Deutscher Gewerkschaftsbund

Wir sind am Scheideweg: EGB-Jugend-Präsident Tom Vrijens im Gespräch

Gewerkschaftsjugend: Tom Vrijens ist der neue Präsident der Europäischen Gewerkschaftsjugend. Soli aktuell sprach mit ihm über seine Ansichten und Vorhaben.

Tom, wie bist du in die Gewerkschaft gekommen?
Ich bin gelernter Sozialarbeiter, aber schon während des Studiums fing ich mit der Gewerkschaftsarbeit an. Die Gewerkschaften hatten eigene Schulen zur Qualifizierung der Jugendsekretäre – dort kam ich in Kontakt mit vielen Aktiven. Die Arbeitnehmerorganisationen sind gute Instrumente, um die Interessen der jungen Generation zu vertreten.

Du kommst vom christlichen Gewerkschaftsverband ACV-CSC – welchen Stellenwert hat die Jugend dort?
Seit 2010 haben wir einen besonderen Jugendaktionsplan: Unser Ziel ist es, junge Leute in unseren Strukturen zu organisieren und zu qualifizieren. Junge Arbeitnehmer und Studierende sind für die belgischen Gewerkschaften eine große und wichtige Sache. 280.000 Mitglieder sind jünger als 30 Jahre, bei 1,6 Millionen Mitgliedern insgesamt.

Belgien ist ein zerstrittenes Land – Flamen gegen Wallonen. Macht sich das auch bei der Gewerkschaftsarbeit bemerkbar?
Nein. Da passt nichts dazwischen. Da sind wir auch eine wichtige Bewegung für die nationale Einheit. Die Gewerkschaften spielen auch insofern eine große Rolle in unserer Gesellschaft, weil hier Flamen und Wallonen zusammenarbeiten.

Tom Vrijens

© EGB-Jugend

Will in jedes europäische Land reisen: EGB-Jugend-Präsident Tom Vrijens

Wirst du als EGB-Jugend-Präsident viel reisen müssen?
Für mich ist es natürlich praktisch, dass die EU-Institutionen in Brüssel sitzen. Ich möchte aber, dass die EGB-Jugend überall wahrgenommen wird. Ich will junge Arbeitnehmer und Gewerkschafter in allen europäischen Ländern besuchen, ihnen zuhören und mitbekommen, welche Erwartungen sie haben. Nach den zwei Jahren meiner Amtszeit möchte ich in jedem europäischen Land gewesen sein.

Welche Themen sind derzeit die dringendsten für dich?
An erster Stelle steht die Flüchtlingskrise – eine sehr große Herausforderung für Europa und damit auch für uns. Denn als europaweite Gewerkschaftsbewegung haben wir einen aktiven Part bei der Integration der Geflüchteten. Wir müssen dabei sein, wenn Programme für den Arbeitsmarkt entwickelt werden. In einigen Städten beträgt die Jugendarbeitslosigkeit jetzt schon zum Teil 30 Prozent.

Wie sind die Verbindungen ins politische Brüssel?
Die Arbeitskommissarin Maryanne Thyssen ist immerhin aus Belgien! Mit ihr werden wir die Folgemaßnahmen der Jugendgarantie diskutieren. Es sind, wenn überhaupt, oft nur befristete Jobs ohne Perspektive entstanden oder ein paar Praktikumsplätze. Wir treffen uns nun auch mit jungen Europa-Abgeordneten und versuchen, den Austausch mit den großen Institutionen zu verbessern.

Wie möchtest du die EGB-Jugend im EGB positionieren?
Mein Vorgänger Salvatore Marra hat sehr gute Arbeit geleistet und gute Strukturen aufgebaut, wir haben aber auch sehr viel inhaltlich gearbeitet. Es gab die Aktivitäten rund um die Jugendgarantie, die Konferenzen mit Hilfe des DGB und der Friedrich-Ebert-Stiftung. Prozesse wie diese möchte ich gern institutionalisieren. Wir sind sehr präsent gewesen, aber dies muss auch so bleiben. Junge Arbeitnehmer sollen sehen, was wir tun. Wir benötigen auch mehr Treffen mit den nationalen Gewerkschaftsjugenden, um unsere Positionen zu formulieren. Und wir müssen sie im EGB deutlicher platzieren. Eigentlich brauchen wir einen europäischen youth trade unionism, eine europäische Jugendgewerkschaftlichkeit: wo die Aktiven alle dieselbe Qualifizierung haben und dasselbe Wissen über Europa und seine Institutionen. Damit könnten wir uns eine sehr schöne Organisation aufbauen!

Wie bewertest du denn das Engagement der DGB-Jugend?
Die DGB-Jugend ist mit ihrem Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller sehr sichtbar gewesen, indem sie Kampagnen zu Europathemen wie etwa der Prekarität angeschoben hat. Sie hat mit dem alternativen Jugendgipfel viel Dynamik in unsere Anliegen gebracht, aber auch bei Themen wie Flucht und TTIP. Es ist nicht immer einfach, in Europa zu diskutieren – ein deutscher und ein griechischer Jugendlicher müssen nicht unbedingt gleiche Ansichten haben, denk nur mal an die Finanzkrise. Die DGB-Jugend investiert hier eine Menge, sie ist eine sehr starke Stimme.

"Eigentlich brauchen wir einen europäischen youth trade unionism, eine europäische Jugendgewerkschaftlichkeit."

Da würde sich doch eine große gemeinsame Kampagne dieses Jahr anbieten…
Das diskutieren wir derzeit. In dem Sinne: Was soll auf die Jugendgarantie folgen, was sind gute Beispiele für die Umsetzung? Auch ein Thema: 2018 wird in Europa gewählt – wie können wir da unsere Positionen einbringen? Stoff gibt es genug, und wir werden hier nach und nach eine Kampagne aufbauen. Kommunikation ist ganz wichtig, auch öffentlichkeitswirksam über die sozialen Netzwerke. Da kann auch das Interview einer deutschen Gewerkschaftszeitung mit dem belgischen EGB-Jugend-Präsidenten hilfreich sein!

Ein Blick in die Zukunft: Wo soll die EGB-Jugend in zehn Jahren stehen?
Wir sind jetzt schon am Scheideweg: Als Gewerkschaftsbewegung müssen wir in junge Leute investieren, sie überzeugen, bei uns mitzumachen. Wir müssen ihnen nahebringen, warum wir wichtig sind. Überall in Europa. Wir müssen für gute Tarifabschlüsse sorgen, unsere Werte und Rechte verteidigen – selbst das Streikrecht ist derzeit unter Beschuss! Wenn wir das nicht schaffen, haben wir bald keine Mitglieder und auch keine Gewerkschaftsbewegung mehr. Ich fürchte, die Zukunft hat jetzt schon angefangen.

Und, wird Belgien die Europameisterschaft gewinnen?
Laut Fifa-Liste sind wir ja die Favoriten. Das Schöne am Fußball ist, dass jeder gewinnen kann.

Vielleicht brauchen wir mal ein europäisches Fußballturnier der Gewerkschaftsjugenden…
Ich schlage das mal vor, beim nächsten Meeting. Aber ich fürchte: Auch da werden die Belgier gewinnen!

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Tom Vrijens, EGB-Jugend-Präsident
Sozialarbeiter Tom Vrijens, 30, ist der neue Präsident der EGB-Jugend. Er löst Salvatore Marra ab. Tom kommt vom belgischen Gewerkschaftsverband ACV-CSC, ist dort seit 2010 Gewerkschaftssekretär im Jugendbereich. Er gehört dem EGB-Jugend-Vorstand seit 2013 an. Er sagt: "Die jungen Menschen in Europa sind die neuen Armen. Über 30 Prozent von ihnen sind von Armut und sozialem Ausschluss bedroht."


(aus der Soli aktuell 2/2016, Autorin: Soli aktuell)

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