Deutscher Gewerkschaftsbund

Fühle mich unglaublich schlecht ausgebildet!

Lieber Dr. Azubi,

Ich hoffe ich kann mich kurzfassen.

Ich habe im Juni 2019 meine Abschlussprüfung und betrieblich fühle ich mich absolut im Stich gelassen.

Im ersten Lehrjahr hatte ich genau 3 „Lehrlingsstunden“ mit dem Bürovorsteher, der wohl inoffiziell für meine Ausbildung zuständig sein soll. Offiziell hab ich nie einen Ausbilder zugeteilt bekommen.
Mit meinem Bürovorsteher gerate ich allerdings ständig aneinander und er gibt mir das Gefühl, der wohl schlechteste Auszubildende der Welt zu sein. Er macht mich teilweise super nieder mit Sprüchen wie : „da müssen Sie mal nachdenken“ oder „wie kann man auf so ein schmales Brett kommen“ ...
ich hatte unzählige Nervenzusammenbrüche auf der Arbeit und von zuhause fang ich gar nicht an.

Mein Chef bekommt wenig mit und kümmert sich überhaupt nicht wirklich um meine Ausbildung.
Er hat einmal sich mit mir zusammen gesetzt zur Vorbereitung auf die Zwischenprüfung um offene zu Fragen zu klären.

Ich hab keine Bezugsperson im Büro und stehe fachlich noch im Bereich „Anfang 2. Lehrjahr“.

Schulisch, bzw. theoretisch fühle ich mich ganz gut vorbereitet, da sind meine Unterlagen auch alle ordentlich zu geführt und es geht auch nicht um die Frage was ich prüfungsvorbereitend machen kann, da hab ich keine Angst vor.

Ich hab Angst vor dem was danach kommt. In dem Betrieb möchte ich unter keinen Umständen bleiben, aber ich werde von meinen praktischen Kenntnisse so sehr auf die Nase fliegen,

Ich sage nicht, dass ich ein Muster Azubi war oder bin, aber ich gib mir immer Mühe, dass was man mir gibt gut zu erledigen.
Ich hatte leider dieses Jahr gesundheitlich auch ziemlich Pech und bin einmal recht lange ausgefallen ( ich habe aber NIE! Blau gemacht oder sonst irgendwas).
Wenn etwas falsch ist bekomm ich dafür super Ärger und wenn es Richtig ist, wird teilweise ein richtiger Satz lediglich umgestellt, damit ich es neu machen muss. Ich empfinde das als reine Schikane. Wenn das nicht der Fall ist, wird es kommentarlos weggelegt und ich seh es dann durch Zufall bei der Post. Aber positive Rückmeldung gibt es nie. Ich bekomm immer zu hören was ich nicht kann, was ich für Fehler mache und ich bekomme das Gefühl vermittelt - und Entschuldigung für die Ausdrucksweise - dass ich einfach scheiße bin.
Ich bekomm lediglich Kopieraufgaben oder Sachen, die 1. Lehrjahr - Aufgaben sind.
Es gibt sogar Ärger für Dinge, die ich nicht gemacht habe, die mir nicht sind oder sonst irgendetwas. Ganz nach dem Motto „der Azubi bekommt Grundsätzlich eine teilschuld“..

An Wochenenden oder am Abend von einem Berufsschultag wo am nächsten Tag wieder Arbeit ansteht liege ich wach und habe Angst, auf was für Ärger ich mich am Tag darauf vorbereiten muss.
Ich habe morgens Bauchschmerzen und mir ist schlecht, ich hab förmlich Angst dahin zu gehen, weil ich mir diese ganze rein negative Resonanz so unglaublich zu Herzen nehme, dass ich spüre wie es mich zerfrisst.
Ich habe so unglaubliche ANGST davor, meinen bereits zweiten Burn out zu bekommen, nur, weil ich die wohl schlechteste Auszubildende der Welt bin.

Ich bemühe mich ständig, lege meine Sachen vorab zur Kontrolle vor, tue dann genau das was mir gesagt wird, und bekomme danach wieder gesagt, dass es falsch ist und ich es anders machen müsste,
Keiner erklärt mir aber, wo genau meine Fehler liegen und wie ich daran arbeiten kann.

Ich fühle mich im Stich gelassen. Ich werd es definitiv noch die paar Monate durchziehen. Ich weiß, dass ich nicht übernommen werde, es wurd nie angesprochen, aber es ist alleine platzmäßig nicht möglich.

Man hat mir den Beruf so versaut, ich habe kein bisschen Spaß oder Freude mehr daran. Ich bin jobben gegangen seit dem ich 14 bin und immer gerne, und auch die erste Zeit der Ausbildung war ich super happy. Aber mittlerweile ist es für mich eine Qual..

Ich weiß, es ist vlt dumm, aber ich will es jetzt auch nicht mehr ansprechen im Betrieb, aus Angst dann noch mehr Gegenwind zu bekommen.
Mein Chef hat selbst schon gesagt, er hat nichtmal genug Zeit mit auszubilden.

Aber, m. E. - und jetzt kommen wir wohl zum Knackpunkt - ist er ja gem. Ausbildungsvertrag dazu verpflichtet mich Auszubilden. Kommt er dann denn eigentlich überhaupt seinen Verpflichtungen nach, wenn ich überhaupt keine „Betreuung, Forderung oder Förderung“ bekomme ?

Er ist doch dazu verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass ich das Ausbildungsziel erreiche, oder ?
Genauso, wie er dazu verpflichtet ist selbst auszubilden oder EINE BESTIMMTE Person dazu zu benennen.

Ich bin ein bisschen ratlos, wie ich mich in den Hintern treten und mich täglich motivieren soll, zwischen den Panikattacken und emotionalen Niederschlägen und wie ich die Angst zurückstellen kann.

Außerdem habe ich auch absolut keine Ahnung, wie ich nach der Ausbildung ohne ausreichendes Praxis-Know-How Fuß fassen soll.

Ich find es eigentlich unverantwortlich, einem jungen Menschen den Start in diese sehr anspruchsvolle und harte Arbeitswelt noch schwerer zu machen als nötig.. aber ich weiß, dass das leider in vielen Betrieben oder Ausbildungsbereichen der Fall ist.

Bitte bitte bitte, ich brauche zu den aufgezeigten Fragen eine Antwort, und wäre unglaublich dankbar für einen generellen Rat wie ich weiter vorgehen kann ..

Vielen Dank im Voraus und mit freundlichen Grüßen

Sabrina

Sabrina: 07.11.2018 20:10:47 |
  • RE: Fühle mich unglaublich schlecht ausgebildet!

    Hallo Sabrina,

    Danke für deine Anfrage im Forum. Es ist gut, dass du dir Hilfe suchst. Wir beraten dich gerne.

    Man merkt bei deiner Anfrage, dass dich die Situation im Betrieb sehr belastet. Ich möchte dir deshalb zuerst empfehlen, dass du zum Arzt gehst und dort deine Ängste schilderst. Er wird dann entscheiden, ob dir die Ausbildung weiterhin zuzumuten ist, oder ob du krank geschrieben werden musst.

    Du liegst ganz richtig, dein Ausbilder ist laut §14 Berufsbildungsgesetz dazu verpflichtet, dich selbst auszubilden, oder jemanden mit deiner Ausbildung zu betrauen. In deinem Fall scheint das nicht passiert zu sein.
    Außerdem muss dich dein Ausbilder vor Diskriminierung und dergleichen beschützen. Ein Kollege diskriminiert dich aber. Das ist nicht in Ordnung und dein Chef muss dich davor auch beschützen.

    Du schreibst außerdem, dass du das Gefühl hast, nicht die nötigen Ausbildungsinhalte erlernt zu haben.
    Für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan, in dem genau steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http:/​/​www.bibb.de/​de/​berufesuche.php). Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Der Ausbilder darf dir nur Arbeiten auftragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§14 Berufsbildungsgesetz). Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden!
    Du solltest unbedingt dafür kämpfen, dass deine Ausbildung nach dem Rahmenplan verläuft, denn sonst ist dein Ausbildungsziel gefährdet.

    Du schreibst in deiner Anfrage, dass du die Probleme im Betrieb nicht ansprechen willst und irgendwie habe ich das Gefühl, du hast die Probleme auch noch nie wirklich angesprochen. So hat dein Betrieb natürlich nicht die Möglichkeit, deine Ausbildung zu verbessern oder das Verhalten der Mitarbeiter zu tadeln, wenn es dir gegenüber nicht korrekt ist.
    Ich empfehle dir deshalb dringend, das Gespräch mit deinem Chef zu suchen und ihm all die Punkte ruhig und sachlich zu erklären, die du auch uns geschildert hast.

    Dazu solltest du dir Hilfe vor Ort suchen. Wende dich z.B. an die Berufsschulsozialarbeit und schildere dort deine Probleme und bereite dich dann mit Unterstützung auf das Gespräch vor.

    Bitte deinen Chef dann um ein Gespräch und erkläre ihm ruhig und sachlich, dass du Angst hast, dein Ausbildungsziel nicht zu erreichen. Am besten nimmst du den Ausbildungsplan mit in das Gespräch. Wenn kein Ausbildungsplan erstellt wurde, solltest du verlangen, dass dies so schnell wie möglich nachgeholt wird. Nenne konkrete Inhalte, die bis jetzt fehlen und die du laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstest. Gehe positiv in das Gespräch und sage gleich zu Anfang, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern vielmehr darum, deinen Beruf richtig zu lernen. Schalte außerdem (falls vorhanden) den Betriebsrat ein.

    2. Wenn das Gespräch nichts bringt, solltest du den Ausbilder schriftlich auffordern. Hebe eine Kopie des Schreibens auf. Hier ist ein Musterbrief:

    Sehr geehrter Herr/Frau ____________,
    laut § 14 Berufsbildungsgesetz müssen Sie mich entsprechend des gesetzlichen und betrieblichen Ausbildungsplans ausbilden. Ich habe jedoch wichtige berufliche Fertigkeiten noch nicht erlernt, die ich zum jetzigen Zeitpunkt meiner Ausbildung längst beherrschen müsste. Einige Beispiele:
    - (Berufliche Fertigkeiten)
    - (Berufliche Fertigkeiten)
    Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, mir die gesetzlich vorgeschriebenen Inhalte zu vermitteln und mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich als Ausbilder nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Unterschrift Azubi ____________

    3. Wenn auch das nichts bringt und sich deine Ausbildungssituation nicht verbessert, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden und dir rechtliche Unterstützung holen. Hier ist ein Kontakt in deiner Nähe:


    Ver.di Köln
    Hans-Böckler-Platz 9
    50672 Köln
    Tel.: 0221/48 558 0
    Fax: 0221/48 558 219

    Da kannst du anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Außerdem könntest du dich an eine_nAusbildungsberater_in der Kammer/Innung wenden und mit ihm ein persönliches Gespräch vereinbaren, denn die sind dafür da, die Ausbildung in den Betrieben zu kontrollieren.

    Du könntest dir auch überlegen, den Betrieb zu wechseln. Wenn alle oben genannten Schritte nichts bringen, dann solltest du dich auch schnellstmöglich um einen Wechsel kümmern. Denn wenn sich in deinem Betrieb die Situation für dich nicht zum besseren wendet, dann läufst du Gefahr, einen schlechten Abschluss zu haben und dabei auch noch seelischen Schaden mit dir genommen zu. Informiere dich also parallel, welche Betriebe in deiner Nähe ausbilden und noch Azubis aufnehmen würden.

    Viel Erfolg! Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 09.11.2018 00:00:33


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