Deutscher Gewerkschaftsbund

Wer, wenn nicht wir? Auschwitz - Das Gedenken im Bündnis

Mirjam Blumenthal über gemeinsame Fahrten von Jugendverbänden und die Zukunft des Gedenkens.

Die DGB-Jugend hat in Kooperation mit anderen Jugendverbänden an der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Auschwitzbefreiung teilgenommen. Welche Zielsetzung stand im Zentrum der Fahrt?
Das Erinnern und Gedenken an Auschwitz für uns als junge Generation. Der DGB-Bundesjugendausschuss hatte beschlossen, im Bündnis zu fahren, um eine breite Öffentlichkeit herzustellen. Das geht am besten verbandsübergreifend.

Ist dieses Konzept aufgegangen?
Wir haben hervorragend zusammengearbeitet. Durch die Vielzahl der unterschiedlichen Herangehensweisen in den Verbänden ist es gelungen, uns für unsere Arbeit konzeptionell breit aufzustellen. Außerdem lösten sich vermeintliche Vorurteile gegenüber anderen Verbänden endlich auf. Ein Satz ist mir zum Beispiel über den BDKJ in Erinnerung geblieben: "Ich wusste ja gar nicht, dass ihr so antifamäßig unterwegs seid." Über uns heißt es schon mal: "Na, da kommen die sogenannten Betriebsjugendlichen, die nur Saufen im Kopf haben." Damit haben jetzt alle untereinander aufgeräumt. Wichtig ist, dass die Spitzen der jeweiligen Verbände gemeinsam schauen, wo die Eckpunkte der Zusammenarbeit sind, wo wir gemeinsam ansetzen für die ganz konkrete und praktische Umsetzung unserer Erfahrungen vor Ort.

Wie war das für die Teilnehmer, wie hat die Fahrt auf die gewirkt?
Viele waren das erste Mal in einer KZ-Gedenkstätte. Auschwitz ist sowieso noch mal eine besondere emotionale Angelegenheit. Das zu formulieren und in Diskussionen umzusetzen, ist eine besondere Aufgabe. Im Zentrum steht ja immer: Wie konnte dieser unvergleichbare Akt der Barbarei durch Menschen überhaupt passieren? Daran anschließend wurde diskutiert, welche Aufgabe die junge Generation dabei hat.

Mit welchem Ergebnis?
Eine der ersten Adressen für die Auseinandersetzung ist die Schule. Der Tenor in unseren Arbeitsgruppen: Was dort passiert, reicht bei weitem nicht. Nur wenigen Bildungseinrichtungen gelingt ein intelligenter Zugang mit dem Ansatz der Demokratie und Menschenrechtsbildung in und mit einer Migrationsgesellschaft. Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben, die uns persönlich berichten können. Trotzdem bleibt der biografische Ansatz wichtig. Hier gilt es, bewährte Ansätze zu übernehmen und auch mutig neue auszuprobieren.

Wie lässt sich dennoch – aus gewerkschaftlicher Perspektive – die Erinnerung an die Shoah im Bewusstsein halten? Wir können dann nur Bild- und Textarchive nutzen. Wir müssen es schaffen, diese Erinnerungen auch in Gedenken an die Menschen, die sie erlebt haben, weiterzugeben. Selbstkritisch müssen wir rechte Tendenzen in unseren eigenen Organisationen suchen, aufdecken und ihnen mutig entgegentreten. Das haben wir bei unserer politischen Bildungsarbeit auf allen Ebenen mitzudenken. Schulische, studentische und betriebliche Interessenvertretungen sind ja wichtige Multiplikatoren. Es ist unsere Aufgabe, die Menschen dort zu befähigen, klare Positionen zu formulieren und danach zu handeln.

Wie haben die Gedenkfeierlichkeiten auf dich gewirkt – viele Staatschefs waren ja da…
…Und ich würde mir wünschen, die würden sich nicht nur zu runden Jahren die Klinke in die Hand geben. Die sollen in ihren Ländern endlich ernsthaft, entschieden und kompetent umsetzen, was sie in Auschwitz an mahnenden Worten mitbekommen haben. Das waren ja sehr berührende, mutige Reden. Es kann nicht sein, dass – siehe Paris, Berlin, London – junge Menschen mit jüdischem Glauben wieder überlegen müssen, ob sie auswandern aus Europa. Weil sie mit einem Antisemitismus konfrontiert sind, dem staatlich und zivilgesellschaftlich nicht genug entgegengetreten wird. Ich bin zutiefst beeindruckt über die Stärke all jener Zeitzeugen, die da waren – einige konnten leider aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein. Aber allen gebührt unser Dank, dass sie sich immer noch engagieren, dass sie uns erinnern und mahnen, mit zum Teil unglaublicher Geduld. Das beeindruckt mich und ich wünsche mir, dass wir als Gewerkschaftsjugend dies als Vorbild und als Auftrag nehmen.

Sollte man öfters mit anderen Jugendverbänden Fahrten organisieren?
Ja. Die jetzt erworbenen Kompetenzen werden die verschiedenen Verbände miteinander nutzen. Bündnisarbeit ist schwierig, aber gibt ganz viel. Sie hat einen Mehrwert, der allen zu Gute kommt. Organisationsgrenzen verschwimmen hier. Und wir setzen die wichtigste Forderung um: Dass Auschwitz nie wieder sei.


Mirjam Blumenthal ist DGB-Jugend-Referentin. Die Bündnisfahrt hat sie maßgeblich mitorganisiert.


(aus der Soli aktuell 2/2015, Autorin: Soli aktuell)