Deutscher Gewerkschaftsbund

In Frieden leben - Geht das? Besuch in Kiew

Eigentlich wollte ich in der Ukraine nur einen Freund besuchen. Impressionen aus einem Land vor dem und im Krieg. Von Christian Beck

Als ich vor einiger Zeit in Kiew angekommen bin, war der Maidan noch immer gesäumt mit Barrikadenresten, Zelten und Gedenkorten. Einige gedenken dort Menschen, die bei den Protesten ums Leben kamen. Andere patrouillieren stolz in Uniform über den Platz. Eine Funktion haben sie wohl nicht. Aber es scheint gerade "in" zu sein, Tarnfleck und selbstdesignte Abzeichen zu tragen. Das kenne ich von meinen Besuchen in Russland vor Jahren. Man trifft auf Angehörige des "Rechten Sektors", aber auch auf ganz normale Studenten, Mütter, Väter und Gewerkschafter. Ein buntes Treiben auf einem Platz und einer Hauptverkehrsader, das eher an ein revolutionäres Volksfest erinnert.

Das Gewerkschaftshaus war bei meinem letzten Besuch vor zwei Jahren durch große LCD-Tafeln hell erleuchtet. Seit dem Brandanschlag im Frühjahr baumelt noch immer die verkohlte Weihnachtsdeko im Wind. Das Gebäude ist ein Totalschaden – Menschen sind ums Leben gekommen.

Irgendwie wirkt das auf mich gespenstisch. Dieses bunte Treiben an einem so dramatischen Ort – und im Hintergrund dieses graue, vom Feuerqualm schwarz gezeichnete Gewerkschaftshaus. Der Anschlag wurde den Sicherheitskräften der Regierung von Viktor Janukowitsch zugeschrieben. Das Haus soll wieder aufgebaut werden; ohne Spenden wird das nicht gehen.

Die Menschen hoffen auf ein besseres Land. Vergleiche werden angestellt, wie viele Kilometer Autobahnen es in der Ukraine und der EU gibt. Gleiches habe ich von den Menschen aus dem Osten des Landes gehört. Auch sie versprechen sich eine bessere Zukunft. Die Menschen in den Fabriken fürchten um ihre Jobs.

Ich habe intensive Gespräche mit Gewerkschaftern aus Kiew und der Donbass-Region geführt. Freundliche Gespräche. Die Alltagsprobleme der Beschäftigten gehen sie noch immer zusammen an. "Eigentlich wollen wir nur in Frieden leben", sagen sie. Trotzdem werfen die Konflikte ihre Schatten voraus.

Auf die Frage, ob es zum Krieg mit Russland kommen kann, sagt mein Bekannter, er hoffe es nicht. Allerdings fänden Charity-Galas statt, um für die Armee Uniformen und Waffen zu beschaffen. Wirkliche Chancen auf einen Sieg rechnet sich hier freilich niemand aus. Aber mit einem Krieg rechnen, das tun offensichtlich weniger Ukrainer als Politiker. Beruhigend. Trotzdem klingt das nicht nach Entwarnung. Vor knapp zwei Jahren wurde in der Ukraine noch die Fußball-Europameisterschaft ausgetragen. Jetzt nehmen gerade Politiker das Wort "Krieg" wie selbstverständlich in den Mund. Erschreckend.

In den Gesprächen mit Menschen aus Ost und West wird bald klar: Jeder wirft jedem etwas vor. Aber auch das fällt auf: Wirklich umfassend informiert sind die wenigsten. Weder in Deutschland, noch in der Ukraine – weder im Westen, noch im Osten. Der Vorwurf, dass alle Unterstützer der Maidan-Proteste, der Übergangsregierung oder der Wahlen im Mai Faschisten seien, ist für die Betroffenen mehr als verletzend. Unsere Leitmedien, aber auch die aus dem linken Lager, sind wohl leider nicht immer so reflektiert und neutral, wie sie gerne behaupten. Das zeigen mir die Gespräche mit den Gewerkschaftern aus Ost und West. Vermutlich lassen sich die Ereignisse hier auch nicht in wenigen Schlagsätzen auf den Punkt bringen.

Eine wirklich linke Opposition gibt es indes nicht. Auch, weil diese unter Viktor Janukowitsch deutlich mehr Repressionen ausgesetzt war als die Rechten. Einer der Gründe mag sein, dass man damit die Opposition generell mit Rechten gleichsetzen konnte. Eine gute Strategie, um Reformen und die Stärkung oppositioneller Kräfte gesamtgesellschaftlich zu verhindern.

Auch Gewerkschaften sind noch nicht so weit, dass sie einen umfassenden Plan für einen Neubau der Ukraine hätten. Bei den aktuellen Entwicklungen im Osten sind auch Gewerkschafter beteiligt – auf beiden Seiten. Zum Zeitpunkt meines Besuchs waren diese Entwicklungen sicherlich abzusehen. Daran geglaubt haben aber nicht viele. Doch während es keine linke, gestaltende Opposition gibt – auch nicht im Osten des Landes –, stehen wichtige Entscheidungen an. Meine Gesprächspartner sagen, es brauche dringend Geld von internationalen Partnern. Aber auch den eher Europa Zugeneigten ist klar, dass die Konditionen des Internationalen Währungsfonds für Hilfe brutal sind. Mit Blick auf Griechenland fürchten sie für die Ukraine und deren inneren Frieden das Schlimmste. Hilfe aus Russland erwarten nur diejenigen aus dem Osten des Landes. Aber wie sie aussehen kann, wissen sie auch nicht. Keine wirklich guten Voraussetzungen für ein geeintes Land.

Die Situation ist also nicht so eindeutig, wie wir es gerne hätten. Vorschnelle Urteile, plumpes Nachplappern von Berichterstattungen oder das Verfallen in alte Muster sollte man also tunlichst vermeiden.


Christian Beck war bis Juli 2014 IG BAU-Bundesjugendsekretär.


(aus der Soli 8-9/14, Autor: Christian Beck)