Deutscher Gewerkschaftsbund

Brauchen wir neue Formen der Erinnerung?

Gedenkkultur: Mit einer Fachtagung für Multiplikator_innen geht die DGB-Jugend NRW der Frage nach, wie Erinnern im 21. Jahrhundert geht. Von Marc Neumann

Gibt es im 21. Jahrhundert – 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, nunmehr veränderte Bedingungen für das Erinnern und Gedenken? Stoßen wir mit der tradierten Erinnerungskultur, die häufig aus der Perspektive und mit der Zielgruppe der Täter-Nachfolgegenerationen auftritt, in einer Migrationsgesellschaft an Grenzen? Berücksichtigen wir damit die Narrative aller? Schließlich leben inzwischen viele Menschen in Deutschland, deren Vorfahren vor zwei, drei Generationen entweder gar nicht mit der Shoah, mit den nationalsozialistischen Verbrechen in Berührung gekommen sind bzw. selbst zum Opfer nationalsozialistischer Verfolgungs- und Vernichtungspolitik wurden.

Oder aber: Zementieren wir bereits mit dieser Fragestellung eher Differenz und treffen Zuschreibungen, die Menschen mit Migrationshintergrund in die Ecke des anderen, des Fremden stellen?

In diesem Spannungsfeld bewegen sich unsere Bildungsangebote. Mit einer Fachtagung für Multiplikator_innen will die DGB-Jugend gemeinsam mit der Auslandsgesellschaft in Nordrhein-Westfalen diesen Fragen nachgehen. Am 29. August 2014 werden Expert_innen aus Gedenkstätten und zivilgesellschaftlichen Initiativen pädagogische Konzepte gegen Antisemitismus und Rassismus vorstellen. Auch der Arbeitskreis NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen ist vertreten. Das Dokumentationszentrum und Museum über Migration in Deutschland beschäftigt sich im schulischen Kontext mit "Erinnerung in der multikulturellen Gesellschaft".

Seit vielen Jahren arbeitet die DGB-Jugend NRW mit der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus zusammen, die sich mit dem Thema Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft beschäftigt. Das Berliner Projekt "7 x jung" wiederum setzt einen lebensweltlichen Zugang für Jugendliche gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Antisemitismus um. Mit der International School for Holocaust Studies ist die Gedenk- und Forschungsstätte Yad Va­shem bei der Tagung zu Besuch – ihre Ver­tre­ter_in­nen gehen der Frage nach, wie das Thema Holocaust in der Erziehung im 21. Jahrhundert aufgestellt sein soll.

Die Fachtagung ist eingebettet in das Jubiläumsjahr zum 40. Jahrestag der Partnerschaft des DGB NRW mit der Histadrut Tel Aviv-Yafo, dem israelischen Gewerkschaftsverband. Die ersten Kontakte gab es schon 1961, als eine Gewerkschaftsjugenddelegation aus Solingen und Remscheid den damals langen Weg per Nachtzug und Flug ab Athen nach Israel antrat – und bei der Histadrut "undercover" unterwegs war. Offizielle Beziehungen waren damals noch undenkbar, schon gar nicht in deutscher Sprache. Aus diesen Kontakten entwickelte sich später aber eine offizielle Partnerschaft, die auch in schwierigen Zeiten mit Leben gefüllt wurde, und aus der auch das bis in die Gegenwart angebotene historisch-politische Seminar hervorging. Die DGB-Jugend war damals dem "Nie wieder!" verpflichtet – sie ist es bis heute.


Marc Neumann ist Pädagogischer ­Leiter der DGB-Jugend NRW im ­Jugendbildungszentrum Hattingen.


29. August 2014. 10 bis 16 Uhr, Rathaus Dortmund, Friedensplatz 1, 44135 Dortmund. Die Teilnahme ist kostenlos und steht allen Interessierten offen. Anmeldungen: E-Mail: info@nrwisrael.de. Inhaltliche Informationen: E-Mail: marc.neumann@dgb.de


(aus der Soli 7/14, Autor: Marc Neumann)

Nie vergessen
Soli aktuell-Reihe: Der Gedenktag am 27. Januar 2015.

Der DGB-Bundesjugendausschuss hat beschlossen, dass die Gewerkschaftsjugend um den 27. Januar 2015 anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau dort eine Gedenkveranstaltung durchführt. Das Ziel: die Erinnerung an die Opfer zu erhalten. Wir stellen dazu verschiedene Ansätze und Aktivitäten der Gedenkkultur vor.