immer gut im Lebenslauf.

Achtung: Ein gültiger Arbeitsvertrag kann erst sechs Monate vor Ausbildungsende schriftlich vereinbart werden.

Ist die Übernahme unsicher, sollte man sich frühzeitig auch um Alternativen kümmern – und es ist ratsam, sich rechtzeitig bei der Agentur für Arbeit zu melden. Sie unterstützt dich bei der Jobsuche und den Bewerbungen. Dein Betrieb muss dich für anstehende Bewerbungsgespräche bezahlt freistellen, wenn er dich nicht übernimmt. Um hier Probleme zu vermeiden, ist ein schriftlicher Antrag sehr hilfreich.

Wenn du nicht übernommen wirst, steht dir bereits ein qualifiziertes Zwischenzeugnis zu, das du deinen Bewerbungen beilegen kannst. Dieses wichtige Dokument solltest du in jedem Fall frühzeitig anfordern und durch eine geeignete Person prüfen lassen, damit keine versteckten Floskeln oder schlechte Bewertungen enthalten sind.

Annika hat es geschafft, eine reguläre Prüfungszulassung zu erhalten. Nun möchte ihr Chef, dass sie noch 100 Minusstunden reinarbeitet oder mit ihrem noch ausstehenden Urlaub verrechnet.

Die Ausbildung endet laut Ausbildungsvertrag mit Ablauf der Ausbildungszeit. Hat der Azubi schon vorher die Prüfung bestanden, endet sie auch vorzeitig. Genau das ist bei Annika der Fall. Sie muss also nicht mehr in den Betrieb gehen. Es handelt sich jetzt bei den noch ausstehenden Urlaubsansprüchen, eventuellen Überstunden oder Minusstunden um Abgeltungsansprüche nach dem Ausbildungsverhältnis, die nur noch in geldwerte Mittel umgerechnet werden können. Minusstunden, die dem Azubi zur Last gelegt werden können, entstehen nur, wenn er aus eigenem Verschulden von der Ausbildung ferngeblieben ist. Werdet ihr vom Betrieb früher heimgeschickt, dann liegt das nicht in eurem Ermessen. So war's auch bei Annika. Sie hat demnach noch ein Recht auf Abgeltung ihres Urlaubs. Darüber hinaus steht ihr ein wohlwollendes, qualifiziertes Ausbildungszeugnis zu.

Yannek ist durch die praktische Prüfung gefallen, das hat ihm die Kammer schriftlich mitgeteilt. Zweimal darf er noch wiederholen. Seine betriebliche Ausbildung läuft bis zum vertraglich vereinbarten Zeitpunkt weiter. Wenn er will, verlängert sich die Ausbildung in seinem Betrieb bis zu der nächstmöglichen Wiederholungsprüfung, höchstens aber um ein Jahr. Den Antrag auf die Verlängerungsfrist sollte Yannek auf jeden Fall schriftlich stellen. Wenn's für ihn weitergeht, behält er auch den Status des Azubis, kann die Berufsschule besuchen und an der Nachhilfe der Agentur für Arbeit teilnehmen, um sich noch einmal optimal auf die Wiederholungsprüfung vorzubereiten. Seinen Anspruch auf Übernahme als JAVi hat er natürlich weiterhin.


(aus der Soli aktuell 4/2016, Autorin: Julia Kanzog)

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