Deutscher Gewerkschaftsbund

Auftrag: #Nie wieder Auschwitz

Gedenkkultur: Wie es ist, als junger Gewerkschafter in die Gedenkstätte Auschwitz zu fahren und wieder zurückzukommen, sagt Nico Becks von der IG BCE-Jugend.

Gedenkkultur steht dieses Jahr groß auf der Agenda der DGB-Jugend. Ein erster Meilenstein war die Fahrt zur Gedenkveranstaltung in Auschwitz. Mit welchen Motiven bist du dort hingefahren?
Ich hatte viel über das Konzentrationslager Auschwitz gehört und gelesen. Ich wollte mir selber einen Eindruck verschaffen, wie es in der Gedenkstätte ist und welche grausamen Bedingungen dort zu Zeiten des Nationalsozialismus herrschten. Nicht nur aus Medien, sondern hautnah. Anderthalb Millionen Menschen wurden in Auschwitz ermordet – ich wollte, dass die ganzen Zahlen, von denen ich gelesen hatte, zu Gesichtern werden.

Warst du das erste Mal in Auschwitz?
Das war überhaupt das erste Mal, dass ich eine Gedenkstätte aufgesucht habe!

Welche Berührungspunkte hast du selbst mit der Zeit des Nationalsozialismus? Inwiefern spielte die eigene Familiengeschichte in der Gruppe eine Rolle?
Ich selber bin ohne Vorurteile gegen andere aufgewachsen. Mein Vater hat auf dem Bergwerk gelernt und mir immer mitgegeben, dass es egal ist, welche Nationalität man hat und es immer auf den einzelnen Menschen ankommt. Mir ist aber eines immer aufgefallen: Wenn man mir von damals erzählte, sprachen alle irgendwie anders – sie redeten, waren aber trotzdem schweigsam. Nicht jeder mochte Auskunft geben, was konkret geschehen war… Und so stelle ich mir seit dem Besuch der Gedenkstätte immer wieder eine Frage: Wie kann ein Mensch zum Unmensch werden?

Viele Infos prasseln heutzutage auf Jugendliche ein. Wie verhindert man, dass wichtige Dinge bedeutungslos werden?
Das wird eine zentrale Aufgabe des Bündnisses sein, mit dem ich unterwegs war. Sicher ist: Wir müssen auf vielen Ebenen immer wieder erinnern und gedenken. Wir haben keine Schuld für das, was vor über 70 Jahren passiert ist. Aber wir haben sie, wenn es noch mal zu so etwas wie Auschwitz kommt. Und das darf eben nie wieder passieren.

Ihr seid im Bündnis mit anderen Jugendverbänden gefahren – eine gute Idee?
Ja. Die Arbeit im Bündnis verlief hervorragend. Wir haben es geschafft, gemeinsam für eine gute Sache einzustehen. Wir waren zwar nach den Logos unserer Verbände getrennt, jedoch in der Sache vereint. Mit dem nun deutlich breiteren Kreuz durch dieses Bündnis und dem sehr guten Start wird der Auftrag "#Nie wieder Auschwitz" deutlich einfacher.

Wird die Fahrt Auswirkungen haben auf den Stellenwert der Gedenkkultur in der Gewerkschaftsjugend?
Ob sie den Stellenwert innerhalb der Gewerkschaftsjugend verändern wird, das liegt bei denen, die mitgefahren sind – uns! Für mich ist der Stellenwert dieses Engagements auf der To-Do-Liste ganz klar weiter nach oben geklettert. Wenn du etwas darüber erfahren willst, was in Auschwitz passiert ist, reicht es nicht, Bücher zu lesen und Filme zu schauen. Das muss besucht und gesehen werden. Nur so kann man vielleicht einen kleinen Eindruck davon gewinnen, was es damals hieß: ein Jude in Europa zu sein.

Welche Aufgabe hat die Gewerkschaftsjugend also in Sachen historischer Nationalsozialismus?
Die Gewerkschaften hatten viele Opfer zu Zeiten des Nationalsozialismus zu beklagen. Schon deshalb dürfen sie nicht müde werden im Kampf gegen den Faschismus. Wir müssen uns immer und überall für die Demokratie einsetzen und sie auch selbst vorleben. Die Gedenkstättenfahrt war für mich ein Riesen-Motivationsschub, um genau diese Arbeit noch mehr zu intensivieren. Wir haben als IG BCE für unser jährliches Jugendforum in Berlin-Kagel das Thema "Gedenken" auf die Agenda gesetzt. Dort werde ich meine Eindrücke von der Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz schildern und für das Engagement gegen rechts werben.

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Der Jugendvertreter
Nico Becks, 28, aus Mülheim an der Ruhr hat 2006 seine Ausbildung zum Chemikanten bei Evonik beendet und arbeitet seitdem dort in seinem Beruf. Er kam früh zur Mitbestimmung – erst in der Jugend- und Auszubildendenvertretung, inzwischen ist er stellvertretender Betriebsrat. Nico ist stellvertretender Vorsitzender der IG BCE-Jugend. 2013 erhielt er den Emil–Rentmeister-Preis der DGB-Jugend Duisburg für gewerkschaftliches Engagement in Betrieb und Gesellschaft.

Das Jugendbündnis
Anlässlich des Gedenktages am 27. Januar ist die DGB-Jugend mit 60 Mitgliedern eines breit angelegten Zusammenschlusses von Jugendorganisationen nach Auschwitz gefahren. Zu dem von der Gewerkschaftsjugend initiierten Jugendbündnis gehören: Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), Jusos in der SPD, Naturfreunde¬jugend Deutschland, SJD – Die Falken, linksjugend ['solid], Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej), Jugendwerk der AWO, Grüne Jugend, DIDF, Österreichische Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) und der israelische Gewerkschaftsbund sowie die israelische Gewerkschaftsjugend (Histadrut und HaNoar HaOved VeHaLomed).


(aus der Soli aktuell 3/2015, Autorin: Soli aktuell)