Deutscher Gewerkschaftsbund

Wichtige Wechselbeziehungen

Gedenkkultur – die Forschung: Jüdische Vielfalt in der historischen Arbeiterbewegung. Das Ludwig Rosenberg Kolleg.

Judentum und Arbeiterbewegung
Die Hans-Böckler-Stiftung (HBS) und das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, ein An-Institut der Universität Potsdam, haben dieses Jahr das Ludwig Rosenberg Graduierten-Kolleg eingerichtet, in dem Nachwuchswissenschaftler_innen über historische Bezüge zwischen Judentum und Arbeiterbewegung forschen. Die Promovierenden leisten einen Beitrag zur heterogenen Darstellung der jüdischen Geschichte, der Geschichte der Arbeiterbewegung und ihrer Beziehungen. Thematisch beschäftigen sie sich mit einzelnen Persönlichkeiten, den unterschiedlichen Wechselverhältnissen zwischen jüdischen Bewegungen und der Arbeiterbewegung, im Allgemeinen und in einzelnen Nationalstaaten. Mit dem Antisemitismus – aber auch mit jüdisch-sozialistischen Migrationsbewegungen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts.

Untersuchungsobjekt Literatur
"Wie kommst du nur dazu, die wilden Ostjuden hierher zu bringen. (…) Das sind doch alles ungezügelte Fanatiker. (…) Sie sind fromm – ist der Himmel offen; verschaffen sie sich Bildung – werden sie zu gefährlichen Atheisten, Revolutionären, Umstürzlern. Du hast es doch selbst gesagt. Die Hunderte russisch-jüdischen Studenten hier sind alle Atheisten, Sozialisten – und ihre Väter in Russland mit den frommen, ungekämmten Bärten können es nicht verstehen…"

In dem in den 1920er Jahren auf Jiddisch veröffentlichten Roman "Grenadierstraße" beschreibt der osteuropäische Jude Fischl Schneersohn Begegnungen zwischen Ost und West, zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Bewohner_innen der Großstadt Berlin. Der Autor spielt mit Klischees und Vorurteilen, die in dieser Zeit stark verbreitet waren und teilweise noch bis heute existieren. Das fiktive Roman-Zitat wirft zentrale Fragen nach dem Umgang mit dem vermeintlich Fremden und den raschen Veränderungen Europas zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf. Derartige Arbeiten stehen im Mittelpunkt der Forschungen von ver.di-Mitglied Jakob Stürmann, der eines der ersten drei Stipendien erhalten hat. Die Promotionsförderungen sind zum April 2014 vergeben worden.

Namensgeber Ludwig Rosenberg
Das Ludwig Rosenberg Kolleg hat sich zur Aufgabe gemacht, die Verbindungen zwischen Judentum und Arbeiterbewegung genauer zu analysieren. Bis zu acht Promovierende des von dem gewerkschaftsnahen Begabtenförderwerk der HBS finanzierten Kollegs setzen sich in Fallstudien mit den Wechselbeziehungen zwischen Judentum und Arbeiterbewegung auseinander und geben so einen Anstoß zu weiterer wissenschaftlicher Forschung.

Benannt ist das Kolleg nach einem bekannten Gewerkschafter und Sozialdemokraten der Zwischen- und Nachkriegszeit. Ludwig Rosenberg, 1903 in Berlin geboren und in der Weimarer Republik politisiert, floh 1933 nach Großbritannien und kehrte 1946 auf Wunsch des Gewerkschaftsführers Hans Böckler nach Deutschland zurück.

Rosenberg war einer der wenigen Juden in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte, die eine gesellschaftliche Spitzenposition innehatten: Von 1949 bis 1969 ununterbrochen Mitglied des DGB-Bundesvorstandes, war er ab 1962 dessen Vorsitzender. In seine Amtszeit fiel das DGB-Grundsatzprogramm von 1963, in dem die soziale Marktwirtschaft anerkannt und eine Abkehr von klassentheoretischen Positionen beschlossen wurde, während die Gewerkschaften sich verstärkt der Bildungspolitik zuwandten. Rosenberg trug maßgeblich zur internationalen Öffnung und Vernetzung der bundesdeutschen Gewerkschaften, auch gegenüber Israel, bei.

Theoriehistorische Studien
In einem weiteren Dissertationsvorhaben befasst sich Konstantin Baehrens, wie Stürmann Mitglied bei ver.di, mit verschiedenen Theorien von Philosophen jüdischer Herkunft, deren zeitgenössische Studien zur nationalsozialistischen Ideologie ebenso unterschiedlich ausfielen wie ihre Positionierungen zur Arbeiterbewegung. Interessant ist dabei, welchen Stellenwert sie jeweils dem nationalsozialistischen Antisemitismus zumaßen. Im Fokus steht die Entwicklung der systematisch-historischen Theorie von Georg Lukács, die, wie er im Gespräch mit dem bekannten Soziologen und Gewerkschafter Leo Kofler formulierte, zu "unserem Kampf gegen die Manipulation" und "um ein sinnvolles Leben" beitragen sollte.

Markus Börner, langjähriger Teamer im Netzwerk für Demokratie und Courage, widmet sich den so umstrittenen wie herausragenden politischen Theoretikerinnen Hannah Arendt und Rosa Luxemburg. Arendt fühlte sich Luxemburg bis zur persönlichen Identifikation verbunden, wird aber auf Grund ihres Buches zum Totalitarismus häufig in die Nähe von konservativem Gedankengut gerückt. Die Arbeit macht es sich zur Aufgabe, diese in Frage zu stellende Kategorisierung durch die Rekonstruktion bisher vernachlässigter Denkpunkte in Arendts vielschichtigem Werk ideen- und begriffsgeschichtlich zu überprüfen. Eine wichtige Stütze wird dabei die kulturhistorische Betrachtung der jeweiligen Herkunftsmilieus bilden.


Konstantin Baehrens, Markus Börner, Jakob Stürmann


Infos zum Kolleg: www.mmz-potsdam.de/ludwig-rosenberg-kolleg.html


(aus der Soli 8-9/14, Autoren: Konstantin Baehrens, Markus Börner, Jakob Stürmann)


(Geändert am 8. September 2014)


Nie vergessen
Soli aktuell-Reihe: Der Gedenktag am 27. Januar 2015.

Der DGB-Bundesjugendausschuss hat beschlossen, dass die Gewerkschaftsjugend um den 27. Januar 2015 anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau dort eine Gedenkveranstaltung durchführt. Das Ziel: die Erinnerung an die Opfer zu erhalten. Wir stellen dazu verschiedene Ansätze und Aktivitäten der Gedenkkultur vor.