Deutscher Gewerkschaftsbund

Berufschulzeit und Arbeitszeit

Hallo,
ich beginne gerade eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten und ich habe einige Fragen bezüglich der Arbeitszeiten.
In unserem Betrieb wird jeden Tag von 7:30 bis 17:00 Uhr gearbeitet mit einer Pause von 45 Minuten. Das bedeutet also wir arbeiten jeden Tag 8 Stunden und 45 Minuten. Am Freitag arbeiten wir dann von 7:30 Uhr bis 12:45 Uhr mit einer Pause von 15 Minuten. Also 5 Stunden gearbeitete Zeit am Freitag. So komme ich mit 4 x 8 Stunden, 45 MInuten und 1x 5 Stunden auf insgesamt 40 Sstunden pro Woche.
Das wusste ich bereits vorher und das war für mich auch völlig in Ordnung. Allerdings habe ich jetzt Berufsschule am Mittwoch und Freitag. Am Freitag habe ich Schule von 8-13 Uhr. Damit sind die 5 Stunden voll. Allerdings habe ich am Mittwoch von 8-16 Uhr Schule. Das sind 45 Minuten zu wenig. Diese Zeit soll ich jetzt an anderen Tagen nacharbeiten.
Jetzt habe ich jedoch gelesen, dass die Strecke von der Berufsschule zum betrieb auch als Arbeitszeit zählt (bei mir etwa 25 Minuten) und wenn die Zeit die nachgearbeitet werden müsste unter 30 Minuten ist, kann mein Chef mich nicht in den Betrieb holen. Aber ich soll die Zeit ja an anderen Tagen nachholen und fahre ja nicht in den Betrieb. Was ist jetzt rechtens? Gilt die Zeit die ich zur Berufsschule fahre (ab 7:30 Uhr) auch als Arbeitszeit? Und kann die Zeit wirklich an anderen Tagen nachgearbeitet werden? Ich bitte um Hilfe, weil ich so schon sehr viel fahren muss und das Gefühl habe kaum noch Freizeit zu haben. Von meinem Zuhause zur BBS sind es 1 Stunde fahrt und zum Betrieb 20 Minuten.
Ich hoffe jemand kann mir meine Frage beantworten.
MfG

Andrea: 06.08.2018 19:33:08 |
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  • RE: Berufschulzeit und Arbeitszeit

    Hallo Liebe Andrea,

    gerne helfe ich dir bei deiner Frage weiter. Zunächst ganz kurz die Fakten. Als Volljährige Auszubildende darfst du bis zu 10 Stunden am Tag arbeoten. Somit könntest du die 45 Min auch an einem anderen Tag nachholen, wenn du nicht länger als 10 Stunden beschäftigt wirst. Die Fahrtzeiten von der Berufsschule zum betrieb werden angerechnet an die Arbeitszeit. Genauso die Fahrtzeiten von Betrieb zur Berufsschule. Andere Fahrtzeiten nicht. Also wird die Fahrtzeit von Zuhause zur Schule und von der Schule nach hause nicht.

    Da das mit der Anrechnung der Berufsschulzeiten an die Arbeitszeit bei Volljährigen nicht so eindeutig rechtlich geklärt ist, hier allgemeine Infos dazu:

    Auch Volljährige sind nach dem Gesetz für den Berufsschulunterricht freizustellen, die Teilnahme am Unterricht geht der betrieblichen Ausbildung vor (§15 Berufsbildungsgesetz). Das gilt auch dann, wenn du nicht mehr schulpflichtig bist. Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat in seinem Urteil vom 26. März 2001 (Az: 5 AZR 413/99) festgelegt, wie die Berufsschulzeiten auf die Arbeitszeit angerechnet werden müssen: Die Freistellung umfasst demnach nicht nur die reine Unterrichtszeit, sondern auch die Zeiten des notwendigen Verbleibs in der Berufsschule, zum Beispiel unterrichtsfreie Zeiten, Pausen und die Wegzeiten zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb. 

Die Berufsschulzeit ist also auf die vertragliche Arbeitszeit anzurechnen, allerdings gibt es einen Haken: Eine Freistellung ist nur dann möglich, wenn sich Unterrichtszeit und Ausbildungszeit überschneiden. Findet die Berufsschule also zu Tageszeiten statt, an denen nicht regelmäßige Ausbildung stattfindet, erfolgt keine Freistellung und keine Anrechnung. Es kann also passieren, dass Auszubildende in bestimmten Fällen weit über die vertraglich geregelte Arbeitszeit hinaus Zeit in Berufsschule und Betrieb verbringen, die absolute Höchstgrenze liegt dabei bei der gesetzlich vorgeschriebenen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden.
    
Oft verlangen Ausbilder von volljährigen Azubis, dass sie nach der Berufsschule noch in den Betrieb kommen sollen. Hier gilt: Von der täglichen Arbeitszeit wird die gesamte Zeit in der Berufsschule abgezogen, falls die Berufsschule während der üblichen Arbeitszeit stattfindet. Außerdem wird der Weg von der Berufsschule in den Betrieb auf die Arbeitszeit angerechnet. Ist die Zeit, die der Azubi nach der Berufsschule noch im Ausbildungsbetrieb verbringen kann zu kurz, um dem Ausbildungszweck zu dienen – nämlich weniger als 30 Minuten, kann der Ausbilder die Rückkehr des Azubis nicht verlangen. 

Ein Beispiel: 
Ein volljähriger Azubi hat eine vertraglich vereinbarte 40-Stunden-Woche. Die betriebliche Arbeitszeit des Azubis dauert täglich von 9 bis 18 Uhr. Der Berufsschulunterricht findet einmal wöchentlich von 8 bis 13.30 Uhr statt. Für die Fahrt in den Betrieb benötigt der Auszubildende 45 Minuten. In diesem Fall muss er nach dem Berufsschulunterricht von 14.15 bis 18.00 Uhr im Betrieb anwesend sein. Da zwischen 8 Uhr und 9 Uhr keine betriebliche Ausbildung stattfindet, ist eine Freistellung in dieser Zeit nicht möglich. Nimmt man nun die Summe der Berufsschulzeiten und der betrieblichen Ausbildungszeiten, kommt der Auszubildende auf 41 Stunden wöchentliche Arbeitszeit. Diese Mehrarbeit muss er hinnehmen und zwar bis zu einer Höchstgrenze von 48 Stunden. 

Dies führt zu immensen Ungerechtigkeiten: Besonders hart trifft es Auszubildende mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten wie zum Beispiel Bäcker. Es kann aber auch vorkommen, dass Auszubildende in ein und demselben Betrieb unterschiedliche Klassen besuchen und an unterschiedlichen Tagen beschult werden. Sind die betrieblichen Ausbildungszeiten unregelmäßig, kann dies bedeuten, dass einigen Auszubildenden die Berufsschulzeit voll angerechnet wird, anderen nicht. Einige zuständige Stellen haben sich in Richtlinien für die weitere Anrechnung von acht Stunden ausgesprochen. In großen Betrieben wird die Freistellung oftmals in Betriebsvereinbarungen geregelt und es gibt auch Tarifverträge, die eine pauschale Anrechnung festlegen. Trotz des Urteils kommt es immer wieder zu starken Ungerechtigkeiten, die Situation ist für viele Auszubildende und Ausbilder unübersichtlich. Die Gewerkschaften fordern seit langem eine gesetzliche Klarstellung, aber auch im neuen Berufsbildungsgesetz hat sich nichts geändert!

    Falls dein Betrieb sich nicht an das Arbeitszeitgesetz hält, kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen. 

    Ich hoffe dir weitergeholfen zu haben! Falls du noch weitere Fragen diesbezüglich hast, kannst du dich auch gerne direkt an deine Gewerkschaft vor Ort wenden. Hier ein Kontakt für dich:

    ver.di vor Ort

    Sitz des Landesbezirks Niedersachsen/Bremen
    Goseriede 10
    30159 Hannover

    Tel.: 0511/12400-0
    Fax: 0511/12400-150
    E-Mail: lbz.nds-hb@verdi.de

    Landesbezirksleiter/in: Detlef Ahting
    Zur Internetseite

    ver.di Zentrum
    E-Mail: service-sued.nds-hb@verdi.de

    Da kannst du gerne anrufen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst.

    ies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 07.08.2018 17:24:39


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