Deutscher Gewerkschaftsbund

Betrieb wechseln

Hallo liebes Dr. Azubi-Team!

Im Februar diesen Jahres bin ich aufgrund Trennung meiner Eltern mit meiner Mama umgezogen. Die Entfernung zu meinem momentanen Ausbildungsbetrieb ist relativ hoch, weshalb ich mir für unter der Woche ein WG-Zimmer gesucht habe, da ich anfangs der Meinung war, die eineinhalb Jahre auch noch rum zu bekommen.
Seit diesem Zeitpunkt etwa wird das Betriebsklima immer schlimmer, wir Azubis haben keinen guten Ausbilder und zudem ist die seelische Belastung von meinem sozialen Umfeld komplett abgeschottet zu sein für mich doch eine größere Hürde, als ich damals angenommen hatte...
Ich war die letzten 2 1/2 Wochen nun krankgeschrieben, da ich sehr starke Bauchschmerzen habe, heute dann das Ergebnis: ich habe mir seelisch zu viel abverlangt.
Mein Arzt riet mir, einmal in mich zu gehen und genau zu überlegen, ob ich mir das noch weiter antun möchte, oder mich einfach mal umorientieren sollte...
Ich habe also heute Mittag noch bei der Bundesagentur für Arbeit angerufen, meinen Fall geschildert und um ein Beratungsgespräch gebeten. Zwei Initiativbewerbungen zur Fortsetzung der Ausbildung habe ich auch auf den Weg geschickt, kann ja nicht schaden.
Welche Möglichkeiten habe ich sonst noch?
Was muss ich beachten, sollte ich wirklich einen Betrieb finden, der mich das 3. Lehrjahr bei sich vollenden lässt, oder zur Not sagt, ich sollte ein Jahr hinten anhängen?
Welchen Rat würdet ihr mir geben?

Ich bin restlos überfordert, ich weiß nur, dass ich so einfach nicht mehr weitermachen kann. Ich schlafe nachts kaum noch, und wenn, dann wach ich um die 7x auf, und da kann auch keiner von Erholung sprechen...

Ich wäre euch für eure Hilfe dankbar!

Mit freundlichen Grüßen

Nina

Nina: 12.09.2018 20:32:44 |
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  • RE: Betrieb wechseln

    Hallo Nina,

    Danke für deine Anfrage im Forum. Gerne beraten wir dich. Du hast alles richtig gemacht:
    Es war gut, dass du dich deinem Arzt anvertraut hast und er bestätigt, was du schon befürchtet hast: Du musst etwas ändern, um dich wieder zu finden.
    Du hast auch schon alle nötigen Schritte eingeleitet: Dass du Bewerbungen für deinen aktuellen Ausbildungsberuf geschrieben hast, war sehr gut. Du könntest dir auch überlegen, wieder in deine Heimat zu gehen, vielleicht fällt dir die Ausbildung leichter, wenn du wieder in deiner gewohnten Umgebung bist.
    Wenn du einen neuen Ausbildungsplatz gefunden hast, kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

    Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.

    Hier ist ein Kontakt für dich:

    Ver.di Stuttgart
    Willi-Bleicher Str. 20
    70174 Stuttgart
    Tel.: 0711/1664-000
    Fax: 0711/1664-249
    E-Mail: bz.stuttgart@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Du musst kein Jahr hinten dran hängen. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

    Du hast dich auch schon mit der Agentur für Arbeit in Verbindung gesetzt, um dir mögliche Alternativen aufzeigen zu lassen. Das war auch eine sehr gute Idee. Vielleicht kommst du dort auf eine ganz neue berufliche Idee.

    Für den Moment empfehle ich dir, alle Optionen genau anzuschauen und dir zu überlegen, was dir in der momentanen Situation helfen könnte und was du in der Zukunft machen möchtest. Dabei solltest du auch mit Freunden, Eltern und anderen Personen deines Vertrauens sprechen.

    Dr. Azubi wünscht dir alles alles Gute
    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 13.09.2018 12:07:16


  • RE: Betrieb wechseln

    Hallo nochmal & Danke erstmal für die vorgeschlagenen Maßnahmen.
    Ich schätze meine Chancen in einem anderen Bundesland einen Ausbildungsplatz fürs 3. Lehrjahr zu finden als verschwindend gering ein, oder nicht? Der herkömmliche Weg ist das ja nicht... Ich bin überfordert, was ich tun soll. Heute hatte ich ein Gespräch mit meiner Ausbilderin und sie meinte, ich sollte mit meinen seelischen Problemen mal zu einem Heilpraktiker gehen, vielleicht würde es sich dann beheben.
    Ich weiß nicht, ob ich die 10 Monate, die es jetzt "nur noch" sind unter diesen seelischen und dadurch körperlichen Bedingungen schaffe, habe aber auch Angst, nichts zu finden. Gründe für eine fristlose Kündigung liegen keine ausreichend vor. Somit wäre im Falle eines neuen Ausbildungsplatzes nur ein Aufhebungsvertrag möglich, bei welchem ich mir aber unsicher bin, dass mein Arbeitgeber diesen unterschreiben würde...
    Auf die Suche nach einem neuen Ausbildungsplatz habe ich mich auf jeden Fall im Umkreis meiner Familie gemacht, da das ja der springende Punkt ist, weshalb ich es hier psychisch nicht mehr kann.
    Das Beratungsgespräch mit der Agentur für Arbeit nehme ich auf alle Fälle wahr, da die mir bestimmt auch den ein oder anderen Tipp geben können.

    Liebe Grüße,

    Nina

    Nina: 13.09.2018 15:05:36


  • RE: Betrieb wechseln

    Hallo Nina,

    Danke für deine Rückmeldung.
    Es ist nicht unüblich, den Ausbildungsplatz zwischen zwei Bundesländern zu wechseln. Klar ist es einfacher, wenn du neben dem Ausbildungsplatz nicht auch noch die Berufsschule wechseln musst, aber möglich ist es natürlich schon. Deine Chancen stehen auch nicht gerade schlecht. Die Wirtschaftslage ist sehr gut und die Betriebe suchen derzeit händeringend Leute. Du bist schon in einem fortgeschrittenen Lehrjahr und kannst vermutlich schon sehr viel. Das sind alles Argumente, die einem Betrieb sehr gut gefallen. Schau doch einfach mal, was von den Bewerbungen zurück kommt.
    Wenn du deinen Ausbildungsplatz wegen eines Umzugs aufgibst, gibt es nur ganz wenige Betriebe, die einen Aufhebungsvertrag nicht unterschreiben. Schließlich kannst du dann ja auch einigermaßen rechtzeitig bescheid sagen, so dass sich der Betrieb um Ersatz kümmern kann. Du hast ja auch schon mit deiner Chefin gesprochen und sie wird damit rechnen, dass du evtl. gehst.

    Der Vorschlag mit dem Heilpraktiker ist sicherlich gut gemeint. Allerdings muss jeder selbst entscheiden, wie er/ sie sich behandeln lassen möchte. Und dein Heimweh stillen, wird wohl ein Heilpraktiker auch nicht. Was deine Chefin damit aber sagen wollte, ist, dass du dir Hilfe suchen solltest und damit hat sie recht. Sprich auch mit außenstehenden Personen über dein Problem. Du könntest auch zur Berufsschulsozialarbeit gehen.

    Du schreibst, dass es ja „nur noch“ 10 Monate sind. Unsere Erfahrung zeigt, dass es besser ist, die Reißleine zu ziehen, wenn man merkt, dass etwas nicht stimmt. Wenn du die zehn Monate auf Biegen und Brechen durchziehst, kann es passieren, dass du danach erstmal flach liegst, weil du dir zuviel zugemutet hast. Das kann ja auch nicht der Sinn der Sache sein. Aber letztlich musst du das einschätzen können und auf dich selbst vertrauen.

    Alles Gute für dich!
    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 13.09.2018 21:59:32


  • RE: Betrieb wechseln

    Vielen Dank für die Rückmeldung :)

    Ich werde auf jeden Fall die Antworten abwarten und auf alle Fälle mit der Agentur für Arbeit sprechen, vielleicht haben die ja auch so eine Art "Insider-Wissen", schaden kann es sicher nicht :)
    Mein Chef persönlich weiß nichts von meinen Gedanken, nach der Ausbildung gehen zu wollen, vom Umzug weiß er aber glaube ich schon. Meine Ausbilderin weiß von beidem Bescheid. Da ich aber schon im Februar umgezogen bin und eben seither für die Ausbildung in einem WG-Zimmer wohne, habe ich Angst, dass der Zustand schon "zu lange" so ist, als dass mir "plötzlich" auffällt, dass mir das zu viel ist.
    Mein Denkansatz war einfach, nicht abzubrechen solange es geht und da ich dachte, mich würde diese Sehnsucht nach Zuhause nie so richtig belasten/einholen, so dass ich die 1 1/2 Jahre (zum Zeitpunkt des Umzugs) auch noch schaffen würde. Mittlerweile weiß ich aber, dass ich mir zu viel zugemutet habe und steh da auch offen und ehrlich dazu.
    Diese Pendlerei - freitags nach Hause, dort völlig gerädert und aufgrund von immerwährendem Stau auf meiner Strecke erst gegen 16/17 Uhr anzukommen und sonntagabend wieder zurück zum WG-Zimmer zu fahren - macht mich einfach kaputt, weil ich auch die Zeit bei meinem Freund dann oder bei meiner Familie nicht richtig genießen kann, ich hab ständig das Gefühl auf dem Sprung zu sein und kann mich daher am Wochenende auch nie richtig erholen...

    Liebe Grüße,

    Nina

    Nina: 14.09.2018 06:40:17


  • RE: Betrieb wechseln

    Hallo Nina!

    Versuche dir nicht so viele Sorgen zu machen und die Antwort der Agentur für Arbeit abzuwarten.
    Pendeln ist sehr anstrengend und besonders am Wochenende kommt man dann nicht richtig zur Ruhe. Für mich klingt das sehr nachvollziehbar und auch das du ein bisschen gebraucht hast um das festzustellen. Je länger man pendelt um so anstrengender wird das ja auch, weil man ja nicht mehr richtig zu Ruhe kommt.
    Ich wünsche Dir ganz viel Kraft und das du schnell eine Antwort erhältst.
    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 15.09.2018 14:26:47


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