Deutscher Gewerkschaftsbund

Zwischen den Tropfen laufen

Gedenkkultur: Die DGB-Jugend Südwestfalen berichtet über ihre Gedenkstättenfahrt nach Dachau. Von Christian Begass

Das Eingangstor am einstigen Jourhaus eröffnet Blick und Weg auf das Gelände des Konzentrationslagers Dachau. Jahr für Jahr machen sich inzwischen Besucherinnen und Besucher aus aller Welt in wachsender Zahl auf diesen Weg in die KZ-Gedenkstätte, nutzen die Dokumentations-, Informations- und Gedenkmöglichkeiten des historischen Ortes.

Mit diesem Platz der Erinnerung an das Mordsystem befassen sich auch junge Menschen der DGB-Jugend Südwestfalen. Uns ist daran gelegen, auch heute noch, nach den vielen Jahrzehnten, deutlich zu machen, wie wichtig es ist, sich rechtzeitig der Unmenschlichkeit entgegenzustellen.

Die Gewerkschaftsjugend sieht sich als Teil einer Organisation, deren Mitglieder in Dachau inhaftiert, schikaniert und ermordet wurden, dem "Nie wieder" besonders verpflichtet. Am Anfang stehen eine Einführung in die Geschichte der Gedenkstätte und ein Rundgang sowie Besuch der Ausstellung auf dem ehemaligen Lagergelände. Besonders bewegend: die Darstellung medizinischer Versuche. Neben politischen Häftlingen waren in Dachau weitere von den Nazis klassifizierte Häftlingsgruppen unmenschlichen Quälereien ausgesetzt: Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Asoziale, Kriminelle… Eine GEW-Kollegin erzählt: "Mein Ur-Opa war auch im KZ. Meine Oma hofft, dass es im Archiv weitere Erkenntnisse gibt." Aber bald besteht Gewissheit: In Dachau war er nicht. Die Suche geht weiter.

Der wohl tiefgreifendste Moment der Gedenkstättenfahrt: der Bericht des Abba Naor. Mit 13 Jahren begann der Leidensweg des litauischen Zeitzeugen in Ghetto und Konzentrationslager. Mehrere Familienmitglieder wurden von den Nazis erschossen, sein jüngerer Bruder und die Mutter in Auschwitz vergast. Er leistet härteste Zwangsarbeit. Dass er überlebt habe, sei nur Zufall: Nicht aufzufallen sei sehr wichtig gewesen. Eine schiefe Mütze, zu dreckige oder zu saubere Schuhe konnten den Tod bedeuten. Naor sagt: "Wir haben sehr schnell gelernt, bei Regen zwischen den Tropfen zu laufen."

Nach neun Tagen Todesmarsch in Richtung Dachau und ins Oberland befreien amerikanische Soldaten ihn und die verbliebenen Mithäftlinge. Bei den GIs soll er seinen Vater wiedertreffen. Abba Naor sagt: "Das Lager ist bis heute in mir." In diesem Bewusstsein warnt er davor, heutigen Nazis ins Netz zu gehen. Umso fassungsloser zeigen sich die jungen Leute über die Tatsache, dass auf dem ehemaligen SS-Gelände heute wieder patrouilliert und geschossen wird. Ein junger Gewerkschafter ist empört: "In den ehemaligen Villen der Mörder sitzt heute die Bereitschaftspolizei. Obwohl eine Aufarbeitung vor Ort für die Geschichte so wichtig wäre, erhalten Besucher keinen Zugang. Teilweise verrotten original erhaltene Räume." Auch wurden an den Mauern der KZ-Gedenkstätte Familienhäuser gebaut, als ob wenige Schritte weiter nichts gewesen wäre.

Respekt vor den Opfern? Die jungen Kolleginnen und Kollegen sind sich nach diesem Besuch jedenfalls bewusst darüber, wie wichtig das "Nie wieder" ist.


Christian Begass ist DGB-Jugendbildungsreferent in Südwestfalen.


(aus der Soli aktuell 11/2014, Autor: Christian Begass)