Deutscher Gewerkschaftsbund

Übernahme nicht gewollt, verpflichtet mitzuteilen?

Guten Tag,

ich bin fast am Ende meiner Ausbildung angekommen. Im Arbeitsvertrag ist zwar angegeben, dass die Ausbildung bis zum 31.07. geht, aber da die Lossprechung und Zeugnisvergabe schon am 13.07. ist, wäre meine Ausbildung ab dann zuende. Ich bin auch sehr froh darüber, denn die Zeit in der Agentur war alles andere als rosig (Details weiter unten).

Vor einigen Tagen habe ich aber rein zufällig durch ein Newsletter der IHK erfahren, dass bei Stillschweigen der Azubi automatisch übernommen wird, weil ein mündlicher unbefristeter Arbeitsvertrag zustandekommt.

Meine Frage ist: Bin ich dazu verpflichtet meinem Arbeitgeber mitzuteilen, dass ich nicht bleiben will, auch wenn er mit einer Übernahme rechnet?

Folgendes ist nämlich im Laufe der Ausbildung passiert:
1. Am Anfang der Ausbildung hat mein Chef erklärt, dass sie nur für den Eigenbedarf ausbilden. Der Betrieb ist auch sehr klein (<10 Mitarbeiter inkl. Chef)
2. Meine Ausbildung hatte ich zusammen mit einer anderen Person begonnen. Diese Person hat ihre aber nach ca. 1,5 Jahren abgebrochen. Ich vermute, ihre Gründe sind die gleichen, wie ich sie weiter unten detailliert aufführe.
3. Bis zum jetzigen Zeitpunkt fand kein Gespräch über eine Übernahme statt. Daher bin ich fest davon ausgegangen, dass mir auch keine blüht und mir einen eigenen Zukunftsplan aufgestellt. Ich hatte auch einen Kollegen gefragt, der seine Ausbildung im vorigen Jahr beendet hatte, und er hatte sein Übernahmegespräch ca. 3 Monate vor Ende der Ausbildung.

Gründe, warum ich aus dem Betrieb ganz schnell rauswill:
Nach 1,5 Jahren fühlte ich mich immer noch nicht in den Betrieb integriert. Das hat sich auch seitdem nicht mehr geändert.
Ich werde weder als Mitarbeiterin geschätzt, noch meine verrichtete Arbeit. Das äußert sich mal darin, dass unüberlegte und meist unbegründete Kritik geübt wird, die dann aber nach Verbesserung wohl doch nicht so wichtig war und beim Nachfragen gibt es keine oder eine sehr schwammige Erklärung. Oder es kommt keine Rückmeldung zu der erledigten Aufgabe und ich finde später heraus, dass sie einfach von jemand anderem übernommen wurde.
Durch meinen schlecht aufgestellten Arbeitsplatz, fühle ich mich am Ende des Arbeitstages zu nichts mehr in der Lage. Alle Möglichkeiten zur Verbesserung der Ergonomie und Effizienz wurden bisher ohne Begründung abgewunken.
Häufig werden Neuerungen oder Regelungen in (Raucher-/Mittags-)Pausen abgesprochen, an denen ich als Nichtraucher aber nicht teilnehme. Ich werde darüber erst in Kenntnis gesetzt, wenn ich eine Aufgabe nach den alten Vorgaben gemacht habe und man mich auf die "Fehler" hinweist. Oder es gibt überhaupt kein Feedback und die Aufgabe wird dann an wen anders weitergegeben...
Ich werde so unter Druck gesetzt, bei Krankmeldungen auch wirklich arbeitsunfähig zu sein und nichts vorzutäuschen, dass ich mich nicht richtig erholen kann, wenn mich dann z.B. eine Grippe erwischt. Eine AU muss ab dem ersten Tag der Erkrankung vorliegen und der Ausbilder/die Kollegen kontrollieren auch immer, weswegen man erkrankt ist. Um die AU kümmere ich mich natürlich sofort, aber wenn man gefragt wird, warum man krank ist, fühle ich mich vepflichtet dies zu begründen (was eigentlich Quatsch ist, da vom Gesetz her keine Verpflichtung besteht). Kurzzeitige Erkrankungen werden auch nicht ernstgenommen und besonders von Chef als "sich ein Paar Tage Ruhe gönnen" angesehen.
Ein Mal wurde mir sogar vom Chef vorgeworfen, dass ich nicht eine ganze Woche krankgeschrieben sein sollte und trotz meiner Sehnenscheidenentzündung zur Arbeit hätte gehen können, um dann nur mit einer Hand zu arbeiten. Dass der Arzt aber ausdrückliche Ruhe verordnet hatte und mir die Ein-Hand-Variante mit Nachdruck nicht empfahl, hat ihn nicht interessiert.
Mein Ausbilder ist häufig für ganze Tage nicht da (z.B. Urlaub) und es gibt keine geschulte Vertretung. Die vertrendende Person ist auch nicht in der Lage, mir bei Fragestellungen zu helfen oder Aufgaben zu erklären.
So etwas wie Teamarbeit exisitert nicht. Bei Fragen/Unverständnis muss ich mich im Internet oder woanders informieren, weil man sonst angesehen wird, als käme man vom Mond und man mir keine hilfreiche Erklärung liefern kann.
Eine Kollegin kann mich nicht ausstehen und behandelt mich oftmals wie Luft. Diesen Umgang eigneten sich auch alle anderen Mitarbeiter/Chefs an. Daher werde ich auch aus vielen Aufträgen generell ausgeschlossen.
Lästereien über alles und jeden sind normal und stehen an der Tagesordnung.
Management ist ein Fremdwort - alles wird irgendwie geregelt. Das beginnt bei der Rechnungsstellung für den Kunden und endet mit dem Umgang der Mitarbeiter.
Durch das alles entsteht ein extrem toxisches Arbeitsklima, was mich nicht nur körperlich, sonder auch geistig kaputt macht.
Meine Liste kann ich noch endlos weiterführen, aber darum geht es mir in diesem Beitrag nicht, das soll nur einen Einblick über die Situation gewähren.

Es tut mir leid, dass das jetzt so ein langer Beitrag geworden ist, aber ich habe das die ganze Zeit mit mir herumgetragen und musste das irgendwo loswerden. Ich habe keine Lust mehr der Sündenbock zu sein.

Ich hoffe, ihr könnt mir weiterhelfen.
Vielen Dank im Voraus.

Anna-Lena: 08.07.2018 14:35:28 |
  • RE: Übernahme nicht gewollt, verpflichtet mitzuteilen?

    Hallo Anna-Lena,

    Danke für deine Anfrage im Forum.

    Herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Abschlussprüfung! Du hast einiges hinter dich gebracht und bist jetzt frei für etwas Neues.
    Dein Ausbildungsverhältnis endet sobald die Ergebnisse vom Prüfungsausschuss bekannt gegeben wurden (§21 Berufsbildungsgesetz).
    Ja, es gibt die stillschweigende Übernahme, allerdings ist kein Azubi dazu gezwungen, in seinem Ausbildungsbetrieb zu bleiben, wenn die Ausbildung beendet ist.
    Wir empfehlen dir, mit deinem Ausbilder zu sprechen und zu sagen, wann dein letzter Arbeitstag ist. Das müsste in deinem Fall der 13. sein. Wenn du sagst, dass das dein letzter Tag im Betrieb ist, machst du damit klar, dass du nicht übernommen werden willst. Gleichzeitig kündigst du auch an, dass das der Tag ist, an dem noch ein paar Dinge übergeben werden müssen. Z.B. dein Arbeitszeugnis, das für dich sehr wichtig ist.
    Sprich also mit deinem Ausbilder und bitte ihn ein Arbeitszeugnis bis zum letzten Tag fertig zu machen, damit du auch mit der ganzen Sache abschließen kannst. Dieses Gespräch ist v.a. deshalb wichtig, damit du einen ordentlichen Schlussstrich unter eine doch nicht ganz einfache Zeit ziehen kannst.

    Wenn du weitere Unterstützung oder Rückendeckung brauchst, kannst du dich auch an deine örtliche Gewerkschaft wenden. Hier ist ein Kontakt für dich:

    Ver.di Münster
    Johann-Krane-Weg 16
    48149 Münster
    Tel.: 0251/93300-0
    Fax: 0251/93300-44
    E-Mail: bz.msl@verdi.de

    Da kannst du anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und sag, dass du von Dr. Azubi kommst....Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat. Solltest du kein Einkommen haben (also kein Ausbildungsvertrag) gibt es pauschale Beiträge.
    Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren willst, dann klicke hier: https:/​/​jugend.dgb.de/​++co++f0e4cfdc-7dbc-11e7-b753-525400d872​9f

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 09.07.2018 11:36:59


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