Deutscher Gewerkschaftsbund

Chef lehnt Aufhebungsvertrag ab

Hallo liebes Team,

Seit längerem gefällt es mir in meiner Praxis (Pneumologe) ganz und gar nicht. Seit Beginn meiner Ausbildung 08/2017 ist es meine Hauptaufgabe Lungenfunktionstests zu machen. (Für das erste Lehrjahr ist das als Hauptaufgabe vorgesehen.) Bis zu 40 mal am Tag bringe ich den Patienten das Atmen bei. Gefallen hat mir die Aufgabe noch nie so wirklich, mit der Zeit habe ich mich dennoch damit abgefunden.

Vor nicht allzu langer Zeit fing ich an immer mehr mit der Arbeit abzuschließen, besonders mit Lungenfunktionstest. In meiner „freien“ Zeit, in der gerade mal keine Lungenfunktionstest auf mich warteten, durfte ich z.B. Ventilatoren putzen. Schön wäre es gewesen, wenn mir etwas beigebracht worden wäre. Meine Kollegen sprachen mich immer an, wenn Lungenfunktionstests zu machen waren. Daher, wenn mich nun jemand anspricht, habe ich sofort im Hinterkopf „Aha! Mach Lungenfunktionstest!“ Dennoch hatte ich die Hoffnung, dass es im zweiten Lehrjahr besser wird.
Denn es gibt ein neues erstes Lehrjahr, das dann mit Lungenfunktionstest bombardiert wird.

Das kommende erste Lehrjahr, hat die Kündigung eingereicht bevor sie überhaupt die Ausbildung begonnen hat. Nun ist klar wer weiterhin damit zu tun hat. ICH.

Mein Freund bemerkte Veränderungen an mir. Bei dem Thema Arbeit fing ich an depressiv zu werden. So die Worte meines Freundes.
Keine Tätigkeit kann mich froh stimmen. Ich reagiere bei jeder Kleinigkeit aggressiv. Kann nicht mehr abschalten, nicht mehr entspannen. Gehe nach der Arbeit nach Hause und weine viel.
Also tritt ich mir in den Poppes und fing an mich in anderen Praxen zu bewerben. Zur Freude meinerseits habe ich eine Praxis gefunden, wo das Vorstellungsgespräch vielversprechend war und die Probearbeit Spaß machte.
Also ging ich zu einem meiner Chefs und bat ihm um einen Aufhebungsvertrag. Nachdem ich auf seinen Wunsch eine Nacht darüber geschlafen habe, teilte ich ihm erneut meine Entscheidung mit. Da ich ziemlich sicher wirkte, meinte er es macht keinen Sinn mich gegen meinen Willen in der Praxis zu halten. Mein zweiter Chef sieht das leider ganz anders. Wegen Personalproblemen sieht er es nicht ein, und lehnte den Aufhebungsvertrag ab. Seine Worte lauteten "Wenn du mit Leuten aus Bad Nauheim (Überbetriebliche Ausbildung) kommst die mich überreden dann vielleicht."
Ich telefonierte kurz mit der Ärztekammer, berichtete dass es mir in der Praxis nicht gut geht. Als Antwort kam "Sie haben nun mal einen Vertrag unterschrieben an den müssen Sie sich auch halten."
Auf die Frage ob denn jemand aus Bad Nauheim kommen würde und mit ihm reden könnte, kam nur ein verlegenes lachen „Wer denn?“

So die Kurzfassung. Der Rest sprengt den Rahmen. Ich hoffe hier Hilfe zu finden.
Denn ich bin mir ganz sicher, dass es der richtige Beruf und die falsche Praxis ist.

Mona: 07.08.2018 21:24:08 |
  • RE: Chef lehnt Aufhebungsvertrag ab

    Hallo Mona!

    Vielen Dank für deine Anfrage im Forum. Gerne helfe ich dir weiter.
    Wenn dein Chef sich weigert einen Auflösungsvertrag zu unterschrieben ist es mit dem Ausbildungswechsel schwierig. Die Bedingungen unter der man einen Ausbildungsvertrag außerordentlich kündigen kann sind sehr hoch.
    Du kannst außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalige ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • Systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B. : Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. sexuelle Belästigung) dann kannst du sofort unter Angaben der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. ausbildungsfremde Tätigkeiten), dann musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein, die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Überlege dir die Kündigung gut. Kündige nicht in einer Situation, in der du unter Druck gesetzt wirst!

    Achtung: Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich und deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Wenn deine Gründe für die fristlose Kündigung nicht ausreichen, hat dein Betrieb auch die Möglichkeit Schadensersatzansprüche innerhalb von drei Monaten nach Beendigung gegen dich geltend zu machen.
    Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen: Wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder leicht verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht, zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen. Dein Ausbilder kann grundsätzlich innerhalb von drei Wochen Widerspruch gegen die Kündigung einlegen, das kommt aber sehr selten vor.

    Das heißt aber nicht, dass du in deiner Situation nichts machen kannst. Natürlich bleibt dir immer noch das Gespräch mit deinen Chefs zu suchen. Vielleicht überzeugt der eine ja auch den anderen dich gehen zu lassen. Ansonsten kannst du dich für bessere Bedingungen in deiner jetzigen Ausbildung einsetzen.
    Du könntest zum Beispiel dich dafür einsetzen, dass du nach deinem Ausbildungsrahmenplan ausgebildet wirst. Für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan, in dem genau steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http:/​/​www.bibb.de/​de/​berufesuche.php). Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Der Ausbilder darf dir nur Arbeiten auftragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§14 Berufsbildungsgesetz). Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden!
    Du solltest unbedingt dafür kämpfen, dass deine Ausbildung nach dem Rahmenplan verläuft, denn sonst ist dein Ausbildungsziel gefährdet. Hier sind ein paar Tipps für dich, was du unternehmen könntest:

    1. Bitte deinen Chef um ein Gespräch und erkläre ihm ruhig und sachlich, dass du Angst hast, dein Ausbildungsziel nicht zu erreichen. Am besten nimmst du den Ausbildungsplan mit in das Gespräch. Wenn kein Ausbildungsplan erstellt wurde, solltest du verlangen, dass dies so schnell wie möglich nachgeholt wird. Nenne konkrete Inhalte, die bis jetzt fehlen und die du laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstest. Gehe positiv in das Gespräch und sage gleich zu Anfang, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern vielmehr darum, deinen Beruf richtig zu lernen. Schalte außerdem (falls vorhanden) den Betriebsrat ein.

    2. Wenn das Gespräch nichts bringt, solltest du den Ausbilder schriftlich auffordern. Hebe eine Kopie des Schreibens auf. Hier ist ein Musterbrief:

    Sehr geehrter Herr/Frau ____________,
    laut § 14 Berufsbildungsgesetz müssen Sie mich entsprechend des gesetzlichen und betrieblichen Ausbildungsplans ausbilden. Ich habe jedoch wichtige berufliche Fertigkeiten noch nicht erlernt, die ich zum jetzigen Zeitpunkt meiner Ausbildung längst beherrschen müsste. Einige Beispiele:
    - (Berufliche Fertigkeiten)
    - (Berufliche Fertigkeiten)
    Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, mir die gesetzlich vorgeschriebenen Inhalte zu vermitteln und mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich als Ausbilder nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Unterschrift Azubi ____________

    3. Wenn auch das nichts bringt und sich deine Ausbildungssituation nicht verbessert, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden und dir rechtliche Unterstützung holen. Hier ist ein Kontakt in deiner Nähe:


    Darmstadt
    Rheinstr. 50
    64283 Darmstadt
    Tel.: 06151/3908-0
    E-Mail: bz.suedhessen@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst.... Als Gewerkschaftsmitglied habt ihr Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest ihr euch überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, eurer Gewerkschaft beizutreten - wenn ihr nicht schon Mitglied seid. Ihr könnt jederzeit Mitglied eurer Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat.

    Wenn ihr mehr über unsere Arbeit erfahren wollt, dann folgt diesem Link: https:/​/​jugend.dgb.de/​++co++f0e4cfdc-7dbc-11e7-b753-525400d872​9f

    Viel Erfolg! Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 08.08.2018 09:09:46


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