Deutscher Gewerkschaftsbund

Was tun bei Diskriminierung im Betrieb? Die Azubi-Ratgeberin

Kleine Zeichen können bei Benachteiligung von Migrant_innen in der Ausbildung schon große Wirkung haben. Es gibt zudem zahlreiche Möglichkeiten, sich Hilfe zu holen.

Julia Kanzog

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog © Privat

Dr. Azubi-Beraterin Julia Kanzog

Problemlage
Leider wird jungen Migrant_innen der Zugang zur dualen Ausbildung im Vergleich zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund immer noch erschwert. Diesen Sachverhalt führt der Ausbildungsreport der DGB-Jugend von 2015 zum großen Teil auf eine strukturelle Benachteiligung zurück. Das bedeutet, die jungen Leute finden aufgrund ihres tendenziell eher niedrigeren Schulabschlusses und ihres Migrationshintergrundes keine Ausbildungsstelle und ergreifen, wenn sie dennoch eine ergattern, seltener ihren Wunschberuf als Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Sie sind dann überdurchschnittlich stark in Berufen vertreten, die bei der Bewertung der Ausbildungsqualität eher schlecht abgeschnitten haben. Das betrifft z. B. jede und jeden Zweite_n, der Zahnmedizinische_r Fachangestellte_r lernt, gefolgt von der Friseurausbildung. Das zum einen.

Zum anderen: Mehr als jeder fünfte Auszubildende mit Migrationshintergrund fühlt sich in der Ausbildung aufgrund seiner Herkunft oder Staatsangehörigkeit benachteiligt.

Erste Handlungsoptionen
Was könnt ihr nun machen, wenn ihr euch während eurer Ausbildung aufgrund eurer Herkunft diskriminiert fühlt? Ich möchte euch eine Reihe an Informationen und Handlungsmöglichkeiten mit auf den Weg geben, damit ihr selbstbewusst auftreten könnt und wisst, wo ihr euch Unterstützung holen könnt.

Als erstes: Manchmal ist es dem Diskriminierenden gar nicht bewusst, welche Gefühle er bei euch auslöst, wenn er bestimmte Äußerungen tätigt. Zunächst einmal das Gespräch zu suchen, ist euer gutes Recht, und ihr solltet diesen Weg gehen. Teilt der betreffenden Person mit, warum ihr euch diskriminiert fühlt, dass ihr diese Beleidigungen und unterschwelligen Bedrohungen nicht in Kauf nehmen und gegebenenfalls weitere Schritte einleiten werdet.

Es gibt Hilfe
Möglichst früh solltet ihr euch Unterstützung holen. Macht euch kundig, ob es Kolleg_innen gibt, die Diskriminierungen nicht dulden und dem "Sprücheklopfer" entgegentreten und sich auf eure Seite stellen. Gibt es eine offene, wertschätzende Kultur in eurer Firma, kann mit der Hilfe von engagierten Mitarbeiter_innen schon viel getan werden.

Gibt es keine Kolleg_innen, die sich mit euch gemeinsam einsetzen, oder der Mobber treibt es trotzdem weiterhin auf die Spitze, dann gibt es im Betrieb immer noch weitere Instanzen, die sich um diese Angelegenheiten kümmern und als euer Sprachrohr dienen. Vorneweg seien hier die Jugend- und Auszubildendenvertretung, die JAV, und der Betriebsrat genannt.

Wird diesem eine Diskriminierung bekannt, muss er sich mit euch solidarisieren, kann die betroffenen Personen zu einem Gespräch einladen, den Fall im Betrieb bekannt machen, Personalversammlungen einberufen und als härteste Sanktion eine Entlassung von betriebsstörenden Personen verlangen. Dazu verpflichtet ihn das Betriebsverfassungsgesetz ausdrücklich: § 80 besagt, dass der Betriebsrat "die Integration ausländischer Arbeitnehmer im Betrieb und das Verständnis zwischen ihnen und den deutschen Arbeitnehmern zu fördern, sowie Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit im Betrieb zu beantragen" hat.

Gesetzliche Gleichbehandlung
Gibt es keinen Betriebsrat, dann könnt ihr euch auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) berufen und euren Arbeitgeber weiter in die Pflicht nehmen. Die gesetzliche Verankerung verbietet Diskriminierung am Arbeitsplatz – und euer Vorgesetzter muss jeder Beschwerde bei Benachteiligung wegen der ethnischen Herkunft nachgehen und dieser vorbeugen. Das AGG verlangt zudem die Ernennung eines Antidiskriminierungsbeauftragten in der Firma. Gibt es so eine interne Beschwerdestelle, ist diese natürlich auch eine Anlaufstelle für euch.

Info: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes informiert bei Benachteiligungen und klärt darüber auf, welche Rechte ihr habt und wie ihr sie durchsetzen könnt. Unter der Hotline Tel.: 030/18 555 1865 erreicht ihr fachkundige Jurist_innen. Sie vermitteln auch an Beratungsstellen vor Ort.

Vor Gericht
Quasi als letzten Schritt bleibt noch der Rechtsweg offen, und ihr könnt eure Forderung über das Arbeitsgericht einklagen. Bei Gesetzesverstößen habt ihr einen Anspruch auf Entschädigung und Schadensersatz. Allerdings gibt es eine Ausschlussfrist von zwei Monaten nach dem Diskriminierungsfall. Innerhalb dieser Frist müsst ihr die Forderung gegenüber der Person, gegen die sich der Diskriminierungsvorwurf richtet, schriftlich geltend machen. Eine solche Klage ist – klar – der letzte Schritt. Da müsst ihr aber nicht alleine durch, ihr könnt euch an eure zuständige Gewerkschaft wenden.

Was wir wollen
Die Gewerkschaften fordern eine betriebliche Antidiskriminierungspolitik, die auf Einstellungs- und Verhaltensänderungen ausgerichtet ist, speziell auch in der Ausbildung. Die momentane durch den Koalitionsvertrag vorgesehene laufende Novellierung des Berufsbildungsgesetzes soll der Diskriminierung weiter entgegenwirken. Gefordert wird eine Freistellung für Ausbilder_innen – sie sollen sich weiterbilden können. Eine Modernisierung der Ausbildereignungsverordnung ist ebenso notwendig wie eine Stärkung der Berufsbildungsausschüsse zur Qualitätssicherung! (Siehe auch den Artikel zur BBiG-Reform.)


(aus der Soli aktuell 2/2016, Autorin: Julia Kanzog)

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