Deutscher Gewerkschaftsbund

Fahrzeit=Arbeitszeit?

Ich komme jeden Tag in den Betrieb und fahre von dort aus zu Kunden um dort Kabel zu verlegen und Dosen anzuschließen (meiner Meinung Ausbildungsfremde Tätigkeiten für einen Systemintegrator, bin auch mit Elektromonteuren statt Informatikern unterwegs).
Mein Betrieb ist der Meinung, daß diese Zeit zum Kunden für mich keine Arbeitszeit ist und zahlt mir für diese Wegzeit eine minimale Auslösung nach Kilometern (Stau wird nicht berücksichtigt/wir stehen jeden Tag im Stau).
Es kommt oft vor dass ich 10-11 Stunden unterwegs bin und nach Meinung meines Betriebes trz keine 8 Stunden Arbeitszeit habe.
Ist dies zulässig?

Jo: 10.07.2018 23:11:54 |
  • RE: Fahrzeit=Arbeitszeit?

    Lieber Jo,

    vielen Dank für deine Anfrage im Forum.

    Zunächst einmal zu deiner Fahrtzeit:
    Als Teil der Arbeitszeit zählen betrieblich veranlasste Wegezeiten, die durch die Beförderung des Auszubildenden vom Betrieb zu einer anderen Arbeitsstätte anfallen oder die Zeit für den Weg zwischen dem Betrieb und einer außerbetrieblichen Ausbildungsstätte oder auch die Zeit von einer Arbeitsstelle (oder Baustelle) zur nächsten (etwas bei Monteursarbeiten) oder bei einem Außendienstmitarbeiter von einem Kunden um nächsten, nicht aber sonstige Wegezeiten von zu Hause zum Betrieb oder der Nachhauseweg. Hat der Auszubildende auf Weisung des Ausbildenden die Arbeit nicht im Betrieb aufzunehmen, sondern an einer Montage- oder Baustelle, zählt die von ihm dafür benötigte Wegezeit dann als Arbeitszeit, wenn die dafür aufgewendete Zeit über die Zeit hinausgeht, die der Auszubildende normalerweise von seiner Wohnung bis zum Betrieb oder zur üblichen Arbeitsstätte benötigt (§11 BBIG, §4 Abs.1 JArbSchG).

    Du solltest Dich daher mal an deine Gewerkschaft wenden und fragen, ob vielleicht für dich ein Tarifvertrag die Anrechnung regelt bzw. dort kannst Du erfragen welche Vereinbarungen in der Praxis mit dem Arbeitgeber üblich sind. Hier ein Kontakt:
    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJ ugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Nun zu deinen ausbildungsfremden Tätigkeiten. Auch hier lohnt es sich, wenn du dich für deine Rechte einsetzt. Für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan, in dem genau steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http:/​/​www.bibb.de/​de/​berufesuche.php). Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Der Ausbilder darf dir nur Arbeiten auftragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§14 Berufsbildungsgesetz). Leider passiert es relativ häufig, dass Auszubildende mit ausbildungsfremden Tätigkeiten beauftragt werden. Ausbildungsfremde Tätigkeiten (also Arbeiten, die nicht dem Ausbildungszweck dienen) sind z. B. regelmäßiges Putzen oder Botengänge. Alle diese Tätigkeiten sind verboten! Übrigens dienen auch unnötige Wiederholungen bereits gelernter Fähigkeiten – so genannte ausbildungsfremde Routinearbeiten – nicht dem Ausbildungszweck! Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden!

    Wenn die ausbildungsfremden Tätigkeiten Überhand nehmen, solltest du dich wehren, denn dann ist das Erreichen deines Ausbildungsziels gefährdet. Hier sind ein paar Tipps für dich, was du unternehmen könntest:

    1. Sprich die Situation bei deinem Chef an. Wenn kein Ausbildungsplan erstellt wurde, solltest du verlangen, dass dies so schnell wie möglich nachgeholt wird. Nenne deinem Ausbilder konkrete Inhalte, die bis jetzt fehlen und die du laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstest. Gehe positiv in das Gespräch und sage gleich zu Anfang, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern vielmehr darum, deinen Beruf richtig zu lernen. Schalte außerdem (falls vorhanden) den Betriebsrat ein.

    2. Wenn das Gespräch nichts bringt, solltest du den Ausbilder schriftlich auffordern. Hebe eine Kopie des Schreibens auf.

    Sehr geehrter Herr/Frau ____________,

    laut § 14 Berufsbildungsgesetz darf der Ausbildungsbetrieb den Azubi nur mit Arbeiten beauftragen, die dem Ausbildungszweck dienen. Als Ausbilder/Meister sind Sie verantwortlich dafür, dass die Berufsausbildung entsprechend des Ausbildungsrahmenplans durchgeführt wird. Ich muss allerdings häufig auf Ihre Weisung hin ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten. Einige Beispiele:
(Hier müssen mit genauer Datums- und Zeitangeben die ausbildungsfremden Tätigkeiten aufgeführt werden)
Ich fordere Sie hiermit noch einmal schriftlich auf, solche Weisungen zu unterlassen und mache Sie darauf aufmerksam, dass Ihnen ein Bußgeld droht und Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich als Ausbilder nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.

    Mit freundlichen Grüßen

    Unterschrift Azubi ____________

    3. Wenn auch das nichts bringt und sich deine Ausbildungssituation nicht verbessert, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden und dir rechtliche Unterstützung holen.
    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 11.07.2018 08:51:50


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