Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausbildung ist der absolute Horror

Hallo Dr. Azubi-Team,

ich bin mittlerweile im dritten Lehrjahr in meinem Ausbildungsberuf. Ich bin froh, dass ich es bald geschafft habe. Dennoch frage ich mich nach wie vor, was ich eigentlich falsch gemacht habe, bzw. was ich besser hätte machen können. Damit man die Problematik voll versteht muss ich ein wenig ausholen - ich hoffe, das ist okay.
Angefangen hat alles eigentlich ganz normal. Ich habe mein Abitur gemacht, musste aber von der Prüfung aufgrund gesundheitlicher Probleme zurücktreten. Der Oberstufenleiter hat angeboten, dass ich entweder das Jahr wiederhole - oder, da ich ein Studium im IT-Bereich anstrebe, die allgemeine Fachhochschulreife über ein Jahrespraktikum zu erwerben. Habe mich da für letzteres entschieden. Hierbei habe ich sofort an ein Praktikum in einem IT-Betrieb gedacht. Leider war die Suche dadurch recht schwierig, da viele Betriebe mich nicht einstellen wollten, da zum Betrieb meines Onkels eine Wettbewerbssituation besteht. Also habe ich auch bei meinem Onkel vorgesprochen, und habe dort dann auch mein Jahrespraktikum begonnen.
Während dieses Jahrespraktikums stellte er fest, dass ich im IT-Bereich nicht gerade unbegabt bin und nach etwa einem halben Jahr wurde mir angeboten eine Ausbildung zur IT-Systemkauffrau zu beginnen. Nachdem ich darüber eine Weile darüber nachgedacht hatte - immerhin hätte ich auch ohne Ausbildung studieren können - habe ich mich für eine Ausbildung entschieden. "Dann hab ich immerhin was in der Hand, falls das Studium doch nichts für mich ist!". Nachdem die Ausbildung dann etwa ein halbes Jahr lief, teilte ich meinem Onkel - der auch mein Ausbilder war - mit, dass ich transsexuell bin und ein Verfahren nach TSG anstrebe, aber dies möglichst gegen Ende der Ausbildung durchführen möchte. Jetzt sollte man vielleicht zum Betrieb wissen, dass wir keine 10 Mitarbeiter haben. Im Grunde genommen habe ich zwei Vorgesetzte: Meinen Ausbilder und dessen Freundin. Und vor allem letztere ist das Problem bei mir.
Da hier eine Zeichenbegrenzung offenbar vorliegt muss ich hier sehr kurz und vage bleiben: Die Mitarbeiterin ist seit fast zwei Jahren regelmäßig herablassend, beleidigend, greift mich persönlich an oder unterstellt Dinge wie beispielsweise, dass ich Dinge von ihr klauen würde. Ihre Thermoskanne, die Tassen des Betriebs und so weiter. Auch werden regelmäßig neue "Regeln" erfunden, nur damit sie meckern kann. Während meiner ganzen Zeit in dem Betrieb standen die Türen auf, wenn jemand da war, einfach weil man dadurch schneller von A nach B kommt und das Ganze ohnehin so auch besser aussieht. Vor gut zwei Monaten kam sie dann auf die Idee, dass es noch nie so gewesen wäre, dass die Türen offen gestanden hätten, und die hätten immer zugemacht werden müssen. Sie schrieb mir dazu per Mail "Lebst du am Hang?". Teilweise behauptet sie auch im Nachhinein, sie hätte mir Aufgaben übertragen, obwohl sie mit mir weder ein Wort gewechselt hat, noch eine Mail noch sonst irgendeine Kommunikation stattgefunden hat. Danach bemängelt sie, dass die Aufgabe nicht erledigt wurde.
Darüber hinaus versucht sie mich konsequent bei meinem Onkel schlecht zu machen. Und damit ist sie erfolgreich. Sehr erfolgreich sogar. Er ist mittlerweile an dem Punkt angelangt, bei dem er glaubt, dass ich eine schlechte Azubine für den Betrieb gewesen wäre. Ich hingegen denke, dass ich die einzige Azubine bin, die in dem Betrieb überhaupt eine Ausbildung abschließen konnte. Zum einen, weil viele Andere dem Rat des Vertrauenslehrers in der Berufsschule nachgegangen wären, und den Betrieb gewechselt hätten (was für mich ja wegen obengenannter Situation ausfallen musste) zum anderen, weil es unglaublich viel Vorwissen und Eigeninitiative in dem Gebiet braucht, um eine Ausbildung überhaupt halbwegs gut zu schaffen, wenn der Ausbilder unter der Woche wenn es hoch kommt 2 Arbeitstage überhaupt mal ansprechbar bzw. erreichbar ist.

In der Praktikumszeit hatte ich auch Aufgaben, die in einer Ausbildung eigentlich nicht gehen. Beispielsweise einen bunten Strauß an "Routineaufgaben" und so ziemlich jeder einzelnen Putzaufgabe im ganzen Unternehmen. Teilweise auch das Auto vom Chef mit einem Lappen komplett säubern. In der Praktikumszeit soll mir das egal sein. Solange es im Rahmen bleibt lasse ich das für mich auch in einer Ausbildung durchgehen. Dieser Rahmen ist aber gesprengt: Wenn es nach ihr ginge, würde ich einmal pro Woche den Müll *aller* Büros runterbringen. Außer es fällt mal mehr Müll an, zum Beispiel wegen einiger Lieferungen. Dann soll ich den Müll auch während der Woche runter bringen. Darüber hinaus soll ich einmal pro Woche sämtliche Türen mit einem Mikrofasertuch solange bearbeiten, bis die Mitarbeiterin keinen Fleck mehr darauf sieht. Das tut nach einer Zeit nicht nur im Rücken, den Beinen und Armen weh, sondern dauert auch noch ziemlich lange. Darüber hinaus soll ich noch in den Büros die Böden und die Stühle absaugen (selbst in den Büros, in denen ich nicht einmal einmal pro Monat drin bin!), sämtliche Whiteboards des Unternehmens regelmäßig von Flecken reinigen (dazu haben sie irgendeinen Reiniger, mit dem das etwas besser geht), darüber hinaus soll ich noch alle Schreibtische im Unternehmen ebenso wie die Türen mit dem Mikrofasertuch von eventuellen Flecken befreien und so weiter und so weiter. Die Liste aller Aufgaben ist ewig lang. Ironischerweise bekam ich diese Aufgaben auch zugewiesen, als ich im Betrieb war, aber ich mein Knie schonen sollte, weil hier ein Verdacht auf Kniebinnenschaden vorlag. Das war dem Betrieb auch bekannt. Und gerade das mit den Türen oder andere Aufgaben, bei denen man oft in die Hocke gehen muss sind da eigentlich gar nicht förderlich.
Die Krönung hierbei ist allerdings, dass sie diese Aufgaben nicht nur ausschließlich mir aufträgt, sondern anderen Mitarbeitern, die davon etwas abgenommen hätten - beispielsweise, weil es eh gerade auf dem Weg liegt, oder gerade keine andere Arbeit zu tun ist - bekommen von ihr aktiv verboten, diese Aufgaben auszuführen. Sie begründet das immer damit, dass ich auch solche Aufgaben machen müsse, und nicht nur die, die mir Spaß machen.
Ich habe bereits mehrfach versucht ein Gespräch mit ihr zu führen - aber das scheint vollkommen sinnlos. Sie leugnet ihr Verhalten komplett und nicht selten wird sie dann sehr herablassend bis beleidigend. Auf Fragen, die ich ihr stelle bekomme ich seit damals übrigens auch keine Antworten mehr. Behindert ja nur die Arbeiten die ich erledige - ist wieder ein Grund, den man mir ankreiden kann, wenn man wieder mal irgendwen anmaulen muss. Ich habe auch das Gespräch mit meinem Onkel gesucht - aber ebenso absolut erfolglos. Danach hatte ich nur noch die Optionen mich bei der IHK zu beschweren, aber das hätte ja nur dem Betrieb meines Onkels geschadet, und das Verhalten hätte sich nicht geändert - oder halt den Betrieb wechseln. Das ging aber aus weiter oben bereits angeführen Gründen nicht wirklich - Wettbewerbssituation und so. Wie mir mein Onkel in der Praktikumszeit erzählte hatte er von mehreren IT-Firmen Kunden übernommen - und teilweise waren die echt nicht klein. Aber das ist ein anderes Thema. Danach habe ich mir vor Augen gehalten, wie lange ich nur noch durchhalten müsse, bevor ich dann durch das Studium eh weggehen würde.
Aber all diese Dinge blieben auch nicht ohne gesundheitliche Folgen. Nach einem Jahr der Ausbildung hatte ich einen psychischen Totalzusammenbruch und wurde knapp 3 Monate stationär behandelt. Seitdem kapsele ich mich von der ganzen Sache schlicht besser ab, und wenn es mehr Druck gibt, dann verhalte ich mich entsprechend, damit ich nicht nochmal zusammenbreche. Das wird mir übrigens auch negativ ausgelegt. Auch aktuell merke ich schon, dass es gesundheitlich schon grenzwertig ist:
Ich fühle mich fast durchgehend antriebslos und niedergeschlagen halte die komplette Ausbildung für sinnlos und mich für absolut inkompetent, was den Beruf angeht, kann mich an der Arbeit kaum noch konzentrieren und will einfach nur noch unsichtbar sein. Ich schlafe seit über 3 Monaten nun wenn es hochkommt maximal 3 Stunden am Stück, und das meistens, wenn ich vor Erschöpfung nach der Arbeit ins Bett gefallen bin. In der regulären Nacht wache ich für gewöhnlich alle paar Stunden wieder auf und fühle mich absolut leer und hilflos und will am liebsten die komplette Ausbildung einfach nur noch hinschmeißen, aber kämpfe mich dann dennoch durch - auch wenn ich Kopfschmerzen, Magenkrämpfe oder ähnliches bekomme. Ich weiß mittlerweile, dass die vom Stress kommen. Gegen die Müdigkeit arbeite ich mit einer großen Menge an Koffein gegen an, damit ich nicht zur Arbeitszeit doch noch einschlafe und damit noch ein bisschen Angriffsfläche zeige... und an manchen Tagen will ich einfach gar nicht mehr hin.
Da das Ganze sich nicht nur auf das Berufsfeld, sondern mittlerweile auch auf das Private auswirkt (sie tratscht darüber sehr gerne mit den Familienangehörigen), und durch meine Großeltern schon angedeutet wurde, dass ich wohl ein eher schlechtes Arbeitszeugnis kriegen würde, wollte ich mal fragen, was ich eigentlich für Möglichkeiten habe. Habt ihr dort für mich Ideen, wie ich das ganze Problem irgendwie "lösen" könnte? Dass es weder dem Betrieb schadet, aber meine Gesundheit nicht komplett den Bach runtergeht und darüber hinaus noch sämtliche Beziehungen darunter leiden und ich über das Arbeitszeugnis noch einen reingewürgt bekomme?

Liebe Grüße

Crawleys

Crawleys: 23.05.2018 22:14:01 |
  • RE: Ausbildung ist der absolute Horror

    Hallo Crawleys,

    Danke für deine ausführliche Anfrage im Forum. Da hast du ja ganz schön was mitgemacht im Betrieb.
    Ich denke, man kann in deiner Situation von Mobbing sprechen. Du hast dabei auch ganz richtig reagiert und dich gegen den psychischen Druck gewehrt bzw. dir professionelle Hilfe geholt und gelernt dich davon abzugrenzen.
    Du bist bereits im dritten Lehrjahr und da ist es nun natürlich schwierig, noch etwas am Verhalten deiner Kollegin zu ändern. Du solltest sie bitten, die Streitigkeiten innerhalb der Firma zu lassen und nicht nach außen und in die Familie zu tragen.
    Eine deiner Ängste ist, dass dein Arbeitszeugnis schlecht ausfallen könnte. Das Arbeitszeugnis muss wahrheitsgemäß und wohlwollend formuliert werden. Du solltest das Arbeitszeugnis unbedingt von Profis checken lassen und ggf. Anpassungen verlangen. Deine Gewerkschaft kann dir dabei helfen.
    Hier ist ein Kontakt für dich vor Ort:

    Ver.di Gießen
    Walltorstr. 17
    35390 Gießen
    Tel.: 0641/93234-0
    Fax: 0641/93234-56
    E-Mail: bz.mittelhessen@verdi.de
    Da kannst du anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und sag, dass du von Dr. Azubi kommst.... Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat. Solltest du kein Einkommen haben (also kein Ausbildungsvertrag) gibt es pauschale Beiträge.
    Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren willst, dann klicke hier: https:/​/​jugend.dgb.de/​++co++f0e4cfdc-7dbc-11e7-b753-525400d872​9f


    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 24.05.2018 09:56:16


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